Enten

    Posted by on Apr 29, 2013

    Es lag eine unentschlossene Helligkeit über diesem Tag. Fast verlegen blinzelte die Sonne vom Morgenhimmel herab. Eine Elster flatterte verhuscht von einem Ast zum andern. Wahrscheinlich machte ihr die Anwesenheit all der Katzen zu schaffen, drüben, auf dem Nachbarhof. Angelockt vom Geräusch des Löffels, mit dem die alte Dame Essensreste aus einem Topf klopfte. Vom Wochenende. Als die Enkel, aus dem fernen Berlin zu besuch, durch ihre gute Stube gefegt waren. Immer um den Tisch herum, über die samtbezogenen Stühle hinweg. Eine Vase war zu Bruch gegangen und vom Mittagstisch noch so viel übrig. Kinder wollen immer nur Makkaroni mit Tomatensoße. Und jetzt waren sie fort. Das Ticken der Wanduhr wieder vernehmbar. Alles an seinen Platz zurückgestellt.
    Draußen die Katzen kümmerte das alles nicht. Stürzten sich gierig auf die Bratenreste, die Kartoffeln in brauner Soße zerquetscht. Der Rotkohl blieb bis zuletzt liegen. Das graue Hinkebein erbarmte sich seiner dann doch. Leckte alles sauber. Vom nahen Sportplatz hallten Pfiffe herüber, Stakkato. Seit dem frühen Morgen schon.

    Er trainierte seine Tochter selbst. Schrie ihr auf den langen geraden Aschenbahnen erst entgegen, dann hinterher. Trieb sie mit einem rhythmischen Trillern durch die Kurven. Er mochte den Klang der Pfeife, die in der Sonne zu glänzen begann. Weiter, weiter. Es blieb nicht mehr viel Zeit. Er versuchte abzuschätzen, wie viele Runden sie noch schaffen könnte. Bis die ersten Zuschauer kämen. Heimspiel. Ein herrlicher Sonntag würde das, perfektes Wetter, gut trainiert. Noch drei oder vier Mal würde sie an ihm vorbeilaufen. Dann kämen die Kumpels zum Frühschoppen. Hopp, hopp, hopp. Er heizte ihr lautstark ein. Töchter brauchen das. Er nannte es „die harte Hand“. Er war stolz auf sie, stolz auf die Heimmannschaft. Das sollte das Mädchen mal erleben, was das für eine Stimmung ist. Und der Jubel erst, wenn einer trifft. Dachte er, als das dünne Mädchen mit den langen Beinen auf der Gegengeraden erschöpft zusammenbrach. Er hatte es erst gar nicht bemerkt. Keuchend lag sie auf dem Rücken, Arme weit vom Körper gestreckt. Er verzieh ihr sofort, half, aufzustehen. „Ich kauf dir später eine Bratwurst.“, sagte er auf dem Weg zum Umkleideraum, während er ihr über den blonden Schopf streichelte.

    Das Läuten der Kirchturmglocken versetzte die Raben in Aufruhr. Sie schreckten aus den hohen Wipfeln der Lindenbäume, die den Platz um die Kirche säumten, auf. Schwarzes Volk stob in alle Richtungen davon. Ein kleinerer Schwarm zog krächzend zum Marktplatz, über die schmale Häuserfront hinweg, die verhinderte, daß sich beide Plätze berührten. Die Bäckersfrau, die gerade mühsam die Fensterläden in ihrem Geschäft herabließ, hielt kurz inne. Hielt die Last auf halber Höhe, so, daß man gerade noch die große, helle Sahnetorte mit der Traditionsmarke erkennen konnte, „seit 1928“, mit Kakaocreme auf das Backwerk gespritzt. Sie hob den Kopf zum Himmel, musterte die schwarzen Vögel, wie sie sich auf dem Dach des Rathauses niederließen. Wandte sich wieder ihrer kraftraubenden Beschäftigung zu. Mit einem dumpfen Krach fiel das Rollo herunter, so, daß die Krähen erneut mit einem Aufschrei davonflogen. Feierabend.

