Liskes Kolumne

    Posted by on Jan 16, 2013

    Sturmtrupps der Leitkultur

    (Eine Satire im Sinne der Kunstfreiheit nach Paragraph 5 Absatz 3 GG)

     

    Kürzlich bekam ich unangenehme Post: Einschreiben mit Rückschein – das ist nie was Gutes. In diesem Fall war es ein Unterlassungsschreiben von Martin Hohmann. „Martin wer?“, fragte ich mich noch, bevor ich die fettgedruckte Summe von 5000 Euro auf Seite 2 entdeckte und von leicht hysterischer Heiterkeit ergriffen wurde. Auf Unterlassungsklagen muss man als Satiriker zwar eingerichtet sein, aber bislang zeigten sich die Protagonisten meiner Texte – von Jakob Augstein bis Xavier Naidoo – recht dickfellig. Nicht so Martin Hohmann. Nach längerem Grübeln kam es mir: Zu einem gänzlich anderen Thema, hatte ich in einem Nebensatz fälschlicherweise geschrieben, Hohmann sei 2003 aus der CDU ausgeschlossen worden, weil er die Juden als „Tätervolk“ bezeichnet habe.

    Die Wahrheit ist, dass Hohmann seinerzeit (an die Oktoberrevolution erinnernd) sagte: „Juden waren in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als ‚Tätervolk‘ bezeichnen.“ Und das ist natürlich ganz was anderes.

    Sicher könnte man darüber streiten, ob hier der Konjunktiv „könnte“ durch den Einschub „mit einiger Berechtigung“ gleich wieder ausgehebelt wird, doch da Kamerad Hohmann wenig später den Stahlhelm absetzt und ins Messdienerkleidchen schlüpft, um den Überlebenden des Holocaust ein abrahamitisch-ökumenisches Vergleichsangebot zu unterbreiten („Daher sind weder ‚die Deutschen‘ noch ‚die Juden‘ ein Tätervolk. Mit vollem Recht aber kann man sagen: Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien …“), schien es mir nicht der Mühe wert. Auch gab es schon einen Gerichtsentscheid zu seinen Gunsten, und derlei Kleinigkeiten verhandeln deutsche Gerichte ungern zweimal.

    Nicht zuletzt hatte ich plötzlich Mitleid mit diesem Mann. Ich stellte mir vor, wie er da jetzt möglicherweise hockt, in seinem Eigenheim bei Fulda, zwischen Kruppstahl-Kruzifixen und Wehrmachtsdevotionalien. Wie er vielleicht Tag für Tag mit Dartpfeilen auf die israelische Landkarte zielt oder die sexuell depravierten Meerschweinchen der Enkel mit seiner alten CDU-Reversnadel foltert („Unzüchtige Drecksmigrantenviecher! Nehmt das! Und das!“), und wie er dabei miterleben muss, dass inzwischen alle halbe Jahre Salon-Rassisten vom Schlage Sarrazins oder Buschkowskys aus völkischen Ressentiments ganze Bücher machen, ohne deshalb aus ihrer Partei ausgeschlossen zu werden. Dabei ist deren Partei die SPD, während er doch immerhin Teil der hessischen CDU – zudem in Fulda! – war, und damit der wohl dumpfesten rechten Vereinigung diesseits der NPD angehörte. So ändern sich die Zeiten.

    Als Hohmann vor zehn Jahren aus der CDU ausgeschlossen wurde, war zum Beispiel Jakob Augstein noch ein weitgehend verhaltensunauffälliger Zeilenschinder im Lokalteil der Berliner Zeitung und hatte eben erst erfahren, dass er Martin Walsers Sohn ist. Es gab noch Politiker die ernsthaft für Multikulturalismus eintraten, und der Begriff „Deutsche Leitkultur“ war kurz zuvor von der Pons-Redaktion zum Unwort des Jahres gekürt worden.

    Heute hat sich Jakob Augstein seiner genetischen Prägung ergeben und führt mit regelmäßigen Anti-Israel-Hetzkolumnen seines leiblichen Vaters Kampf gegen die fiese „Auschwitzkeule“ fort. „Multikulti“ wird meist abwertend gebraucht, und die „Deutsche Leitkultur“ ist als „Integrationsdebatte“ parteiübergreifend gesellschaftsfähig geworden.

    Debattiert wird dabei nämlich nicht über den grundsätzlichen Anspruch, nur über die Umsetzung. Wie lässt sich der muslimische Neuköllner nach unserem Muster umerziehen? Und wann ist diese Integration abgeschlossen? Sollten wir Knoblauch-Geruch im Treppenhaus unter Strafe stellen? Gartenzwerge auf den Balkonen einfordern? Eine Schweinefleisch-Quote für Döner-Imbisse? Das sind die Fragen der Zeit.

    Lustig ist dabei, dass sich diese Debatte gar nicht auf Neuankömmlinge bezieht. Die Flüchtlinge etwa, die unlängst von Würzburg nach Berlin marschiert sind, um ihre Integration einzufordern, sollen nämlich überhaupt nicht integriert werden. Die werden in Containerlager oder randständige Plattenbauten gepfercht, um sie so geräuschlos wie möglich abschieben zu können. Ja, damit sie sich nicht zu heimisch fühlen, werden solche Unterkünfte auch gerne in soziale Brennpunkte gelegt, wie kürzlich etwa im vorpommerschen Wolgast.

