Markus Liske

HAUT

(Roman-Auszug)

Sind Sie bereit? Ich bin es – bereit, Ihnen alles zu erzählen und jede Frage ehrlich zu beantworten. Es wäre ja sinnlos jetzt noch zu lügen. Die Lüge ist ein Element Ihrer Welt. Ein ebenso schönes wie unverzichtbares Element – keine Frage. Ich habe die Lüge geliebt wie mich selbst, wobei die Grenzen zwischen mir und ihr im Nachhinein schwer zu bestimmen sind. Aber hier drinnen gibt es nur Wahrheiten, und vielleicht werde ich irgendwann wissen, ob das ein Segen, ein Fluch oder letztlich bedeutungslos ist. Wie dem auch sei, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.
(…)

Was für eine Frage! Natürlich weiß ich noch, was an diesem Tag geschah. Es gibt keinen Tag in meinem Leben, an den ich mich besser erinnern würde. Jede Sekunde, jeder Schritt hat sich mir eingebrannt – die ganze Kette spontaner Entscheidungen und die Zufälle, die zu ihnen führten. Dieses bezaubernde Aktbild einer hochschwangeren Frau im Schaufenster des Fotografen, vor dem ich stehen blieb, die Ampel, die plötzlich auf Rot schaltete, der breite Sonnenstrahl der wenig später durch die Wolken brach und auf den Spielplatz fiel, die Pausenklingel der Schule, die strahlenden Blondschöpfe, die daraufhin ins Freie stürmten – nichts davon werde ich jemals vergessen. Trotzdem: Es wird sich verändern. Die Erinnerungen verändern sich mit jedem Vorgang des Erinnerns, und man hat hier viel Zeit dafür. Meine Geschichte wird sich verändern mit den Jahren, ohne dadurch Lüge zu werden. Es wird ja die Wahrheit selbst sein, die sich verändert, weil Wahrheit immer subjektiv ist. Die Wahrheit über diesen sonderbaren Tag ist nicht von meiner Person zu trennen. Selbst wenn es für jeden meiner Schritte Zeugen gegeben hätte, könnte doch nur ich erzählen, was meine Augen gesehen haben, welche Entscheidungen dadurch herbeigeführt wurden und warum. Für den Chronisten – also für Sie – macht es das sicher nicht einfacher. Als Historiker ist man ja auch froh, wenn der letzte Zeitzeuge verschieden ist und man endlich anfangen kann, ungestört an den schriftlichen Quellen herumzudeuten. Aber – keine Sorge – momentan ist bei mir alles noch ziemlich frisch und meine subjektive Wahrheit einer gemutmaßten objektiven noch sehr nah, das kann ich Ihnen versprechen.   
(…)

Nicht so schnell! Sie werden schon noch hören, was Sie hören wollen. Aber es gibt mehr zu erzählen als das. Dieser Tag war nur ein Tag in meinem Leben. Ein bedeutsamer, aber trotzdem nur einer von vielen. Lassen Sie uns zuerst über all die anderen Tage sprechen, die diesem einen vorangingen, und ohne die er nur eine Zahl im Kalender geblieben wäre, ein Tag, den man vergisst, nur ein weiteres sinnloses Stück Leben.
(…)

Sie sind der Frager. Haben Sie sich nicht vorbereitet? Das kann doch nicht so schwer sein! Fragen Sie von mir aus nach meiner Kindheit. War gut. Keine größeren Probleme, keine mildernden Umstände. Eltern tolerant, Schule angenehm. Nur Sport war scheiße. Herr Decker. Ein pädophiler Faschist, meiner Ansicht nach. Aber ich bin sicher kein Spezialist für die Beurteilung von Sportlehrern. Wollen Sie so was hören? Oder fangen wir kleiner an? Erst mal ein Profil schaffen? Beruf: Keiner. Hobbys: Keine. Lieblingsfarbe: Weiß. Lieblingsband: Das war mal Soft Cell, glaube ich. Amüsant, wenn man meine heutige Situation betrachtet, finden Sie nicht? Kennen Sie Soft Cell überhaupt noch? Nun kommen Sie schon! Ich kann doch nicht alles alleine machen.
(…)