    Die alte Dame saß im kahlen Kirchenschiff, auf der letzten Bank, allein. Sie blinzelte nervös, versuchte, zu erkennen, wer die da vorne waren. Sechs Gestalten, grauhaarig und gebeugt, die Gesichter nach vorn gerichtet, wo ein hagerer Mann im schwarzen Talar seine Predigt begann. Er presste die Worte aus einer ranzigen Stimme, hob und senkte sie immer wieder in ihre Richtung. Als sei all sein Tun nur für sie bestimmt, sie allein, die dazugestoßene, den Gemeindezuwachs. Sie hatte sich eingebildet, einfach dort sitzen zu können. Hineingehen in die große Stadtkirche, die sie bislang nur aus der Ferne ihres Küchenfensters hatte sehen können, von außen. Hineingehen, und einfach da sitzen. Nun war sie seiner Rede ausgesetzt, der weder zu entnehmen war, ob er Trost spendete, oder mahnte, erklärte oder fragte. So saß sie unbewegt, als ein dumpfes Grollen den Raum erfüllte, jäh und durchdringend. Die Alte fuhr zusammen, sah sich um, sah hoch, zur Empore, wo der Organist schnaufend die Bässe trat, nach den Tönen tastete, schließlich eine süßliche Melodie, über ihren Kopf hinweg sich entfaltete. Sie stand auf, unbemerkt. Vorn war man in die Liederbücher versunken, unbestimmt mitsummend. Sie tastete durch das Zwielicht, die Reihen entlang zur Holztür. Fand den kalten Griff, eisern. Stemmte ihr ganzes Gewicht dagegen, hinaus, ins Freie. Der Geruch von frisch geschnittenem Gras verscheuchte die kleine Panik. Keine Sitzgelegenheit in der Nähe. Sie fluchte leise vor sich hin, lief einfach los. „Die Enten.“, dachte sie noch, „Die Enten.“

    Die Bäckersfrau hatte eine Ewigkeit unter der Dusche verbracht. Hatte sich Mehlstaub, Zucker, Schweiß und Schmutz vom Körper gerieben. Dann die kräftigen Arme und Beine sorgsam eingeölt, im Spiegel ihre Brüste betrachtet. Sie mit den Händen gewogen, gestreichelt. Schaute nicht auf den Bauch dabei. Vermied es, sich dort zu berühren, wo wieder eine Falte gewachsen war, die provozierend unter den Brüsten hervorquoll. Als sie zur Rathausuhr hinübersah, erschrak sie prompt, warf sich eine frische Kittelschürze um den Leib. Nur notdürftig zugeknöpft, lief sie barfuß über den Flur, die Treppe hinunter, zur Küche. Gerade heute, wo noch gar nichts vorbereitet stand. Bis zur Halbzeit blieben noch zwanzig Minuten. Sie erinnerte sich an die Soljanka im Gefrierfach. Sie hoffte, er würde nicht beleidigt sein. Es wäre ja kein echtes Sonntagsessen. Da muß es Braten geben. Sie sah die Ente im Eis liegen, sah die Uhr und beschloß, alles auf den Lieferanten zu schieben. Einfach erzählen, daß der ihr eine Stunde lang die Ware verweigert hätte. Die offenen Rechnungen. Doch er solle sie mal machen lassen. Sie bekäme das schon hin. Wie beim letzten Mal und davor auch.
    Die Kirchglocken läuteten zum Essen. Es war fertig, aufgewärmt und drübergewürzt, zugedeckt auf dem Tisch. Sie eilte zurück zum Spiegelschrank, öffnete umständlich einen der Flügel, griff nach dem schönen, roten Kleid. Sie fand keine passenden Schuhe, fand den Lippenstift nicht. Kramte hektisch in ihrer Handtasche herum, hielt schließlich ein Fläschchen Mundspray in der Hand. Ein kurzes Zischen. „Muß eben so gehn.“
    Die Bäckersfrau betrachtete sich noch einmal kokettierend im Spiegel. Sie lief barfüßig zurück, zum Tisch, um dort alles zu arrangieren. Stellte ein Bier und ein Schnapsglas auf seine, eines für den Wein auf ihre Seite. Stellte die Flaschen zurecht, Öffner daneben, Serviette zur Feier des Tages. Sie setzte sich an ihren Platz, blickte hinaus, über den Marktplatz und lächelte. Der Nachmittag, frei.

