Liskes Kolumne

    Posted by on Nov 11, 2011

    Mal was Privates:

    Vom Buddha lernen, heißt siegen lernen!

    „Nicht ausserhalb, nur in sich selbst soll man den Frieden suchen.“

    Das soll der Buddha mal gesagt haben, behauptet jedenfalls der Buddhist der unter mir wohnt. Kann aber auch Stalin oder Eichmann gewesen sein. Ein treffender Satz jedenfalls für das Leben in unserem Hinterhaus, denn außerhalb gibt es schon lang keinen Frieden mehr …

    „Atze, wo iss’n der Schraubenschlüssel hin!?“, schreit beispielsweise Robinson, einer der drei Schwarzarbeiter, die dem neuen Hausbesitzer gerade direkt gegenüber ein Penthouse aufs Vorderhaus bauen. Dann schreit Atze zurück: „Leck mich, du Arsch! Pass halt selber auf dein Zeug auf!“ Undsoweiter. Sechs Tage die Woche von morgens um sieben bis abends um sieben. Dazu brüllt ein mir unbekannter Radiosender die geilsten Hits der Achtziger in den Hinterhof: Geronimos Caddilac, Maria Magdalena oder Wild Boys.

    Nach Feierabend oder wenn die Arbeiter mal Pause machen, schreien sich unsere Fickifickis an. Die Fickifickis sind mit dem neuen Hausbesitzer verwandt, genauer mit dessen südamerikanischer Gattin. Es gibt zehn oder zwölf von den Fickifickis und sie bewohnen inzwischen drei Einzimmerwohnungen in unserem Hinterhof. Die Fickifickis schreien sich am liebsten an, bevor sie lautstark ihrem Spitznamen gerecht werden. Oder sie schreien sich an, nachdem sie lautstark ihrem Spitznamen gerecht wurden. Einmal haben sie sich auch angeschrien, während sie gerade lautstark ihres Spitznamens gerecht wurden. Das gehört für sie einfach dazu.

    Wenn es mal echten Streit gibt, was drei bis vier mal am Tag vorkommt, stehen die Fickificki-Männer schreiend im Hof und die Fickficki-Frauen hängen schreiend aus den Fenstern. Nachts gibt es Fickificki-Partys, immer abwechselnd in einer der drei Wohnungen. Dabei schreien sie sich bis morgens um vier zu stampfendem Latino-Pop an. Anschließend verteilen sie sich, um abermals ihrem Spitznamen gerecht zu werden, bevor morgens um sieben der Fahrstuhl am Baugerüst angeworfen wird und Atze schreit: „Wo habt ihr schon wieder den beschissenen Schlagbohrer hin?!“

    hinterhof november 2011

    Buddha never lived in hinterhöfen

    Die Antwort ist diesmal kaum zu verstehen, denn Robinson schreit nur, wenn es unbedingt nötig ist. Zwar säuft er nicht weniger als Atze, während er auf dem Gerüst herumturnt, aber Atze ist der Vorarbeiter und Robinson ein eher autistischer älterer Herr mit Zottelbart, der am liebsten allein vor sich hinbastelt oder heimlich Freitags Arbeit ausbessert.

    Freitag ist der dritte Bauarbeiter. Er trinkt kein Bier, was sicher besser ist, muss er doch stets die wirklich gefährlichen Arbeiten übernehmen. Mal sieht man ihn auf der Regenrinne balancieren, mal muss er Stahlträger annehmen, die ein schon lallender Atze grob angeleint zu ihm herab lässt. Freitag heißt so, weil man ihn herkunftsmäßig den Fickifickis zurechnen könnte und er stets die Nähe Robinsons sucht. Auch scheint er stumm zu sein, was ihn sympathisch macht.

    Atze ist nicht stumm, er ist ja Vorarbeiter. Atze kommt aus Brandenburg, trägt unfreundliche Tätowierungen vom Steiß bis zur Glatze und regt sich gerne auf. Er schreit Robinson an. Er schreit Freitag an. Und letztens schrie er sogar den Buddhisten an, der unter mir wohnt. Das war kein Spaß, denn auch der Buddhist trägt Glatze und regt sich gerne auf. Der Buddhist kommt aus Grimma, hört gern Böhse Onkelz, und neben dem Buddha verehrt er Stalin und Eichmann. Deren Zitate bringt er zuweilen durcheinander.

