Liskes Kolumne

    Posted by on Feb 20, 2012

    Letzte Worte

    Die „letzten Worte“ sind ein nicht zu unterschätzendes Medium zur finalen Abrundung des eigenen Seins und deshalb bei Schriftstellern, Philosophen und Politikern sehr beliebt. Wichtig ist dabei vor allem die Kürze, die letzten Worte sind so was wie die Twitter-Fassung eines Testaments. William Shakespeare hat es vorgemacht, als er Cäsars „Tu quoque, Brute, fili mi?“ für die Bühne völlig zu recht auf das eingängigere „Et tu Brute?“ verkürzte.

    Mit Kürze allein ist aber noch nichts gewonnen, auch die Botschaft ist wichtig. „Ich bin Heinrich Himmler“, lauteten die letzten Worte desselbigen, womit zwar der bedauerliche Fakt seiner Existenz auf den Punkt gebracht wäre, literarisch jedoch kein Blumentopf zu gewinnen ist. Brillant dagegen Goethe: „Mehr Licht!“ Das hätte er wahrlich brauchen können, als er mit seiner Farbenlehre in die Irre ging. Und selbst wenn der alte Hessen-Spott zuträfe, dass er eigentlich habe sagen wollen „Mer liescht … hier net rischtisch!“, wäre das immer noch ziemlich gut.

    Auch FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann schied mit erstaunlicher Größe, als er vorm finalen Fallschirmsprung erklärte: „Ich spring heute einen Einzelstern.“ Uwe Barschel dagegen verpasste den richtigen Moment. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!“ wäre grandios gewesen, hätte er gleich darauf sein Bad genommen, statt noch drei Wochen herumzugeistern. Andererseits waren das immerhin die letzten Worte vor dem „politischen Tod“, und auch die sind wichtig.

    Heutzutage werden diese gern vermieden, wohl deswegen, weil der politische Tod eine so unberechenbare Größe geworden ist. Man will sich mit letzten Worten ja keinen möglichen Neuanfang verbauen. Diese Form politischer Wiedergeburt steht inzwischen nahezu jedem offen, ob da mal Franz-Josef Jung hessisches Schwarzgeld ausgerechnet als „jüdische Vermächtnisse“ deklariert oder Wolfgang Schäuble 100.000 nicht verbuchte Euro eines Waffenhändlers im Briefumschlag herumschleppt. Der eine kehrte als Verteidigungsminister, der andere gar als Finanzminister zurück. Da wundert es wenig, dass ein Theo Guttenberg einfach nicht aufhört zu plappern, gern auch in Buchform. Hauptsache, es bleibt nichts hängen, was man als letzte Worte missverstehen könnte. Der Mann will schließlich auch ohne erschlichenen Doktortitel noch hoch hinaus. Und als nominell christlicher Politiker hält er – genau wie Schäuble und Jung – ohnehin wenig von irdischen Urteilen. Um es mit den letzten Worten Heinrich Heines zu sagen: „Gott wird mir vergeben, das ist sein Beruf.“

    Dies waren wohl auch Christian Wulffs Gedanken, als er ein ums andere Mal nicht nur seine letzten Worte verweigerte (obgleich „Transparenz, die neue Maßstäbe setzt“ durchaus amüsant gewesen wäre), sondern auch den überfälligen Rücktritt. Ihm wird klar gewesen sein, dass man als Ex-Bundespräsident im Lande nichts mehr werden kann und eine Wiedergeburt als EU-Kommissar o.ä. am eigenen Format scheitern müsste. So vegetierte er lieber quälende Monate lang an der lebenserhaltenden Politapparatur von Frau Dr. Merkel dahin, während das halbe Land fieberhaft nach der Patientenverfügung suchte. Wenn er die Zeit wenigstens genutzt hätte, sich ein schönes Schlusswort auszudenken, statt noch über die Verletzungen zu jammern, die seine Frau und er erlitten hätten … Hier drängen sich die letzten Worte des großen Karl Kraus auf: „Pfui Teufel!“

    Aber zurück zum richtigen Sterben. Hierbei gilt es einen weiteren wichtigen Punkt zu bedenken: Auch die schönsten letzten Worte sind sinnlos, wenn es keine willigen Zeugen für sie gibt. Da mag Jörg Haider mit einem koksfrohen „Krasse Kurve!“ auf den Lippen verschieden sein, oder Kim Jong Il mit: „Mehr Demokratie wagen!“ – was bringt’s, wenn niemand dabei ist, der das überliefern kann oder will. Es empfiehlt sich also, nicht allein zu sterben und sich der Folgschaft seiner Zeugen beizeiten zu versichern.

    Ob man dagegen als Ungläubiger oder Glaubender stirbt, bzw. welcher Religion man anhängt, mag für die Zeit nach dem Tod von Bedeutung sein, für die letzten Worte ist es egal, denn die sind dem Leben verhaftet. So gelten für alle, denen kein eigenes Fazit einfällt, die Worte des römischen Kaisers Augustus: „Habe ich meine Rolle gut gespielt? Nun, so klatscht Beifall, die Komödie ist zu Ende!“ Und den Wiedergängern in der Politik sei mit Stephan Remmler zugerufen: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.“

    PS   Man darf schon jetzt gespannt sein, auf die letzten Worte des islamophoben Kulturkriegers und pathologischen Kommunistenfressers Joachim Gauck, der nun doch noch ins Bellevue einziehen darf. In Anbetracht seines hohen Alters, werden wir (hoffentlich) nicht allzu lange darauf warten müssen …

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