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Dorothy, o Dorothy! (überarbeitet)

Posted by on Mai 14, 2012

Was is‘ nur mit uns Weibern los?

Eine fällt uniformiert aus der Takelage. Wollte als Soldatin zur See, sicherer Beruf, Rentenbezüge, Aufstiegschancen … Na, so sicher das eben ist, einer Armee anzugehören, die regelmäßig in „kriegsähnliche Zustände“ gerät. Es heißt, sie sei noch mal angeschrien worden, kurz bevor es geschah. Von einem Vorgesetzten. Irgendein Klischee-Gebrüll: „Zusammenreißen!“ oder „Hier wird nicht geflennt!“. Angst hatten alle, heißt es. Zu Recht.

Sarah, o Sarah…

 Die Andere stirbt an den Folgen einer Brustoperation. Fiel unterm Messer ins Koma. Mit Dreiundzwanzig. Ihr Mann, die ganz große Liebe, war auf die Idee gekommen: Wer sich bewirbt, kann alles mit ihr machen. Hauptsache er läßt sich dabei filmen. Wie es sich anfühlt, in den Spiegel zu schauen und nur noch ein Ding wahrzunehmen, eine Ware, die es an die Nachfrage anzupassen gilt? Sich selbst mit den Augen der Käufer betrachten. Sie wird die Antwort schuldig bleiben.

Und die Frage nach der „optischen Performance“ beschäftigt ja alle, Teenager wie Rentnerinnen. Komm ich gut rüber? Paß ich zur Farbe meiner Augen? Wie hoch ist mein Marktwert?

Sie war die beste in dem Geschäft, heißt es. Und das alles um nicht auf dem Dorf leben zu müssen. Langeweile oder Ficken.

Carolin, o Carolin…

Dann das Model mit dem Hunger, das sie – angeblich zur Abschreckung – auf Fotos inszenierten, tatsächlich aber unserer Schaulust zum Fraße vorwarfen: Seht, ist DAS nicht schrecklich schön? Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Das ist so real wie unsere Anbetung von Haut und Knochen des magersüchtigen Modells. Geiz macht geil, und wußten sie schon, daß Winterzeit Tatoozeit ist? Artgerechte Motive in Berlins erstem Tatooshop für Kinder – natürlich unter Berücksichtigung der Elterntypen. Ihre Mutter war depressiv, heißt es. (Hat sich inzwischen umgebracht.) Der Vater klagt die Klinik an. Sie hätten seine Tochter vernachlässigt. Naja, sie wollte ums verrecken nichts essen. Und war damit – berühmt geworden, also reich.

Isabell, ach Isabell…

Es ist wirklich nicht leicht, an das Schöne und Wahre zu glauben. Wenn das Schöne die Ware ist und Schönheit Design meint, die Angleichung der Oberfläche an ein Computermodell, des Originals an seine schematisierte Kopie. Wenn die verzweifelten Versuche der Anpassung in Form von Schlagzeilen durch meinen Kopf laufen: „Guten Tag, ich benötige ein Update. Sonst komm ich nicht mehr hinterher.“

Ersetze Körperlichkeit mit Körperdesign und du bist unverdächtig. Ein Kind träumt laut auf dem Kinderkanal: „In der Zukunft wird es natürlich keine echten Hunde mehr geben. Jeden Morgen weckt mich mein Roboterhund. Ich muß nicht rausgehen, denn ich lerne zu Hause, wähle meine Fächer am Touchscreen aus und schon werden die Informationen in mein Gehirn geleitet …“ Mhhh.

Warum ich überhaupt an das Schöne, Wahre und Gute glauben will? Na weil ich unverbesserlich bin. Und an irgendwas glauben muß. Jetzt wißt Ihr’s.

