Liskes Kolumne

    Posted by on Feb 20, 2012

    Winterphilosophie

    Ich liebe den Winter. Nicht ganz so sehr vielleicht wie Frühling, Sommer oder Herbst, aber irgendwie doch. Der Winter kann schließlich nichts dafür, dass wir alle menschheitsgeschichtlich gesehen afrikanische Migranten sind und in den letzten 60.000 Jahren keine Zeit fanden, uns mit Pelz und Winterschlaf in unseren neuen Lebensraum zu integrieren.

    Auch für die gigantischen Eisschwellen vor parkenden Autos, platzende Mülleimer und ausgefallene S-Bahnen der letzten Jahre ist nicht der Winter verantwortlich, sondern die Privatisierung. Und man kann ihm schwer vorwerfen, dass ihn alberne Zeitgeistabsurditäten dieser Art kalt lassen. Im Winter geht es um die großen Fragen. Er ist für mich die philosophischste aller Jahreszeiten. Und das liegt nicht ursächlich daran, dass ich im Dezember Geburtstag habe und allen Geburtstagen jenseits des 40. ein gewisses Sinnkrisenpotential innewohnt, sofern man weiterhin weder einen Bestseller noch ein Häuschen in Ligurien vorzuweisen hat.

    Nein, der Winter an sich ist ziemlich philosophisch. Er ist der Zwölf-Uhr-Schlag der Turmuhr des Lebens, der uns zuverlässig daran gemahnt, dass wir unsere Zeit so sinnvoll nutzen können wie wir wollen – vergehen tut sie doch. Wohingegen beispielsweise der Sommer mit einigem Recht als die philosophiefernste Jahreszeit betrachtet werden kann.

    Im Sommer ist es heiß und ich schwitze. Ich gehe vor die Tür und stelle fest: Die Sonne brennt, das macht es heiß. Der Körper kühlt sich mittels Schweißfluss. Ich helfe ihm dabei, indem ich regelmäßig Weißweinschorle nachkippe. Nach den ersten 8 Schorlen stellt sich das Gefühl ein, dass alles auf der Welt zum Besten bestellt ist. Ende der Philosophiestunde.

    Ganz anders der Winter – er wartet schon im Alltag mit allerlei komplexen philosophischen Fragestellungen auf: Wozu aufstehen? Ich brauche Kohlen. Wozu rausgehen? Der Kohlenanzünder ist auch alle. Wieso wird rund um den Kaisers nie Schnee geschippt? Knochenbrüche sind günstiger als Räumdienst. Warum schmerzt mein Steiß so höllisch? Scheiß Philosophie, hätte besser auf meine Füße geachtet. Was tun? Aufstehen. Undsoweiter.

    Doch mein Winter ist keinesfalls monolithisch in seiner philosophischen Struktur, er ist vielmehr dialektisch aufgebaut, kommt also in drei Arbeitsschritten daher. Die erste Phase beginnt Mitte November. Plötzlich verspüre ich den Drang, mal wieder Sartres „Das Sein und das Nichts“ zu lesen und von Weißwein (dessen Wasserbeigabe ich schon im September zurückgelassen habe) auf Rotwein umzustellen.

    Meist wehre ich mich noch ein paar Tage, aber dann ist es soweit. Aus Flasche1 gluckst die Frage „Wer bin ich?“. Ein paar Tage später aus Flasche 5 die zu erwartende Antwort: „Ein Niemand.“ Flasche 6 fragt: „Was habe ich erreicht?“ Flasche 9 antwortet: „Nichts.“ Da kommt es auch schon aus Flasche 10 (meist die Geburtstagsflasche): „Was muss ich ändern?“ Prompt Flasche 11 (gegen Mitternacht): „Alles!“

    Damit ist die These formuliert und die Flaschen 12 und 13 entwerfen einen Schlachtplan für all die nun anstehenden Veränderungen (Romanbestseller fertig schreiben, damit reich werden, Haus in Ligurien kaufen), bevor Flasche 14, mit Verweis auf den furchtbaren morgigen Kater und die Unausweichlichkeiten der Weihnachts- und Silvesterzeit, den Veränderungsbeginn auf den 3. Januar terminiert. Sehr gut.

    Ich betrachte also die existentialistischen Fragestellungen als abgeschlossen, höre auf mich zu rasieren und beginne bei ein paar weiteren Flaschen Rotwein den „Mann ohne Eigenschaften“ zu lesen. Bin schon fast auf Seite 1000, als es Weihnachten wird. Hebe meine letzten 500 Euro ab und beginne damit kreuz und quer durch die Republik zu reisen, um bei allen Teilen der Familie meine Erbschaftsansprüche zu wahren – nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass mein Roman doch kein Bestseller wird.

