Djewotschka will heim
Es soll schon vorgekommen sein, daß vier Menschen miteinander am Tisch sitzen, schweigen und nichts mehr wünschen, als nie mehr an diesen Tisch zurückkehren zu müssen. Fliehen wollen, aus der allmorgendlichen Enge einer winzigen Küche, wo Kniescheiben an Holzkanten stoßen, Stühle hin- und hergerückt werden, wo es heiß ist, wegen des Heizkörpers, der unterhalb des Tisches surrt. Ausweichen, der sonoren Stimme des Radiomannes, den ständigen Unterbrechungen durch das Plärren der Megahits vom Nachbarsender. Dem schlechten Empfang, mit dem sich alle abgefunden haben, weil ja Stille nicht zum Aushalten ist. Entkommen, den besinnungslosen Gesten, dem Bittedanke, Butter hin, Marmelade her. Geköpften Eiern. Nicht mehr aushalten müssen, die spezifische Mixtur der Gerüche aus Parfum und Wurstwaren, frischem Brot und Rasierwasser. Wir haben keinen Appetit, aber wir müssen etwas essen.
Und dann, wenn alles vorbei ist, Jahrzehnte später, wird der Tisch zum Sehnsuchtsort, zum Inbegriff von Zuhause. Ausgerechnet dieser Moment einer fernen, vergangenen Zeit, kehrt wieder und wieder. Als wollte Etwas zurück in die Küche, zurück zum Marmeladenbrot, zurück zum Schweigen. Als ob ein Stück von dir sitzen geblieben ist dort, in der Enge...
„He, träum nicht, wir müssen hier raus!“ weiterlesen

Horde blau
zu singen auf „Tango ´til they sore“ von Tom Waits
Sie stehen nachts am Straßenrand
und pissen vor die Tür´n
Sie hörn sich gerne brüllen
und sie können nicht verliern
Am liebsten in der Horde blau
zur Not geht’s auch allein
Sie züchten fiese Hunde
und sie feiern im Verein
Solche Männer mögen leider kein Konfetti unterm Haar
Sie haben nichtmal Haare, das ist wirklich sonderbar
Solche Männer sind Soldaten
oder wären´s gern geworden
Was der Pappa kann
kann ich schon lang
und Schluß!
Ein Kamerädlein steht im Walde
irgendwo im Kosovo
Es schmeißt die nächste Pille ein
Jetz isses wieder froh
Das Handy klingelt volkstümlich
„Das kann nur Mutti sein !“
Die Kumpels in der Heimat
grillen grad ein wildes Schwein
Solche Männer mögen leider kein Konfetti unterm Haar . . .
Ihr Rhythmus kennt Marschieren
nur, das Geh´n „linkszwodreivier“
Die Gemeinschaft zelebrieren
sie verwechseln „mich“ und „mir“
Wenn sie Eichen seh´n und Moose
weinen - goetheschillerstolz -
Ein paar Tropfen in die Hose
sie diskret ins Unterholz
Solche Männer mögen leider kein Konfetti unterm Haar . . .
Mein Leben zwischen den Jahrhunderten
Sehr verehrtes Publikum, ich stehe hier als ein Mensch ohne Geld und Glauben vor Ihnen. Das eine Jahrhundert ging, das andere kam, die Zeiten gaben sich die Klinke in die Hand und nicht nur dem Engel der Geschichte steht ständig der Mund offen, wenn man bedenkt wie wenig das Heute dem Gestern gleicht, zumindest äußerlich. Und nichts anderes zählt ja heut, als das Offensichtliche, das, was scheint.
Was bleibt, ist meine religiöse Abstinenz, und Abstinenz ist wohl auch die richtige Bezeichnung für mein Verhältnis zum Geld, doch dazu später.
Es trug sich zu, daß meine Kindheit in eine jener galaktische ORT-ZEIT-SPANNEN fiel, in der die Menschen das Oben nach unten und Unten nach oben zu kehren trachteten. So lehrte man mich, Schlösser und ihre prächtigen Gartenanlagen zu verachten, da sie die Herrschaft Weniger über Viele repräsentierten, was total einleuchtend war. Genauso wie die Tatsache, daß Ländereien, Wälder und Seen allen gehörten, also auch mir. Könige, Prinzessinnen und andere adelige Herrschaften gab es nur im Märchen, wo sie hingehörten. Genau wie Gott. Es gab einfach keinen Gott bei uns, nicht in meiner Straße und nicht im Stadtviertel, jedenfalls wenn man vom Kneipenwirt um die Ecke absah, dessen respektable Allmacht offensichtlich war. Ihr Bedürfnis nach allumfassender Liebe und Einssein mit dem Universum lebten die Erwachsenen in ebenjener Kneipe aus. Uns Kindern blieb die Solidaritätsbewegung, die erste mir namentlich bekannte Form von Globalisierung. Alle Kinder, weltweit, waren meine Freunde. weiterlesen