Es ist schon eine Weile her, da lief ich, einer alten Gewohnheit folgend, nachts durch die Häuserschluchten dieser Stadt. Ließ mich ziellos treiben und suchte den Himmel vergeblich nach einem Stern ab, denn Berlin strahlt – je nach Wetterlage und Gemütsverfassung der Betrachtenden, mal in Rosa, mal Giftgrün – von selbst. Lichtverschmutzung heißt das und fällt den meisten gar nicht auf, weil sie nicht nach oben schauen, sondern auf den Verkehr achten, was vernünftig ist. Wozu braucht es auch Sterne, wo doch alles hell erleuchtet ist, von den Schaufenstern der Einkaufs-Kathedralen?

Es fiel ein leichter, schwärmerischer Schnee vom Himmel und für einen kurzen Moment schien die Stadt den Atem anzuhalten. Da bemerkte ich, auf dem August-Bebel-Platz gelandet zu sein, direkt gegenüber des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität. Ein diffuses Licht verbreitete sich von der Platzmitte her und bestrahlte den Flockentanz von unten, ein bezaubernd außerirdischer Anblick. Ich folgte dem schönen Schein quer über den Platz und erkannte unter einer gläsernen Platte direkt unter meinen Füßen einen weiß getünchten Raum mit Regalen – für Bücher. Da stand ich nun, schwebend über einer leeren Bibliothek, einem Denkmal. Hier brannten im Mai ’33 die Bücher, bergeweise. Auch damals gab es keine Sterne am Himmel zu sehen, der meterhohen Flammen wegen.

Letztes Jahr wiederholte ich diesen Spaziergang. Auch so eine Gewohnheit. Ab und zu die bekannten Wege abzulaufen auf der Suche nach -Veränderungen, die es ja immerzu gibt. Was hat mich mehr befremdet, in jener Nacht, der Anblick des zugestellten Bebel-Platzes, das verschwundene Denkmal, das den Roten Teppichen der „Berlin-Fashion-Week“ gewichen war oder die Tatsache, daß es mich noch befremdet? Irgendein Event ist immer wichtiger – als ein Vogel zum Beispiel oder eine Butterblume oder ein Denkmal. „Das war nur ein Vorspiel. Dort, wo man Bücher verbrennt…“

Die Kannibalen-Messe ist eröffnet, Gunther von Hagens und Karl Lagerfeld haben keine Zeit. Aber wäre das nicht ein Paar? „Geile Leichen-Performance! Die Fashion-Week auf Weltniveau! Mit ECHTEN Stars!“ Oder wäre es umgekehrt? Echte Leichen – die Welt auf Berlin-Niveau . .?

Spurensucher sehen was, was du nicht siehst. Geschichte und Geschichten finden sich überall um uns herum, hinter dieser Tür, in unseren Gesichtern, den Zeilen der Lebenden und der Toten, auf Fotografien, in der Musik, in jeder Kleinigkeit. An der Art, wie eine geht, läßt sich mitunter mehr erkennen als an allen Worten, die sie, so über Stunden verteilt, in den Tag hinein verliert. Und ich meine nicht die Inszenierung, sondern den Moment, in dem man vergißt, wo und wer man ist, etwas so Nebensächliches tut, wie Brötchen holen. Oder Zigaretten. An der Bushaltestelle vor den Büchertischen unterhalten sich Zwei. Und ihre schrillen Stimmen übertönen tatsächlich das Rauschen der Straße:

Ej, die Alte sah voll häßlich aus!“

Echt? Erzähl!“

Na so … so … so voll behindert …“

Wie jetz‘? Die war behindert?“

Nee, die hatte so Brille. So … INTELLEKTUELL!“

Boah ihhh. Wie eklig is‘ das denn!“

Dorothy Parker hat mal gesagt, daß es ihrer Ansicht nach zwei Arten von Menschen gibt.

Diejenigen, die überhaupt keine Hoffnung haben, und diejenigen, die viel zu viel davon haben.“

Dann hat sie hinzugefügt:

Ich für meinen Teil gehöre ohne Zweifel zu beiden Gruppen.“

Und später, nach dem sechsten Martini:

If I had a shiny gun

I could have a wold of fun

Speeding bullets through the brains

Of the folk who give me pains.

Dorothy, ach Dorothy!

Manja Präkels

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