    Nach sechs Tagen zwischen schwerem Essen, familiären Zerwürfnissen, Sekt, Cognac, Grappa und abermals Rotwein, wird mir klar, dass ich den 18. Winter in Folge am „Mann ohne Eigenschaften“ gescheitert bin. Aber da kommt ja auch schon Silvester. Habe keine Lust jemanden zu sehen, lade aber trotzdem zweidrei Leute ein, um mich nicht allein betrinken zu müssen, denn das soll ja ungesund sein.

    Als am zweiten Januar der Kater langsam nachlässt, rasiere ich meinen inzwischen recht stattlichen Vollbart ab und entstaube meinen Computer, um nachzusehen, wie weit der Romanbestseller ist. Dummerweise hat sich da nichts getan, seit ich das Ding Mitte November zuklappte. Bin erschüttert und habe plötzlich keine Lust mehr auf Rotwein. Also Whisky. Sie haben ja alle unter Whiskyeinfluss geschrieben: Oskar Wilde, Hemingway, Bukowski. Ich laufe zum Kaisers, kaufe mir eine Flasche, stürze auf dem Rückweg mal wieder auf meinen Steiß, die Flasche ist kaputt. Die Briefträgerin hilft mir auf und überreicht mir meine Jahresabrechnungen von GASAG und Vattenfall. Ich weiß sofort, dass ich mir keine neue Flasche werde kaufen können. Zum Glück hat die Stammkneipe schon offen. Hier kann ich zwar nicht schreiben, aber anschreiben. Damit beginnt Phase 2 meines Winters. Antithese: Ist doch eh alles egal.

    Wie einst Diogenes in seinem Fass, sitze ich nun mehrere Wochen bei Bier und Whisky in der Stammkneipe und erfreue mich daran, andere Gäste an meiner Erkenntnis der Sinnlosigkeit all unseres Tuns teilhaben zu lassen. Da ich das in jedem Januar praktiziere, habe ich mir eine gewisse mephistophelische Eloquenz in dieser Frage angeeignet und kann beim einen oder anderen hübsche Erfolge erzielen, ohne deshalb gleich verprügelt zu werden. Nur die Barkeeperin mosert manchmal über eine gedrückte Stimmung in meinem Umfeld, ist aber Geschäftsfrau genug, sich mit dem steigenden Sprirituosen-Umsatz zu trösten.

    Leider kriege ich weder von ihr noch von den Therapeuten im Kiez Prozente für meine Mühen. Statt dessen wird mein Zettel länger und länger. Ich lass mir eine Zwischensumme machen und erkenne sofort, dass ich hart werde arbeiten müssen, um diesen Zettel bezahlt zu kriegen und trotzdem am Jahresende noch 500 Euro für den Besuch aller potentiellen Erblasser zu haben. Schweren Herzens beende ich meine aufklärerische Tresen-Tätigkeit und ziehe zurück in meine Wohnung, um den Januar bei Wilthener Goldkrone und täglichem Dschungelcamp ausklingen zu lassen. Dabei wird mir wieder klar, dass man mit hemmungslosem Zynismus und der Bereitschaft zum allabendlichen Alkoholmissbrauch ebenso gut reich werden könnte. Unterdrücke den drohenden Rückfall in die Depression, indem ich mir mich im rosa Tropenanzug vorstelle, beginne daraufhin Peter Weiß‘ „Ästhetik des Widerstands“ zu lesen und stelle von Goldkrone auf Tee um. Nun bin ich bereit für Phase 3 des Winters.

    Irgendwann Ende Februar wird es einen sonnigen Tag geben. Ich werde warm eingemümmelt zwischen manisch herumtelefonierenden Kommunikationsdesignern, sexy Eventmanagerinnen und Zwillingskinderwagen mit Allradantrieb vor dem postfaschistischen Bio-Café in meiner Straße sitzen, ein bisschen in Blochs „Prinzip Hoffnung“ herumblättern und irgendwann den Beschluss fassen, dass es sich dabei letztlich um eine taugliche Synthese für diesen Winters handelt.

    Dann werde ich meinen gelungenen Alkoholentzug mit dem ersten Weißwein des Jahres begießen und mich frohgemut auf den Weg in die Frühjahrsdepression begeben. Man muss sich ja Ziele setzen.

     

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