    Dort wohnen rund um das Flüchtlingsheim die ausrangierten White Trash-Nazis der Stadt, deren Lebensgewohnheiten, Ansichten und sprachliche Befähigung (wie in diversen TV-Berichten zu sehen), sie in jeder Hinsicht für einen Buschkowsky-Integrationskurs qualifizieren: „Alter, Ausländer kotzen mir krass an! Ey, die stinken voll eklig und woll’n immer an die Weiber, wo unsre sind!“ – So sprichst, nuckelt dabei an der Bierflasche wie an einer Zitze, kratzt sich im Schritt, rülpst dem neben ihm sitzenden, rattenköpfigen Renee-Mädchen voll ins Gesicht und klopft ihr lachend auf den Arsch, als sie aufspringt. Sturmtrupps der Leitkultur.

    Doch auch die will niemand integrieren. Die werden ja als Volkes Stimme benötigt, wann immer man am Asylrecht schrauben möchte. So, wie seinerzeit in Rostock-Lichtenhagen und wie jetzt wieder aufgrund der Proteste in Wolgast. Diese wurden zum Anlass genommen, zeitnah zur Einweihung des Berliner Mahnmals für die von den Nazis ermordeten Roma, die Nachkommen der nicht ermordeten Roma nach Mazedonien oder Serbien zurückzuschicken. Dort hat schließlich längst die Roma-Jagdsaison begonnen, und hierzulande gibt es wohl einfach nicht genug Wanderzirkusse, um all die Zigeuner-Blagen artgerecht unterzubringen.

    Wer dagegen integriert werden soll, das sind die muslimischen Mitbürger in den diversen Neuköllns des Landes. Und weil von diesen viele den deutschen Pass haben, werden immer neue Unwörter erfunden, um diese „Menschen mit Migrationshintergrund“ von uns „Bio-Deutschen“ unterscheidbar zu halten. Hierzulande gilt eben Blutrecht. Deutscher kann man nur sein, nicht werden.

    Insofern sollte sich wohl glücklich schätzen, wem das Angebot zur Integration überhaupt unterbreitet wird. Wer also lernen darf, sich so unauffällig zu verhalten, dass wir ihn nicht mehr bemerken. Unauffälligkeit nämlich ist die Kernlektion der Integration, nicht etwa Bildung, beruflicher Erfolg oder politische Teilnahme. Ein Philipp Rösler etwa, musste kürzlich feststellen, dass auch ein abgeschlossenes Medizinstudium und der Posten als Bundesvorsitzender der FDP ihn nicht davor bewahren können, von einem gelernten Schweine-Metzger wie Stefan Raab auf Essen mit Stäbchen reduziert zu werden. Da mag der Rösler Vietnam auch nur aus Fernsehberichten kennen, für testosterondampfende deutsche Fernsehgartenzwerge wird er nie mehr als ein Schlitzauge sein.

    Wen wundert es da noch, dass ein Xavier Naidoo meint, er müsse – mit der gesungenen Forderung Kinderschänder zu Tode zu foltern und Schwule umzuerziehen – gleich das halbe Parteiprogramm der NPD vertonen, um seine vollständige Integration zu belegen. Hast du gar nicht, Xavier? War alles ganz anders gemeint? Nur als drastische Warnung vor dieser weltumspannenden Kinderfolter-Satanssekte, von der du und dein Gesangspartner Kool Savas exklusive Kenntnisse habt? Auch gut. Bleibst trotzdem mein persönlicher Integrationsheld. Schon allein, weil du all den menschenverachtenden Irrsinn auf der Christenschiene verteidigst, wie zuvor schon dein Glaubensbruder Martin Hohmann.

    Auch der würde gerne wieder integriert werden. Seit Jahren sammelt er Geld für eine Verfassungsklage gegen seinen CDU-Ausschluss, wenn er nicht gerade seinen Namen googelt, um armen Bloggern kostenpflichtige Unterlassungsschreiben zukommen zu lassen. Dabei wäre die Lösung so einfach: Er könnte einfach SPD-Mitglied werden. Oder Spiegel-Online-Kolumnist. Auch Moderator bei Pro Sieben wäre denkbar oder Juror bei „The Voice of Germany“. Überall dort kann man so stumpfsinniges Zeug brabbeln wie man will, ohne deshalb gleich seinen Job zu verlieren.

    Time is on your side, Martin! Wirf das Meerschwein in die Ecke, das ist eh tot, schreib dir „Scheiß bolschewistische Negerjudenschwuchteln!“ oder so was aufs T-Shirt, stell dich damit in die Fuldaer Fußgängerzone und lass es einfach mal richtig raus! Am besten natürlich, während über dir Xavier Naidoo die Bischof Dyba-Gedenkglocke gegen Fötenmord glocken lässt, im Hintergrund Sarrazin und Buschkowsky eine Gruppe marodierender vorpommerscher Skinheads von Döner-Shop zu Döner-Shop führen, und ein irrer Wanderprediger, der ein bisschen so aussieht wie Martin Walser, auf den Stufen des Doms die Seligsprechung der Hamas-Märtyrer fordert. Am Ende brüllt ihr alle zusammen deinen schönen Satz: „Mit Gott in eine gute Zukunft, besonders für unser deutsches Vaterland!“ Musst dir deswegen keine Sorgen um meine Raten machen. Die zahl ich trotzdem weiter – versprochen!

    PS Die Bezeichnung „Salon-Rassisten“ für Sarrazin und Buschkowsky ziehe ich hiermit zurück und entschuldige mich in demütigster Form für diese satirische Entgleisung. Muss erst mal den Hohmann abstottern.

    PPS Alle Zitate der Hohmann-Rede in diesem Text wurden diesmal per drag&drop der Wikipedia entnommen. Eventuelle Beschwerden bitte an diese Adresse, ja?

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