April & Mai 2019

    Posted by on Apr 4, 2019

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    große Ereignisse beginnen manchmal ganz banal: „Am Nachmittag des 4. April hatte ich an einer Betriebsversammlung teilgenommen, um auf Einladung der Betriebsräte ein Gutachten über Differenzen unter den Arbeitern abzugeben. Um sechs Uhr sollte im Wittelsbacher Palais eine Sitzung des Revolutionären Arbeiterrates (RAR) stattfinden. In dem Augenblick, als ich das Gebäude betreten wollte, kamen mir im Vorgarten eine Anzahl von Genossen entgegen, darunter mehrere Mitglieder des RAR (auch Landauer), der Vorsitzende des Zentralrats Niekisch und ein paar bekannte USPD-Leute. Sie forderten mich auf, sofort umzukehren und mit ihnen zum Ministerium des Äußeren zu gehen, da die Räterepublik in Bayern sofort proklamiert werden solle. Ich glaubte zuerst, man wolle mich mit einem Witz aufziehen, erkannte aber bald, dass die Sache ernst war. (…) Die Stimmung der kleinen Schar war sehr gehoben, und ich leugne nicht, dass sie auf mich überging und der Gedanke, dass der heiße Wunsch des Proletariats nun Erfüllung finden solle, mein Herz heftig schlagen machte.“

    So erinnert sich Erich Mühsam an den Startschuss zur Bayerischen Räterepublik vor genau 100 Jahren. Noch am selben Abend ziehen sich Gustav Landauer und er in ein Restaurant zurück, wo die beiden Anarchisten – vermutlich bei Schweinsbraten mit Klößen und einigen Halben – die entsprechende Proklamation zu Papier bringen. Drei Tage später, am 7. April, ist Bayern dann offiziell Räterepublik.

    Glücklicherweise lässt der Weltgeist nicht aus jedem banalen Anfang ein großes Ereignis werden, andernfalls müsste man heute – 100 Jahre später – ziemlich besorgt sein. Beispielsweise ob der frisch entdeckten Identitätsparallelen zwischen Ostdeutschen und Migranten (zuweilen auch: Muslimen), die sich rechts wie links gerade wachsender Beliebtheit erfreuen. Mithilfe dieser These soll nämlich eine gemeinsame Ethnizität für die sonst so unterschiedlichen Sachsen, Thüringer, Anhaltiner, Mecklenburger und Brandenburger konstruiert werden – auch über die Fraktur-Losung „Ostdeutschland. Härter als der Rest“ hinaus, die man in den betroffenen Gebieten zuweilen auf den getönten Rückscheiben verspoilerter Golf GTIs sieht. Ob allerdings von der geforderten Ost-Quote für Ämter und Posten auch in den Westen ausgewanderte Stammesmitglieder, bzw. vor dreißig Jahren von Westen her eingewanderte Menschen profitieren sollen, ist noch nicht ausgemacht. Schon gar nicht, ob in zweiter Generation in Leipzig oder Jena lebende Migranten als Ostdeutsche betrachtet werden, oder wie man die verschiedenen Herkünfte bei den Berlinern auseinanderhalten möchte … „Ach“, seufzt da der Weltgeist, „was ist nur aus dem guten, alten Klassenbewusstsein geworden? Die Grenzen verlaufen doch nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen …“ – Ihr wisst schon.

    Zu den tatsächlich drängenden Problemen (nicht nur) in Ostdeutschland hat Manja Präkels im Vorfeld der Veranstaltung „Richtige Literatur im Falschen: Schreiben gegen rechts“ kürzlich ein kurzes Statement in der Taz veröffentlicht. Und über die Lage in West-, nein: Süddeutschland vor 100 Jahren und was das mit uns heute zu tun hat, werden wir uns in den kommenden Tagen auf einer kleinen Bayern-Tournee äußern – einmal auch in Begleitung von Der Singende Tresen. Markus Liske hat im Vorfeld bereits in einem Interview für die WDR-Kultursendung Scala über die Rolle Erich Mühsams in der Räterepublik gesprochen. Und eine sehr schöne Rezension zu seinem Buch „Sechs Tage im April – Erich Mühsams Räterepublik“ (Verbrecher Verlag) ist im Freitag nachzulesen. In das parallel bei speak low erschienene Hörbuch, gelesen von Robert Stadlober und Markus Liske sowie virtuos vertont von Der Singende Tresen, kann man hier übrigens reinhören. Nun aber erst mal die …

    Termine

    Do. 04. April, 19 Uhr

    Markus Liske und Manja Präkels lesen aus: „Sechs Tage im April“ / „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ und diskutieren mit Dr. Michael Ott über „Literatur und Politik“

    Monacensia

    München

    Fr. 05. April, vormittags (Schülerlesung / Uhrzeit bitte nachfragen)

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Monacensia

    München

    Fr. 05. April, 19 Uhr

    Markus Liske liest: „Sechs Tage im April – Erich Mühsams Räterepublik“

    Iwalewa-Haus, und Manja Präkels singt Mühsam zur E-Ukulele

    Bayreuth

    Sa. 06. April, 19 Uhr

    Lesung & Konzert „Sechs Tage im April“ / „Das seid ihr Hunde wert! (Mühsamblues)“ zum 100. Jahrestag der Bayerischen Räterepublik – mit: Markus Liske, Manja Präkels & Der Singende Tresen

    Polka Bar

    München

    So. 07. April, 20 Uhr

    Markus Liske & Manja Präkels lesen aus „Sechs Tage im April“ und „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, und Manja Präkels singt zur E-Ukulele

    IRRland

    München

    Mo. 08. April, 20 Uhr

    Markus Liske & Manja Präkels lesen auf Franz Doblers Lesebühne „Dichtung und Fortschritt“ aus ihren Romanen „Glücksschweine“ und „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, und Manja Präkels singt zur E-Ukulele

    Staatstheater / Ofenhaus im Gaswerk

    Augsburg

    Mi. 10. April, 20 Uhr

    Markus Liske liest: „Sechs Tage im April – Erich Mühsams Räterepublik“

    Koeppenhaus

    Greifswald

    Do. 18. April, 19 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Jugendhaus Trafo

    Weyhe

    Do. 25. April, 20 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Kulturhaus Arthur

    Chemnitz

    Do. 02. Mai, N.N.

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Augen auf e.V. Oberlausitz

    Zittau

    Fr. 03. Mai, 19 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    SIZ

    Freiberg

    Di. 07. Mai, 19:30

    Konzert/Lesung zum Tag der Befreiung: Der Singende Tresen spielt „Mühsamblues“, Markus Liske liest aus „Sechs Tage im April“

    Kulturhaus Karlshorst

    Berlin

    Weitere Mai-Termine (es sind noch einige!) gibt es im nächsten Newsletter. Vormerken solltet ihr euch schon mal den 17. Mai – denn da präsentieren wir auf den „Linken Buchtagen“ in Berlin gemeinsam mit Robert Stadlober und Der Singende Tresen Auszüge aus der Hörbuchfassung von „Sechs Tage im April“.

    Wir sehen uns!


    Eure überethnischen Klassengenossen in der
    Gedankenmanufaktur WORT & TON

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