    Wenn er mal nicht in seinen orange eingefärbten NVA-Tarnklamotten breitbeinig durch unsere Straße patroulliert, hockt der Buddhist in einer der zahlreichen Kneipen und missioniert ahnungslose Touristen. Er redet dann betont sanftmütig von dem Buddha, der angeblich dies und jenes zur aktuellen Weltlage sagt und wartet auf Widerspruch. Sobald der Widerspruch endlich kommt, fängt der Buddhist an zu schreien und prügelt den Touristen aus der Kneipe.

    Ob auch der Streit zwischen ihm und Atze in einer Prügelei mündete, kann ich nicht sagen. Ich hielt mir die Ohren zu, um nicht die Polizei rufen zu müssen. Ich wollte ja weder Atze noch dem Buddhisten das Leben retten. Man muss auch mal an sich denken. „Wo jeder lärmend sich einmengt, wird man niemals zur Vernunft kommen“, sagt schließlich der Buddha. Oder Stalin. Oder Eichmann.

    Buddha never lived in hinterhöfen

    Überlebt haben sie trotzdem, wie mir die über und über mit echter Scheiße verschmierten Baumaterialien am nächsten Tag unmissverständlich klar machten. Der Buddhist ist eben nicht nur weltanschaulich pervers.

    Atze schrie ordentlich rum deswegen, bevor er mit Robinson einen saufen ging. Freitag blieb zurück, denn einer musste ja die Scheiße des Buddhisten entfernen. Es hätte ein ruhiger Tag werden können, doch die Fickifickis mögen keine ruhigen Tage. Vielleicht ist es bei ihnen so, wie man es sich von den New Yorkern erzählt. Die bespielen angeblich ihren I-Pod mit Großstadtlärm, wenn sie ins Grüne fahren, weil sie ohne den nicht schlafen können.

    Leider haben es die Fickifickis versäumt, sich Favela-Geräusche auf ihre I-Pods zu spielen, bevor sie hier einzogen und sind daher auf Live-Performance angewiesen, wenn die Baustelle schweigt. Sie schwieg diesmal lang, weshalb es den gesamten Fickificki-Clan benötigte, um ihren heimeligen Geräuschpegel herzustellen.

    In einer Wohnung vergnügten sie sich mit fliegenden Tellern und verschiedenen Spielarten häuslicher Gewalt, in der zweiten eröffneten sie eine Samba-Disco und in der dritten wurden sie ihrem Spitznamen gerecht. Dazu versammelte sich die Kinderschar der Fickifickis im Hof, um mit dem bereits von Buddhistenscheiße gereingten Teil des Baumaterials fröhlich auf die Mülltonnen einzuschlagen. Ein wahres Fest.

    Ich war beinah froh, als ich am nächsten Morgen vom Lärm des Schlagbohrers und Atzes Geschrei geweckt wurde. Aber die Freude sollte nicht lang währen, und das lag an unserem neuen Hausbesitzer.

    Der Mann ist ein kreuzberger Achtundsechziger, was einige Nachteile mit sich bringt. So schämt er sich wohl für seine Arschlöchrigkeit uns Altmietern gegenüber, weshalb er uns weder grüßt noch irgendwie mit uns kommuniziert. Er ist sozusagen ein Fleischesser der dem Schlachtvieh nicht in die Augen gucken kann. Dafür hat er einen Schlachter – also Anwalt – aus Wilmersdorf, der mal Pressesprecher einer liberalen Partei war und von Abmahnungen für illegale Downloads lebt.

    Außerdem hat der neue Hausbesitzer einfach nicht genug Geld, es langt nicht mal für Atze, Robinson und Freitag.

    Den ersten Hinweis darauf brachte eine Mietspiegelangleichung des Wilmersdorfer Anwalts, aus der wir erfuhren, dass unsere Wohnungen über Sammelheizung, Doppelglasfenster und geflieste Badezimmer verfügen. Und wir Idioten haben immer in der Küche geduscht, die Fenster mit Schafsfellen verhängt und Kohlen in den vierten Stock geschleppt!