Ja, richtig: Die Achtziger. Unterkühlte Lyrik zu minimalistischem Synthiesound. Ziemlich affektiert in der Darreichungsform, aber von ungewöhnlich präziser Analytik in den Texten. Jedenfalls für Popmusik, würde ich mal behaupten. Allerdings habe ich mich nie sonderlich mit Popkultur auseinandergesetzt. Bestimmt gibt es auch andere positive Beispiele. Für mich hat sich dieser ganze Pop-Komplex schon während meiner ersten Uni-Semester auf Soft Cell reduziert, weil die Anlage in meinem Auto kaputt war. Das Radio ging gar nicht und jede Cassette endete spätestens beim zweiten Hören in Bandsalat. Bis auf ‚The Art of Falling Apart’ von Soft Cell. Ausgerechnet. Aber ich glaube kaum, dass das ein Beweis für göttliche Ironie ist. Das war einfach nur eine Kaufcassette mit sehr kurzem, straffem Band, keine von diesen labbrigen Neunzigminütern, die man selbst bespielte. Jedenfalls hörte ich deswegen jahrelang nichts anderes, bis der Wagen irgendwann schlappmachte.
(…)

Selbstverständlich habe ich auch zuhause Musik gehört oder in Discos – ich bitte Sie! Ich bin schließlich ein Mensch und keine von diesen Kunstfiguren, die man auf Einzelmerkmale reduziert, um sie anschließend als Fallbeispiel abzuurteilen. In mir gibt es nichts Absolutes, so wenig wie in Ihnen. Aber im Auto lief immer diese ein Cassette. Zehn Jahre lang. Ich habe sie also gut hundertausendmal öfter gehört, als jedes andere popkulturelle Produkt, Werbesongs eingeschlossen. Aber sind Sie wirklich hier, um sich mit mir über so was redundantes wie Popkultur zu unterhalten? Dann können wir das Ganze gleich vergessen.
(…)

Mag schon sein, dass ich diesen Dingen früher eine größere Bedeutung zugemessen habe. Wahrscheinlich sogar. Selbst als Verweigerer bleibt man ja Kind seiner Zeit, und ich war bestimmt kein Verweigerer. Ich weiß, dass ich Poster in meinem Zimmer hatte, einen Plattenschrank und phasenweise sogar komische Frisuren. Man kann also davon ausgehen, dass ich mich regelmäßig mit Freunden über coole neue Filme, Platten und Bücher unterhalten habe, und dass all diese jugend- und subkulturellen Produkte meine Weltsicht prägten. Im Rückblick muss ich allerdings sagen, dass ich meine fatalsten Persönlichkeitsmerkmale tatsächlich den Lehrern an meiner Schule verdanke. Ich glaube, das geht vielen so, obwohl es kaum jemand zugeben würde. Den Einfluss der Eltern als Ausrede für eigene Charakterschwächen zu benutzen ist ja sehr beliebt, aber über den Einfluss von Lehrern schweigt man für gewöhnlich. Dabei verbringt man doch einen Großteil seiner Kindheit in deren Obhut. Schämt man sich etwa zuzugeben, dass nicht nur der eigene Charakter von Anderen geprägt wurde, sondern auch die eigene Weltsicht und Logik? Und aus welchem Grund findet man die eine Prägung schändlicher als die andere? Das habe ich nie verstanden.
(…)

Uns wurde beigebracht alles zu bewerten, zu allem eine Meinung zu haben. Und das ist ganz bestimmt ein Fluch. Ich war an einer linken Schule – so nannte man das jedenfalls damals. Die Lehrer hatte mehrheitlich lange Haare, die Lehrerinnen kurze. Wir organisierten Demos während der Unterrichtsstunden, es gab ständig Projektwochen, Schüler-AG’s kümmerten sich um Kaffee aus Nicaragua oder den Weltfrieden, und über alles musste diskutiert werden, sogar über die Noten. Auf Elternabenden wurde oft moniert, dass dabei das Erlernen von Faktenwissen zu kurz käme, aber das kann ich nicht bestätigen. Das eigentliche Problem dieser Unterrichtsmethoden war, dass man uns die Gleichgültigkeit nahm. Zumindest hat es bei mir so gewirkt. Keine Ahnung, wie es den Anderen damit erging, ich jedenfalls wurde später oft als unbequemer Charakter wahrgenommen, als Besserwisser, zuweilen sogar als Spaßbremse. Im Beruf, im Freundeskreis, überall. Manchmal fand ich mich selbst scheußlich dafür. Trotzdem konnte ich nie aufhören, alles zu analysieren, mir schnellstmöglich eine Meinung zu bilden und diese dann lautstark zu vertreten. Also: Natürlich könnte ich Ihnen hier ebenso gut ganze Vorträge über Popkultur halten. Es nicht zu tun, ist für mich ein echter Fortschritt. Wenngleich ‚redundant’ ja auch schon wieder eine Bewertung ist, eine Meinung. Dabei wünsche ich mir nichts mehr als Gleichgültigkeit in diesen Fragen. Dasselbe gilt übrigens für Politik und Wirtschaft. Ich bitte Sie, das zu respektieren.
(…)

