Liskes Kolumne

    Posted by on Nov 23, 2011

    Literatur und Markt

    (Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2011, die ich schon fast wieder glücklich vergessen hatte, die mir aber wieder einfielen, als kürzlich ausgerechnet Feuilleton-Schoßhündchen Jana Hensel im Freitag zu rechten Terroristen leitartikeln durfte)

    Man muss kein Kulturpessimist sein, um zu der Überzeugung zu kommen, dass der heutige Literaturmarkt mit seinen Gesetzmäßigkeiten für die Literatur ungefähr so nützlich ist, wie Schleppnetzfischerei für den Delphinbestand. Es genügt Marktpessimist zu sein. Und wenn man das – trotz dreimonatiger Dauerberieselung mit Vorabwerbung für das neue Buch von Charlotte Roche in allen Blättern und auf allen Kanälen – noch nicht sein sollte, dann empfiehlt sich ein Besuch bei der Frankfurter Buchmesse.

    Hier wird man schnell feststellen, dass der Literaturmarkt inzwischen ganz prächtig ohne Literatur auskommt, ja, sogar weitgehend ohne Schriftsteller. Die letzten Vertreter dieses Berufes, die für den Literaturmarkt irgendeine Bedeutung haben, sind ein paar Krimi-, Fantasy- oder Kinderfantasy-Autoren. Ansonsten werden die marktrelevanten Bücher heutzutage von Fernsehdarstellern, Fernsehköchen, Politikern, Ex-Politikern, Wirtschaftsbossen, Fußballern und eben sexuell desperaten Ex-Fernsehmoderatorinnen geschrieben. Die literarische Kompetenztapete, die man trotzdem glaubt vorweisen zu müssen, lässt man sich von möglichst hübschen, jungen, ahnungslosen Absolventen des Leipziger Literaturinstituts anliefern.

    Um also auf der Frankfurter Buchmesse überhaupt mit Literatur in Kontakt zu kommen, muss man die kleinen Stände der „unabhängigen Verlage“ besuchen, die natürlich in der Regel weder „unabhängig“ sind, noch sein wollen, denn – der Markt frisst seine Kinder – auch hier arbeiten ja Leute, die ihre Miete bezahlen müssen. Daher gilt auch für sie: Ein gutes Buch ist ein Buch, dass sich gut verkauft.

    Nichtsdestotrotz gedeiht bei den „kleinen Verlagen“ (wie ich sie lieber nennen möchte) das zarte Pflänzchen Idealismus immer noch besser als bei den großen. Und weil man sich darauf viel einbildet, hat man sich vor zwei Jahren einen eigenen Literaturpreis geschenkt, den Hotlist-Preis, einen „ungewöhnlichen Preis für das ungewöhnlich Gute“.

    Der dagegen geradezu ekelhaft „gewöhnliche“ Preis, der Deutsche Buchpreis nämlich, ist mit 25.000 Euro dotiert und wird alljährlich zur Messeeröffnung im Kaisersaal des Frankfurter Römer verliehen. Das „ungewöhnlich Gute“ ist zwar nur 5000 Euro wert, aber dafür wird dieser „ungewöhnliche Preis“ an einem wirklich ungewöhnlichen Ort verliehen: in der Frankfurter Traditionsdisco Sinkkasten, für die inzwischen ein Insolvenzverfahren läuft. Ob es nur an diesem Umstand liegt, oder ob noch eine Eventagentur im Vorfeld mitdilettieren durfte – es ist wirklich an alles gedacht worden:

    • Wartehallenatmosphäre.
    • Barpersonal das sich keine Mühe gibt, einem die Bierauswahl schön zu reden (Köpi und Beck’s, beides aus kleinen Flaschen).
    • Ein um zwei Stunden verzögerter Beginn, um die Spannung zu steigern.
    • Keine Sitzplätze, um die fußmüden Messegänger am Einschlafen zu hindern.
    • Brachial laute Disco-Mucke während der Wartezeit, damit kein Gespräch entsteht.
    • Dafür nur minimale Verstärkung während der Lesung, damit möglichst wenige Besucher hören können, wie lächerlich das alles ist.

    Dass es lächerlich ist, dafür sorgen die beiden Moderatoren, die man sich zu diesem feierlichen Anlass eingeladen hat: Jakob Augstein, der gerade erst aus dem ambitionierten Wochenblatt Der Freitag eine Art Zeitgeist-Magazin für haltungslose Bachelor-Studenten geformt hat, und natürlich jene Autorin, die wie keine andere dafür bekannt ist, unabhängige Verlage und deren verarmte Kulturarbeiter zu fördern: Charlotte Roche.