    Ein Pfiff erlöste das dünne Mädchen, das immer noch da saß. Auf dem Sportplatz. Seit sieben Uhr früh. Neben dem Vater. Er hatte immer weiter in die Trillerpfeife geblasen. Ganz dicht an ihrem Ohr. Und es war mit jedem Bier lauter geworden. Nun standen sie endlich auf. Halbzeit. Sie folgte ihm zum Wurststand, wo sich bereits eine meterlange Schlange gebildet hatte. Alle redeten laut durcheinander. Der Vater schwankte. Hier und dort blickte sie in ein Kindergesicht, und große Hände obendrauf. Auf den Köpfen liegengeblieben, wie die Hand des Vaters jetzt auf ihrem. Jemand rief seinen Namen. Der Ruf war aus der Kneipentür gekommen, aus dem Sportlertreff. Er drückte ihr zwei Mark in die Hand. Drehte sich um und ging. Verschwand im Nebel. Sie blickte sich hilfesuchend um, erkannte keinen, sah, daß sie das einzige Mädchen war, weit und breit. Schaute verlegen zu Boden. Ballte ihre Fäuste, kämpfte gegen Tränen.

    Die Bäckersfrau saß am Tisch. Das Essen war kalt. Die zweite Halbzeit in vollem Gange. Ein Klingeln an der Haustür erlöste sie aus der Starre. Sie öffnete das Fenster, beugte sich über die Geranien und erkannte die alte Dame, die mit den Katzen und Enten. Sie bat um eine Minute Geduld, füllte ihren Teil der Suppe in eine Thermoskanne, lief hinunter zur Haustür, wo zwei Brotlaibe lagen, von gestern. Sie lagen jeden Tag dort, nur war die Alte noch nie am Sonntag erschienen. Dafür entschuldigte die sich wortreich, noch bevor die Bäckerin die Tür ganz geöffnet hatte. „Wissen sie, es ist heut ein ganz besonders schönes Wetter. Ich sitz am Wasser. Hab nix zum füttern. Da frag ich mich, ob es ihnen was ausmachen würde. . .“ „Ja,ja. Nich der Rede wert. Keen Problem.“ Sie reichte ihr das Brot. Verabschiedete sich, als sie noch einmal zurückwich, aus der Tür, der Kundin hinterher: „Sagen Sie . . .“ „Ja.“ „Das Spiel, läuft es noch?“ „Also eben, als ich da eben sitz, ein Riesenkrach und Jubel. Müssen wohl gewinnen, die unsrigen.“ „Danke, schönen Tach noch Frau . . .“ Sie war schon unterwegs mit ihrem Entenfutter unterm Arm. Wunderliche Frau. Wie hieß sie noch gleich?

    „Tor. Tor. Tor. Haut´se, haut´se, immer uff die Schnauze.“ Das dünne Mädchen saß wie betäubt an der Seite ihres Vaters. Alle sprangen und jubelten und Flaschen stießen aneinander. Sie wartete einfach. Wartete auf das Ende. Darauf, daß sie sich wieder hinsetzten. In der Ferne, dort am Fluß, an der gegenüberliegenden Seite des Rasenplatzes, konnte sie das weiße Gefieder der Schwäne erkennen, die sich um eine grüne Bank versammelt hatten. Sie versuchte zu erkennen, was da los war. Kniff die Augen zusammen. Sah die hübschen Entenmänner, die, mit den glänzenden Hälsen aufgeregt zwischen den Schwänen umher watscheln. In dem Moment setzte sich jemand direkt vor sie, eine dicke Frau in einem schönen, roten Kleid. Sie roch nach Vanille. Der Vater und seine Kumpels kicherten und boxten sich gegenseitig in die Rippen. „Na, Hildchen, wo hast´n Manni jelassen?“ Die Frau drehte sich nicht um. Sie stand einfach wieder auf und ging. Abpfiff. Großer Jubel. Die Männer drängten  in den Gastraum, zum Bier. Sie hing an Vaters Hand, trank Sprudel. Saß im Gemurmel und wartete die Scheidebecher ab.
    Später, viel später auf dem Heimweg, fragte das dünne Mädchen: „Pappa, warum hatte die Frau keine Schuhe an?“

    Manja Präkels, 2007

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