Noch mal: Sie sind nur hier, weil ich es gestattet habe. Und ich neige schon jetzt dazu, diese Entscheidung zu bereuen. Also geben Sie sich gefälligst Mühe, mir gute Fragen zu stellen! Fragen Sie mal was Ungewöhnliches! Worüber wollen wir sprechen? Amüsieren Sie mich Ihrem Scharfsinn!
(…)

Liebe? Ein großes Wort. Das müsste man erst mal definieren. Ich dachte, wir fangen kleiner an, tasten uns ein bisschen ran.
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Gut, Sie haben recht. Die Frage ist zulässig. Ein bisschen plump, aber zulässig. Wen ich liebe, braucht man ja nicht mehr zu fragen. Das hat sich erledigt. Was könnte ich also lieben? Den verkochten Fisch jeden Freitag? Sicher nicht. Eine absurde Instanz übrigens dieser Freitagsfisch. Sehr katholisch, auch wenn man ihn hier mit Buchweizengrütze serviert, wie in Osteuropa. Den tollen Ausblick? Wohl kaum. Vielleicht doch keine schlechte Frage. Und ich nehme mal an, es gibt keinen Telefon-Joker? Also Antwort A: Meine Haut. Ich liebe meine Haut.
(…)

Jetzt bitte keine WG-Küchen-Psychologie! Das war wörtlich gemeint: Ich liebe meine Haut. Nur meine Haut, damit wir uns richtig verstehen. Nicht den Körper da drunter. Also nicht, dass ich grundsätzlich was gegen meinen Körper hätte. Aber allgemein halte ich den Wert des Fleisches für ziemlich überschätzt. Wissen Sie, alle reden immer vom Fleisch. Von Fleischbeschau. Von Fleischeslust. Dabei sieht man es nie, dieses Fleisch. Wenn man so davon redet, meint man in der Regel doch die Haut und nicht den Haufen dumpfer Muskelfasern, Sehnen und Fett unter ihr. Und das ist nur logisch, denn im eigentlichen Sinn ‚schön’ oder ‚geil’ sehen die ja nun bestimmt nicht aus, oder?
(…)

Ein Steak – von mir aus. Das hat natürlich eine gewisse Ästhetik. Vor allem, wenn unter ihm das leicht brodelnde Restblut zu bräunlichem Schaum gerinnt. Auf diesem heißen Stein, auf dem es in Steakhäusern immer serviert wird. Herrlicher Anblick, wenn oben die unausweichliche Kräuterbutter auf ihrem eigenen Schmierfilm langsam zur Seite wegrutscht. Ja, natürlich ist das geil. Aber das ist die Ästhetik des Appetits. Eine angelernte Reaktion ist das. Ich meine, die Geschmacksnerven finden – abgesehen vielleicht von ein paar durch Nahrungsüberfluss angezüchteter Blasiertheiten – eben alles gut was erfahrungsgemäß satt macht, ganz egal wie es aussieht. Und deshalb bescheißen sie das Auge mittels des Gehirns.  Schnecken, Heuschrecken oder sogar Haferschleim – all das können wir schön finden. Es muss nur irgendwie zubereitet sein, am besten mit etwas Grünzeug nebendran, einem Teller darunter und einem laufenden Fernseher gegenüber. Oder einem Gesprächspartner – der tut’s natürlich auch. Jedenfalls, wenn er ansprechend gekleidet ist und möglichst vom anderen Geschlecht. Wobei in dem Fall ‚ansprechend gekleidet’ für mich heißt: Ein tiefer Ausschnitt, oder noch besser: was Schulterfreies. Jedenfalls muss viel Haut zu sehen sein. Über der Tischkante. Von kurzen Röcken oder bauchfreien Oberteilen hat man ja nichts, wenn man sich so gegenüber sitzt. Haut muss man anschauen können. Fleisch dagegen ist zum Essen da und nicht zum Anschauen. Deshalb hat es die Natur, Gott oder wer auch immer von Kopf bis Fuß in Haut verpackt. Und die wiederum isst sich nicht so gut. Außer beim Hühnchen.
(…)