    Zwei Tage später der nächste Hinweis auf finanzielle Sorgen des Vermieters – Atze schreit ins Handy: „Wenn du nicht morgen mit 700 Euro in bar hier stehst, reiß ich die Mauer wieder ein und schmeiß das ganze Werkzeug vom Gerüst!“

    Und eine Woche später der finale Hinweis – Atze: „Jetzt reichts mir, du Wichser! Bau deinen Scheiß alleine! Wir lassen uns doch nicht verarschen! Hier, nimm das! Und das!“ Werkzeuge und Steine fliegen vom Gerüst. Klirrende Scheiben in der Hofeinfahrt. Abgang Atze und Robinson.

    Einzig Freitag bleibt zurück, denn Leibeigene kriegen ja eh kein Geld.

    In den folgenden Tagen fährt er morgens mit dem Gerüstfahrstuhl aufs Dach und blickt bis zum Abend traurig übers Häusermeer, auf der Suche nach Robinson. Zum ersten Mal seit Monaten legt sich Stille über den Hinterhof. Selbst die Fickifickis schweigen. Vermutlich ist ihnen klar, dass es von jetzt an sehr viele Stunden geben wird, die akustisch zu füllen sind, und sie erarbeiten einen Schichtplan. Auch Fickifickis müssen ja mal schlafen. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wilmersdorfer Anwalt gemacht.

    Inwieweit Abmahnungen für illegale Downloads für die Pleite des alten neuen Hausbesitzers mitverantwortlich waren, weiß ich nicht, aber neuer neuer Hausbesitzer ist jetzt der Wilmersdorfer Anwalt. Und weil der keine südamerikanische Gattin hat, müssen die Fickifickis jetzt arbeiten gehen. Man hört sie nur noch, wenn man am Alex aus der U-Bahn steigt. Keine Orgasmen mehr, nur Samba-Getrommel in artgerechter U-Bahn-Haltung.

    Im Hinterhof macht sich Hoffnung breit.

    „Jetzt kommt endlich ein ordentlicher Bautrupp, und das blöde Penthouse ist zum Winter fertig“, sagen die einen. Die anderen träumen von Komplettsanierung, fünfstelligen Abfindungen oder schicken Umsetzwohnungen. Aber: „Das Leben ist kein Problem, das es zu lösen, sondern eine Wirklichkeit, die es zu erfahren gilt“, sagt der Buddha. Oder Stalin. Oder Eichmann.

    Schon nach wenigen Tagen sind die neuen Bauarbeiter da: Drei Weißrussen mit unfreundlichen Tätowierungen vom Steiß bis zur Glatze. Sie beginnen den Arbeitstag mit einem Fläschchen Wodka, pissen johlend vom Dach, beschallen der Hinterhof mit unfreundlicher weissrussischer E-Gitarrenmusik und lassen Freitag kopfüber vom Gerüst hängen, um ihm die Hackordnung klar zu machen.

    Diskursversuche unseres Buddhisten scheitern an der Sprachbarriere. Er ist so sauer, dass es fünf vermöbelte Touristen braucht, um ihm seinen inneren Frieden zurückzugeben.

    Und innerer Frieden ist wichtig, ganz egal ob das der Buddha gesagt hat, Stalin oder Eichmann. Denn draußen bohrt, schreit und hämmert es, als gelte es den Turm von Babel noch vor dem Winter fertig zu kriegen, und doch ist nicht der geringste Fortschritt zu sehen.

    Vielleicht gibt es noch Hoffnung, dachte ich, als ich gestern Abend den Buddhisten mit dem Wilmersdorfer Anwalt im Hausflur über den Buddha diskutieren hörte. Aber vielleicht sollte man irgendwann auch einfach aufgeben. Gentrifidingsbums hin oder her: „Der Mensch ist kein Baum. Wenn er am falschen Platz steht, sollte er sich einen anderen suchen“, sagt jedenfalls der Buddha. Oder Stalin. Oder Eichmann.

    Markus Liske

     

    Leave a Reply

    Impressum | Datenschutzerklärung