Mein reiches Leben zwischen Kunst, Kapital und Kannibalen

    Posted by on Mai 21, 2016

    Teil 1: Freiheit, die ich meine

    Gerade habe ich beim Ordnen alter Papiere festgestellt, dass ich nun seit (fast auf den Tag genau) 17 Jahren ausschließlich freiberuflicher Autor bin. Na ja, zumindest sofern man akzeptiert, dass zu diesem Beruf auch Veranstaltungsorganisation, Booking, allerlei grafische Stümpereien und gelegentliche Ausflüge ins Sanges- oder Bühnenfach gehören. Meine letzte sozialversicherte Stellung jedenfalls und damit auch mein letzter Verantwortungsposten in einem wirtschaftlich arbeitenden Unternehmen endete 1999 durch Insolvenz des wohl eben doch nicht so wirtschaftlich arbeitenden Unternehmens. An mir hat es, glaube ich, nicht gelegen. Es handelte sich um eine große Musical-Produktion, und ich trug (gemeinsam mit einer Freundin) den euphemistischen Titel „Foyer-Manager“. Das war ein Spaß! Jeden Abend durfte ich 30 junge Studentinnen und Studenten in niedlichen Elben- oder Zwergenkostümen auf ihre Positionen scheuchen und anschließend in meinem besten hellgrauen Anzug Seriosität ausstrahlen, während ich mich an der Foyer-Bar mit Erdbeer-Daiquiris zuschüttete. Mag sein, ich war ein schlechtes Beispiel für die Kollegen, aber ich glaube wirklich nicht, dass ich damit die ganze Produktion zu Fall brachte.

    Vielleicht hätte ich nach der Insolvenz diesen Karriereweg sogar weiterverfolgen sollen, Musicals wuchsen seinerzeit schließlich nach wie Schimmelpilze im Kühlschrank und an Gratis-Daiquiris ist ja auch wenig auszusetzen. Aber inzwischen näherte sich mein 31. Geburtstag, im Computer wuchs ein Romanmanuskript heran, das Rauschen der inneren Sanduhr wurde lauter und lauter und allnächtlich suchte mich der alte Traum heim, vom Schreiben leben zu wollen. Also sagte ich mir, wenn nicht jetzt, wann dann, und kam mir nicht mal naiv dabei vor. Immerhin stellte ich mir mein neues Leben keineswegs als samtgepolsterten Elfenbeinturm voller engelsgleich umher schwirrender Musen vor. Nein, ich war um schonungslosen Realismus bemüht und hatte alles auf einem Werbeblock aus der Insolvenzmasse des Musicals haarklein durchkalkuliert: Ich würde meine Wohnkosten reduzieren (Wer braucht schon Heizung und Innenklo!), das Auto aufgeben, meine Leber von Cocktails auf Sternburg Export umschulen und vor allem: niemals zimperlich sein! Jeden irgendwie kulturellen Schreibauftrag würde ich annehmen, egal wie öde das Thema wäre, um auf diesem Wege die eigenen Projekte, über deren Wirtschaftlichkeit ich mir keine Illusionen machte, zu refinanzieren.

    Gesagt, getan. Ein günstiges Quartier war damals schnell gefunden und mein geistiger Motor lief mit „Sterni“ zwar etwas weniger rund, aber er lief. Auch erste Geldjobs fanden sich bald, denn ich war ja nicht zimperlich. So schrieb ich fröhliche Puppentheaterstücke, launige Bühnennummern für mäßig erfolgreiche Kabarettisten, nahm Aufträge zur Bearbeitung klassischer Stoffe von freien Theaterprojekten an, verfasste Pressetexte für Kulturvereine und verklausulierten Nonsens mit vielen Fremdwörtern für Kunstkataloge. Und tatsächlich: Die Zahlen, die ich auf meine Rechnungen schrieb, hätten in Tateinheit mit den verringerten Fixkosten, meinen regelmäßigen Lesungen, den ernsthaften Artikeln, den ersten Publikationen in Kleinverlagen und all dem eigentlich ausreichen müssen, um halbwegs über die Runden zu kommen. Dumm nur, dass man zwar Papier essen kann, nicht aber die Zahlen darauf, und dass diese, auch wenn man fett „Rechnung“ darüber schreibt, im Kultursektor diesseits von Hollywood, Staatstheater und öffentlich-rechtlichem Rundfunk nicht unbedingt zu Kontobewegungen führen. Wenn doch, dann selten in voller Höhe und keinesfalls im versprochenen Zeitraum.

