Liskes Kolumne

    Posted by on Dez 1, 2011

    BILD dir deine Partei!

    Die BILD-Zeitung liebt nicht nur die Nation, nackte Mädels und starke Männer, nein, sie tut auch alles, um uns den einen starken Mann herbeizuschreiben, der die Nation früher oder später wieder zu alter Pracht und Größe führen soll. Momentan favorisiert sie für diesen Job einen fränkischen Adeligen namens Guttenberg, der unlängst seinen allzu durchsichtig erschlichenen Doktortitel zurückgeben musste und darüber nicht nur sein Ministeramt sondern auch seine Reputation verlor – sollte man meinen. Weit gefehlt.

    Kaum ist sein Interview-Buch „Vorerst gescheitert“ auf dem Markt, ein wirres Sammelsurium aus Rechtfertigungen, Entschuldigungen und entgrenzter Eitelkeit, jubelt BILD bereits: „15 Prozent würden neue Guttenberg-Partei wählen!“ Was an dieser Schlagzeile bemerkenswert ist: Der Mann hat bislang bestenfalls (und sicher nur aus taktischen Gründen) damit kokettiert eine neue Partei gründen zu wollen. Aber die BILD-Zeitung sehnt eine solche Partei so sehr herbei, dass sie sogar bereit ist Guttenbergs zaghaftes Rütteln am Existenzrecht Israels (mithin dem vielleicht einzigen Axel Springer-Grundwert) zu überhören und treibt dem Herrn Baron deshalb schon mal 9,5 Millionen (15 Prozent) der Wähler zu. Es ist dies bereits ihr zweiter Versuch des „party-building“ in jüngster Zeit, und ich kann mich noch sehr gut an den ersten erinnern …

    November 2010. S1 Richtung Wannsee. Ein Typ liest BILD. Schlagzeile: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ Darunter: BILD-Girl Jessica aus Bautzen mit gepiercten Nippeln, die natürlich „starke Männer“ mag. Gegenüber liest eine Omi ebenfalls BILD, einen Sadomaso-Bericht, über Jessicas Schwester (?) die in Ketten an einem Stahlkreuz hängt. Neben der Omi hockt ihre ca. fünfjährige Enkelin und fragt: „Werde ich auch mal so schön wie die Frau in der Zeitung?“ Da sie beide sehen kann, ist unklar, ob sie das BILD-Girl oder die Sklavin meint. „Wenn du immer schön artig bist“, antwortet Omi. „Und komm ich dann auch in die Zeitung?“ „Wenn du dich anstrengst.“ Kein erfundener Dialog, ebenso wenig erfunden, wie mein spontaner Gedanke, ob am Islamismus wirklich alles schlecht … Scheiß Gedanke. Will man nicht denken. Aber man darf es. Sogar sagen und schreiben darf man es. Umso verstörender diese Schlagzeile: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ Ein Satz den man sonst immer dann hört, wenn sich deutsche Männer in deutschen Kneipen über Außenpolitik verbreiten. Denn, da der durchschnittliche deutsche Kneipengänger weder weiß wo Somalia liegt, noch wie die Hauptstadt von Mali heißt, oder wer in Myanmar regiert, meint „Außenpolitik“ in der Regel: Israel. Da ist hierzulande jeder Spezialist. Und dass die Israelis mit den Arabs dasselbe machen, wie „wir damals mit denen“ ist tief verwurzeltes Volkswissen, weshalb man das „ja wohl noch sagen darf!“

    So erstaunt es wenig, dass diese BILD-Schlagzeile vor knapp einem Jahr innerhalb weniger Tage 18 Millionen Unterstützer für eine mögliche neue Rechtspartei von Thilo Sarrazin sammeln konnte, der nun wirklich nie geäußert hatte, eine solche Partei gründen zu wollen. An der BILD-Schlagzeile konnte das aber nichts ändern: „18 Millionen für Sarrazin-Partei!“ Endlich. In Sachen „schicke, neue Rechtspartei“ stinkt Deutschland ja bislang ganz schön ab. Holland hat seinen coolen Wilders, Österreich hatte seinen sexy Haider, und nur wir müssen uns weiter mit den bösen Onkels von der NPD begnügen. Time for Change – danke BILD! Aber was wollen diese mutmaßlichen 18 Millionen?

    Bei Stichproben (in der Kneipe gegenüber) mit der Tatsache konfrontiert, dass Sarrazins Zahlen und Statistiken weitgehend schlichtweg falsch sind, antworteten meine Probanten: „Ist trotzdem gut, dass es mal einer sagt, und irgendwie hat er ja auch recht.“ Man mag nun die statistische Relevanz meiner kleinen Umfrage bezweifeln, aber mit „irgendwie“, „trotzdem“ und „das wird man ja wohl noch …“ ist das ideologische Gerüst der neuen Nationalisten trefflich skizziert. Es geht eben nicht um Statistiken, sondern um völkische Befindlichkeiten, wie damals, als man bei Roland Koch noch „irgendwie“ gegen Ausländer unterschreiben konnte. Insofern ist es auch egal, dass ein gesichtsgelähmter Professor im viagragestützten Omnipotenzrausch nicht wirklich als Führer einer coolen neuen Rechtspartei taugt. Hauptsache „irgendwie“ sagt mal einer, „was man ja wohl noch …“