    Immer abwechselnd stellen sie in einer ebenso endlosen wie grausamen Dauerlesung sämtliche Bücher der Hotlist vor. Die Tatsache, dass keiner der beiden des Vorlesens mächtig oder wenigstens vorbereitet ist, ist dabei nur eines ihrer Folterwerkzeuge. Schlimmer sind ihre Dialoge zwischendrin, die in der literaturfernen Talkshow-Sphäre, der beide entstammen, vermutlich für lustig gehalten werden. Am schlimmsten aber geraten die frei dahergestammelten persönlichen Eindrücke zu den Büchern. Charlotte Roche über einen Bildband: „Äh … da sind nur ganz wenige Texte mal drin, so zwischendrin, und aber ganz viele Bilder, so Bilder von Häusern … äh, ohne Menschen auch fast … also mehr so die Häuser, die Gebäude … und ganz wenig Text ja auch, also ganz toll …“

    Mit solchen Beiträgen schafft sie etwas zuvor Undenkbares: Jakob Augstein, der erst kürzlich unter seinem Kolumnentitel „Im Zweifel links“ den Papst und dessen katholische Kirche zur unverzichtbaren ethischen Instanz erklärte, wirkt plötzlich wie ein intellektuelles Schwergewicht. Glücklicherweise, wie gesagt, ist all das kaum zu verstehen, weshalb mich auch nichts daran hindert die meiste Zeit auf dem Raucherbalkon zu verbringen.

    Hier gibt es ein eigenes Showprogramm, spontan inszeniert von einer Gruppe semiprominenter Fernsehdarsteller, die wohl die Fankurve von Charlotte Roche darstellen. Allerlei lustiges Zeug sehr rasch daherbrabbelnd, erinnern sie mich mit ihren tellergroßen Pupillen und dauergrinsenden Glückseligkeitsmienen an den amüsanteren Teil meiner persönlichen neunziger Jahre. Was mich dennoch frühzeitig fliehen lässt, findet nicht auf dem Balkon sondern im Saal statt, und es ist nicht hörbar, sondern sichtbar.

    Es ist der aus den meisten Gesichtern der versammelten Autoren und Kleinverlags-Angestellten ablesbare Wunsch, ernstgenommen, ja angenommen zu werden von jener massenkulturellen Marktmaschinerie, mit der die Charlotte Roches produziert werden. Denn dieses Treffen sogenannter „unabhängiger Verlage“ ist mitnichten ein Gegenentwurf, sondern eher so was wie ein externer Jugendverband der großen Verlage zur für sie kostenfreien Talentförderung. Und weil das alle wissen, fühlt sich das Gros der Anwesenden tatsächlich aufgewertet von der quälenden Performance des Promi-Duos Augstein/Roche. Man dankt ihnen für den Zauber ihrer Anwesenheit, indem man über ihre schlechten Witze lacht und mithilft, die Illusion aufrecht zu erhalten, es ginge hier um etwas Bedeutsames.

    Am Ende gewinnt dann natürlich nichts wirklich Abseitiges, Aufrührerisches oder zumindest dankenswert Idealistisches, wie etwa die Mühsam-Tagebücher im Verbrecherverlag, sondern ein Liebes- und Gesellschaftsroman, dessen Plot durchaus interessant klingt, der aber ebenso gut bei Rowohlt oder Ullstein hätte erscheinen können und dessen Autorin schon für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert war. Spätestens hiermit sollte am Ende noch dem letzten verirrten Idealisten klar geworden sein, dass diese Hotlist-Auszeichnung nur ein Trostpreis und die Bezeichnung „unabhängige Verlage“ nichts als ein alberner Euphemismus ist.

    Ich dagegen kann auf diesen letzten Beweis glücklicherweise verzichten und sitze zu diesem Zeitpunkt schon bei einem guten Riesling in meiner Bleibe. Gemeinsam mit ein paar anderen Autoren „unabhängiger Verlage“ tue ich das, was man an einem Buchmesse-Abend tun sollte: Sich gepflegt betrinken und über Literatur reden.

    PS Allen „Nichtkatholiken“ schrieb Augstein in der erwähnten Kolumne, sollten „der Zölibat und die kirchliche Benachteiligung der Frau egal sein“. So wie Nichtafghanen die Sharia und Nichtdelphinen die Schleppnetzfischerei, nehme ich an … puh.

     

     

     

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