Liskes Kolumne

    Posted by on Sep 2, 2011

    Deutsche Empörer

     

    Die Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz ist nicht nur ein beliebter Treffpunkt für Blind-Dates oder schnelle Übergaben aller Art, man kann sich dieser Tage auch einfach davorstellen und mitverfolgen wann welche Börse in welchem Land eröffnet. Nur die jeweiligen Kurstürze liefert die Uhr leider nicht. Dafür stehen hier jeden Montag die deutschen Empörer gegen soziale Ungerechtigkeit und die Weltherrschaft der Rating-Agenturen und Hedgefonds. Sie werfen keine Brandsätze, wie die griechischen Empörer, jagen die Regierung nicht zum Teufel, wie es unlängst in arabischen Länder vorexerziert wurde und es sind auch keine 300.000 Menschen, wie eben noch in Tel Aviv oder Madrid. An guten Tagen sind es cirka 30. Es braucht kein Twitter und kein Facebook, um diesen Massenprotest zu organisieren, und Angela Merkel wird weder Panzer noch Wasserwerfer anrollen lassen. Die braucht man hierzulande nur, wenn man Bahnhöfe bauen will. Denn wenn schwäb’sche Bäumle fallen sollen, dann empört er sich schon mal, der Deutsche und macht todesmutig sein Wahlkreuz bei den Grünen. Für echten sozialen Aufruhr in diesem Land muss man ein bisschen zurückschauen. 22 Jahre würden die Aktivisten an der Weltzeituhr sagen, beziehen sie sich doch auf die Tradition der Montagsdemos, die seinerzeit nicht nur eine Regierung sondern gleich einen ganzen Staat hinwegfegten. Aber tatsächlich ist der Beginn des letzten sozialen Aufruhrs in Deutschland erst 20 Jahre her. Am 17. September 1991 ging es in Hoyerswerda los, griff schnell auf weite Teile des Ostens über und erreichte am 16. August 1992 in Rostock den mediale Klimax. Es gab Brandsätze, wie in Griechenland, es gab Tote, wie in Ägypten, und hunderttausende Sympathisanten. Nur jagte man keine Regierung zum Teufel, sondern „Neger“ und „Fidschis“. Und das ist das Problem. Das deutsche „Empört euch!“ trägt den Titel „Deutschland schafft sich ab“ und stammt aus der Feder Thilo Sarrazins. Und selbst wenn es mal nicht gegen Migranten geht, sucht die soziale Wut den Gegner immer unten, niemals oben. Die Friseuse auf HartzIV-Niveau will selber nicht mehr haben, nur die anderen – also die HartzIV-Empfänger – sollen gefälligst weniger kriegen. Das ist die Crux mit diesem Land und seinen Bürgern. Man kann nicht mal auf einen Aufstand hoffen, im Gegenteil – man sollte ihn fürchten. Andererseits wird keine Empörung etwas bringen, so lange es Börsen und Rating-Agenturen gibt, die mit ihren Wetten und Ratings alle sozialen Bestrebungen viel zielsicherer beenden können, als das mit Panzern oder Wasserwerfern möglich wäre. Wobei man sich schon fragen darf, wann die EU oder die USA auf den Gedanken kommen, dass hier feindliche Mächte wie Computer-Malware auf alle Bereiche ihrer Innen- und Bündnispolitik zugreifen und also auch so bekämpft werden müssen. I had a dream (nämlich letzte Nacht) und der ging so:

     

    US-Präsi Obama hat endlich die Faxen dicke, lässt die Agenturen Standard & Poors, Moody’s und Fitch von der Nationalgarde stürmen und erklärt das kapitalistische Experiment für beendet. Griechenland, Potugal und Italien treten sofort aus der EU aus und den Vereinigten Staaten bei. China und Russland bezeichnen die USA als neues Reich der Finsternis, und während Merkel noch überlegt, ob sie Chinesisch oder Russisch als erste Fremdsprache einführen soll, wird sie von einem Assad-Kommando als Faustpfand nach Damaskus entführt. Westerwelle putscht sich ins Kanzleramt. Bayern tritt aus der Bundesrepublik aus und kehrt unter Theo I. kurzzeitig zur Monarchie zurück. In der muslimischen Welt hat niemand mehr Lust auf Steinigungen oder Attentate, so spannend ist jetzt das Fernsehprogramm. Kanzler Westerwelle lässt noch schnell Märchenkönig Theo von Leibarzt Rösler im Chiemsee ersäufen, bevor er selbst von einem Navy Seals-Kommando in die psychiatrische Abteilung von Guantanamo verlegt wird, wo Berlusconi und Sarkozy schon auf ihn warten. Die chinesische Wirtschaft erstickt, mangels westlicher Nachfrage, am eigenen Plastikmüll. Die Russen kehren zum Wodka zurück. Assad gibt sich die goldene Wasserpfeife, sein Nachfolger senkt Merkels Lösegeld auf einen symbolischen Euro, ein Templiner Spargelbauer lässt sich das Schnäppchen nicht entgehen, und endlich ist jeder da, wo er hingehört …

    Hier endete der Traum. Wäre er weitergegangen, dann wohl mit der sozialen Weltrevolution. Aber ohne deutsche Empörer. Die sollen sich lieber um ihre Bahnhöfe kümmern. Ist sicherer.

     

    Markus Liske

     

     

    3 Comments

    1. Franz
      2. September 2011

      „Man kann nicht mal auf einen Aufstand hoffen, im Gegenteil – man sollte ihn fürchten.“
      Jap, das trifft es wohl. Wir sind soweit, dass jeder Widerstand gegen echte Ungerechtigkeiten als krimineller Akt gesehen werden und die Leute nur noch nach unten treten und würde man ihnen die Chance geben – sie würden auch nach unten schießen.

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    2. Pierre
      2. September 2011

      Hach ja, ich les dich gerne. 🙂

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    3. R@lf
      10. September 2011

      Ich fürchte fast, mensch muss in diesem Schlafmützenstaat bis 1848 zurückgehen um ohne Revolutionsromantik zu realisieren, daß da mal irgendwo Empörung war. Daß die Enkel’s besser ausfechten, darauf warten wir noch heute, wenn auch der Posauenenstoß aus der Täterä ein noch nicht ganz verhallter Weckruf gewesen sein mag. Statt Weckruf ist jetzt seit Ende August wieder Weckmann angesagt und Michel und Micheline kriegen weder auf Reifen noch Rolle, daß es alleine hier in Baalin jenuch Jrund zur Empörung gäbe. Die Mieten-„Groß“-Demo am 3.9. war ja fast jämmerlich mit ihren höchstens sechstausend Hanseln nach nem halben Jahr Vorbereitung – zehntausend mindestens wäre das untere Limit gewesen. Also brennt allen offenbar noch nicht genug der Arsch…
      Vielleicht sollte man lieber fordern: Entstört Euch!
      Damit wieder’n paar Botschaften ankommen.

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