    Bei der gerade stattgefundenen Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus traten deshalb gleich mehrere rechtspopulistische Parteien an, die sich aus den Thesen von SPD-Mitglied Sarrazin eigene Parteiprogramme gebastelt hatten, neben Pro Deutschland vor allem Die Freiheit. Beide eint die Vorstellung, dass Deutschland kein Einwanderungsland sein darf und ihre Liebe zum Grundgesetz (das sie augenscheinlich nie gelesen haben) sowie zur „abendländischen Kultur“, die es vor fiesen Minaretten zu schützen gilt. Was sie unterscheidet, ist in erster Linie die Haltung zu Israel und den USA. Die Freiheit findet Israel, das man wohl als Schutzwall gegen fiese Minarette missversteht, ziemlich gut und liebt das „Land der Freiheit“, USA, dem man freundlich nachsieht, dass es ein Einwanderungsland ist und kein Problem mit dem Bau von Minaretten hat. Pro Deutschland findet zwar Bollwerke gegen den Islamismus grundsätzlich auch toll, will aber den Juden deswegen noch lange keinen Staat gönnen und liebt an den USA vor allem die Tea Party-Bewegung, der man wiederum ihre pro-israelische Haltung freundlich nachsieht. In Sachen ideologischer Verwirrung sind sich beide Parteien also wieder ziemlich ähnlich.

    Und noch etwas eint sie glücklicherweise, die Tatsache nämlich, dass hier wie dort kein neuer rechter Popstar in Sicht ist. Zu deutlich ist in den Gesichtern von René Stadtkewitz (Die Freiheit) und Manfred Rouhs (Pro Deutschland) zu lesen, dass schon in der Schulzeit niemand mit ihnen spielen wollte. So kam es, dass von allen Minaretthasser-Parteien in der Hauptstadt am Ende doch wieder der miese alte Killersaurier NPD am besten abschnitt. Vielleicht auch deshalb, weil die neuen Rechtspopulisten offiziell eben „nur“ Moslems hassen, ihr Wählerpotential aber auch: Schwule, Schwarze, Israel, die USA und die gesamte antiarische jüdisch-muslimische Weltnegerverschwörung (o.s.ä.).

    Doch irgendwann wird sich da schon eine Symbiose finden und sicher auch eine BILD-taugliche rechte Frontfigur für die veranschlagten 18 Millionen. Schaut man sich diesbezüglich beim vorhandenen politischen Personal um, landet man – wie jetzt BILD – zwangsläufig bei Guttenberg. Doch das ist wohl verfrüht. Zwar ist Guttenberg als Politiker und Mensch ähnlich seriös wie die zuvor genannten, hat aber mit nur 9,5 Millionen die Latte deutlich gerissen und zudem bislang noch gar nicht verlauten lassen, welche Teile der Bevölkerung er gerne kriminalisieren, ausgrenzen, abschieben oder vergasen möchte. Und dieses bisschen braune Substanz braucht man schon, wenn man hierzulande Volkes Stimme werden möchte, Eitelkeit allein wird nicht reichen. Immerhin: das Gesicht dafür hat er wohl. Jetzt noch von Pro Deutschland ein paar Inhalte abschreiben (das sollte er ja hinkriegen) und schon haben wir auch unseren ersehnten rechten Popstar.

    Klar, am Anfang gibt’s deswegen auf dem internationalen Parkett vielleicht etwas Stunk, aber dann gewöhnen sich alle – wie seinerzeit bei Haider. Dessen Partei subventioniert in Kärnten inzwischen (tatsächlich!) den Preis von Trachtenjacken, um Anhänger und Gegner leichter unterscheiden zu können, was aber eigentlich Quatsch ist, reden hier doch, wie ich kürzlich bei einem Besuch feststellen durfte, selbst die Gegner zärtlich von „der Jörg“, der ja „irgendwie“ vor allem „einer von uns“ war. Genau wie hierzulande Thilo und Theo und Jessica aus Bautzen, glaubt man der BILD, denn die sind wir, und wir sind Papst – halleluja!

    Noch aber muss nicht verzweifeln, wer sich in dieser nationalen Familienaufstellung nicht wiederfinden mag. Zumindest mit Thilo und Theo ist BILD „vorerst gescheitert“, und selbst in Kärnten gibt es bis heute eine letzte aufrechte Antifaschistin: Eine unscheinbare Straßenkurve kurz hinter Klagenfurt auf dem Weg zum Loiblpass. Hätten wir so eine auch bei uns und würden es dann noch schaffen, Thilo Sarrazin, Manfred Rouhs, René Stadtkewitz, Theo Guttenberg, BILD-Chef Diekmann, die armselige Jessica samt Sadomaso-Schwester und einen Haufen Koks ins selbe Auto zu kriegen, dann ginge das Stammtischgeschwätz jener 18 oder 9,5 oder wieviel Millionen auch immer zwar trotzdem weiter, aber ich müsste in Zukunft vielleicht keine hässlichen Sharia-Gedanken mehr haben. Und das … wird man ja wohl noch sagen dürfen!

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