Sie haben doch die Frage gestellt. Jetzt bleiben wir auch dabei. Ich bin noch nicht am Ende. Je weiter man reinkommt in so einen Körper, nimmt die Schönheit nämlich weiter ab. Noch tiefer versteckt – und zwar mit Recht – sitzen die Verdauungsorgane, Därme und Drüsen. Seien wir ehrlich: Schwabbeliges Gewebe von so monströser Optik, dass es einen schütteln könnte, glibbernd und saftend. Grausig. Hässlichkeit, die nur noch vom eigenen Geruch an Ekelhaftigkeit übertroffen wird, sofern man die Bauchdecke öffnet. Deshalb machen so was ja eigentlich nur Schlachter, Jäger oder Pathologen, also Leute, die dafür bezahlt werden. Freiwillig würde das wohl kaum jemand tun.
(…)

Ich lenke nicht ab! Mir geht es einfach darum, dass man so einen Körper in seiner Gesamtheit nicht lieben kann. Völlig egal ob es sich um ein Tier oder einen Menschen handelt. Wenn jemand zu ihnen sagt: „Ich liebe alles an dir!“, dann meint der doch nicht ihre Leber! Oder ihre Bauchspeicheldrüse! Dass solche monströsen Teile in dem geliebten Gegenüber überhaupt vorhanden sind, das verdrängt man doch! Dieses Zeug kommt einem immer nur dann ins Bewusstsein, wenn es nicht funktioniert. Wenn sich etwa Geschwüre da drinnen bilden. Und wenn die dann die geliebte Hülle von innen her auffressen, Beulen, Dellen oder widerliche Gerüche erzeugen. Dann kann man das da drinnen natürlich nicht mehr übersehen. Aber dann hasst man es. Und dieser Hass, der trifft nicht etwa die eine kaputte Drüse allein – nein. Man hasst den Körper im Ganzen. Für sein Nichtfunktionieren. Denn, dass er funktioniert, ist doch alles was wir normalerweise von ihm erwarten, oder nicht? Ich meine: Auch diesen ganzen Fitness-Spinnern, diesen Joggern, Heimgymnastikern oder Studiostramplern, ja, selbst den Profi-Sportlern geht es letztlich nur darum. Keiner von denen identifiziert sich ernsthaft mit dem, was da unter seiner Haut vorgeht, da bin ich mir sicher. Keiner. Deshalb benutzen die auch immer diese medizinischen Fachtermini, wenn sie darüber sprechen. Die lieben ihren Körper nicht, die haben Angst vor ihm! Angst davor, ihn schon bald hassen zu müssen! Und diese Angst überspielen sie mit wissenschaftlicher Nüchternheit und klingen dabei wie Ärzte oder Biologen. Als ob man durch die Verwendung korrekter Fachbegriffe Einfluss auf den Körper nehmen könnte! Alles Quatsch. Nur ein Arzt kann Einfluss nehmen. Wenigstens manchmal.
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Ist das wirklich so sonderbar? Oder wollen Sie es nur sonderbar finden? Vielleicht, weil es Sie beunruhigt? Geben Sie es zu: Körper sind hässlich. Geradezu obszön. Von direkt unterhalb der Haut bis in ihre modrigsten Tiefen. Eine Zumutung. Und sie mit Zwiebelchen kurz anzuschmoren und auf einer Rotweintunke zu servieren, das verbietet uns die Zivilisation. Beim Menschen jedenfalls. Womit unser Körper in seiner Hässlichkeit irgendwie noch sinnloser wird, als beispielsweise der eines Schweins, mit dem man das ja problemlos so machen könnte. Nur, dass man statt des Rotweins wohl eher einen Weißen nehmen würde. Ich habe mal in Rumänien ein Schweineschnitzel gegessen, das mit dem Hirn des Tiers gefüllt war. Ganz hervorragend. Und ab dem zweiten Haps sah es sogar richtig gut aus, wie es da so rausquoll.
(…)

Worauf ich hinauswill? Ich will darauf hinaus, dass die sogenannte Fleischeslust mit Schönheit in der Regel ebenso wenig zu tun hat, wie mit Liebe. Das Gegenteil ist der Fall. Das ist ja gerade das Desaster.

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