    Insofern kam ich doch eher viertel- als halbwegs über die Runden, machte dafür aber eine Reihe existentieller Erfahrungen, die ich zuvor nur aus Biographien anderer Autoren kannte. So lernte ich etwa, Briefe in gelben Umschlägen ungeöffnet zu sammeln, um mir mein fröhliches Wesen zu bewahren, lernte, bundesweite Lesetouren per Wochenendticket als spannende Recherche-Odysseen durch die deutsche Provinz zu begreifen und die auftrittsarmen Sommermonate bei Kohlsuppe zu überstehen. Ja, in den ersten Jahren gelang es mir sogar, bei all dem selbst jene sonderbare Romantik zu empfinden, die Menschen mit Vollzeitjob und bezahltem Urlaub gern mitklingen lassen, wenn sie von „Künstlerleben“ sprechen. Geflissentlich überhörte ich die ewig wiederkehrende süffisante Frage „Und was machst du beruflich?“ und redete mir selbst die alte Lüge ein, dass ich diesen Menschen ja immerhin voraus hätte, das meine Arbeit mir Spaß macht und eine Erfüllung bringt, die sie vielleicht nie erlangen würden.

    Allein, irgendwann merkt man dann doch, dass das Schreiben so viel Spaß machen kann, wie es will, es aber trotzdem ganz und gar nicht erfüllend ist, in unschöner Regelmäßigkeit von fahrenden Theatern, unterfinanzierten Kulturprojekten und kleinen, ambitionierten Zeitschriften um sein Honorar geprellt zu werden. Auch spürt man schon bald, dass es dem eigenen Selbstwertgefühl auf Dauer nicht unbedingt zuträglich ist, mit Zuschauern über 3 Euro Eintritt zu diskutieren, die sich anschließend den ganzen Abend mit Cuba Libres für 9 Euro bei Laune halten. Und irgendwann dämmert einem sogar, dass es eine recht einseitige Form von Solidarität ist, wenn man in linken Clubs ohne Gage auftritt, während die Clubchefs (oh ja, auch solche Clubs haben erstaunlich häufig Chefs!) vom Getränkeumsatz des Abends schon ihren nächsten Urlaub planen. Ja, dass es eventuell sogar ein deutlicher Hinweis auf eigene Kreuzdämlichkeit sein könnte, wenn man sich Jahr für Jahr erfahrungsresistent mit immer neuen künstlerischen oder politischen Selbstausbeutungsprojekten einer im eigenen Sud langsam verrottenden Subkultur und ihrem kannibalischen Publikum zum Fraß vorwirft, bis man selbst am Ende nicht mal mehr krankenversichert ist, sich dabei aber nichtsdestotrotz Kommerz-Vorwürfe anhören muss, weil man von der Bühne Werbung für Bücher macht, von deren Erlös man am Ende auch nur acht Prozent des Händlerabnahmepreises bekommt. Und kaum lässt man diesen Gedanken erst einmal zu, beginnt die innere Sanduhr auch schon wieder gewaltig zu rauschen …

    Natürlich: Hartz IV kann helfen. Ja, die ständigen Repressalien und Erniedrigungen, die man im Job Center erfährt, lassen sich eine Weile lang sogar ganz vortrefflich zu galligen Texten verarbeiten, über die dann das subkulturelle Publikum Tränen lacht, bevor es einem 5-Centstücke und Knöpfe in den Sammelhut wirft. Zwar werden die „Maßnahmen“ und Drohbriefe des Job Centers mit den Jahren immer bizarrer und der Papierkrieg um dieses Existenzminimum irgendwann so überbordend, dass dessen Bewältigung fast einer Vollzeitstelle entspricht, aber dafür bleibt man als linker Autor wenigstens unangreifbar. Denn irgendwie scheint gerade unter Linken Konsens darüber zu herrschen, dass Hartz IV für Künstler so was wie natürliche Bodenhaltung ist.

    Als Publikumslinker darf man (sofern es einem nicht gelingt, Barkeeper in einer linken Kneipe zu werden, eine Stelle bei einer linken Stiftung oder in einem staatlich geförderten Antifa-Projekt zu ergattern) selbstverständlich alles mögliche machen. Man darf in übel beleumundeten Einkaufszentren arbeiten, als Sachbearbeiter in nahezu jedem Unternehmen, als Versicherungsvertreter, Outbound-Telefonverkäufer, Software-Spezialist in multinationalen Konzernen und vieles, vieles mehr. Solange man nur seinen Anzug gegen einen Kapuzi und die Krawatte gegen subversive Sticker eintauscht, bevor man seine linke Stammkneipe betritt, bleibt man Teil des geschundenen Proletariats, und sofern man nicht allzu viel davon redet, wird sich auch niemand für Einzelheiten aus dem eigenen Arbeitsleben interessieren. Als linker Autor dagegen muss man unangreifbar bleiben und sollte sich besser mit Hartz IV begnügen, denn tut man das nicht, sondern nimmt Schreibaufträge von denen an, die einen tatsächlich angemessen und pünktlich für seine Arbeit bezahlen (und das sind in der Regel leider weder Kulturprojekte noch linke Zeitungen – s.o.), dann wird man in den Augen der „Genossen“ schnell zum Büttel des Kapitals.

    Es ist nicht so, dass ich mir dessen nicht bewusst gewesen wäre, als ich vor zwei Jahren beschloss, meinem „Aufstocker“-Dasein Adieu zu sagen und meine freiberufliche Autorenexistenz seufzend auf Reportagen für Mieterzeitungen, Interviews für Unternehmenspublikationen, Slogans für Werbebroschüren, Advertorials und ähnliches auszuweiten. Ich hatte einfach nur keine Lust mehr, im Sommer bei Kohlsuppe dazusitzen und auf Facebook die zuverlässig zweimal im Jahr geposteten Urlaubsbilder jener linken Freunde zu liken, die sich geregelter Arbeitszeiten und monatlicher Überweisungen erfreuen. Auch war ich es leid, dass ständig eigene künstlerische Projekte versandeten, weil kein Eigenkapital vorhanden war, mit dem man hätte operieren können. Und nicht zuletzt dachte ich mir, dass man als freier Autor ja eben frei ist und mithin selbst entscheiden kann, welchen Auftrag man moralisch vertretbar findet und welchen nicht … Nun ja, so dachte ich jedenfalls.

    Die Wahrheit sah dann leider anders aus, was jedoch nicht an meinen neuen, zahlungskräftigen Auftraggebern lag. Denn diese akzeptierten, wie ich erfreut feststellen konnte, ohne den Hauch eines Wimpernzuckens, wenn ich Aufträge ablehnte, die mir moralisch fragwürdig schienen, und erwiesen sich gleichzeitig als erstaunlich gleichgültig meinen sonstigen künstlerisch-linken Umtrieben gegenüber, so lange ich nur die bestellten Texte pünktlich lieferte. Nein, es waren die „Genossen“, die sich, ungeachtet ihres eigenen wirtschaftlichen und moralischen Spagats, schon bald darüber empörten, dass es aus meiner Wohnung nun nicht mehr nach ehrlicher Kohlsuppe stank …

    Fortsetzung folgt

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