März & April 2020

    Posted by on Mrz 1, 2020

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    die vier Wochen seit unserem letzten Newsletter waren so übervoll an bizarren und bedrückenden Nachrichten, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Da war beispielsweise der nassforsche Versuch einer moralisch völlig entgrenzten Rabaukenhorde provinzieller CDU- und FDP-Politiker, einen der ihren mit den Stimmen von Björn Höckes AfD zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen. In der Folge rumste es gar schwer in beiden Parteien. In der CDU gab es teils freiwillige (AKK), teils hart erzwungene Rücktritte zu bestaunen. In der FDP darf zwar Christian Lindner als Parteichef weiterdilettieren. Aber spätestens nach dem rechtsextremen Terrorattentat von Hanau ist klar, dass er seinen Kampfhund für die Auslotung neuer rechter Bündnisse, Wolfgang Kubicki, vorerst nur noch mit Maulkorb an kurzer Leine führen darf.

    Auch sonst scheint der grauenvolle Hanauer Terrorakt an manchen Stellen wenigstens kurzfristig etwas ausgelöst zu haben. Als hätte es nach Hunderten von rechtsextremen Morden seit 1990, nach den zahllosen Pogromen und Hetzjagden, dem NSU, dem Mord an Walter Lübcke, den Opfern von München und Halle usw. tatsächlich noch zehn weiterer Toter bedurft, wollen sich nun der sonst eher gegenteilig verhaltensauffällige Innenminister und seine Sicherheitsbehörden verstärkt gegen Rechtsextremismus engagieren. Heißt es jedenfalls. Einzig CDU-Kanzlerkandidatenkandidat Friedrich Merz hat den Schuss (bzw. die Schüsse) wohl wieder nicht gehört. Auf die Frage eines Spiegel-Journalisten, was er gegen Rechtsextremismus zu tun gedenke, antwortete er sinngemäß: die Grenzen schließen und gegen Clan-Kriminalität vorgehen.

    Wie es derzeit insgesamt um die CDU gestellt ist, das könnte Ihr in Markus Liskes Artikel „Mehr Illiberalismus wagen“ nachlesen, der gerade in der Jungle World erschienen ist. Was in dem Artikel nicht erläutert wird (weil es zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt war), ist die Frage, warum der junge Star-Rechtsaußen der Partei, Jens Spahn, nicht allein, sondern nur als Beifahrer eines freundlichen Herrn aus Nordrhein-Westfalen ins Rennen um den Vorsitz geht. Die Antwort: Corona.

    Ja, die Corona-Pandemie hat inzwischen Europa erreicht, und Deutschland ist … na ja, also … jetzt eher … nicht so wirklich vorbereitet. Nicht genug Schnelltests, Schutzkleidung und Quarantäneplätze, dafür so innovative Tipps wie: 1,5 bis 2 Meter Abstand zu anderen Menschen halten. Für uns Berliner (und für alle Nutzer der totgesparten öffentlichen Verkehrsmittel im ganzen Land) heißt das dann wohl: „Vajisset, Alter.“ Denn für die Berliner Kuschel-U-Bahnen der BVG gelten schon 1,5 bis 2 Zentimeter zwischen den Fahrgästen als nicht finanzierbare Leerstelle.

    Gut, unser Gesundheitsminister, der Jens, hatte in den letzten Wochen natürlich auch viel mit seinen Parteikarriereplänen zu tun und also wenig Zeit für das Thema Corona – das muss man schon verstehen. Aber wenn sich erst die Todesfälle häufen, steht man als politischer Verantwortlicher halt doch nicht so super da, dass man darauf eine Kanzlerkandidatur aufbauen könnte. Für unseren Hohepriester des „freien Marktes“, Friedrich Merz, könnte das natürlich ebenso gelten, schaut man sich die leeren Regale für Schutzmasken, Einweghandschuhe und Desinfektionsmittel in Drogerien und Supermärkten an. Doch Religion ist eh irrational, und deshalb stellen die Anhänger von Merzens Wirtschaftssekte auch dann noch die Mehrheit der Bevölkerung, wenn sich Angebot und Nachfrage nach Börsenschluss achselzuckend gute Nacht sagen, um sich auch mal ohne einander zu amüsieren.

    Die gute Nachricht: Zumindest in unserer kleinen Gedankenmanufaktur wird Nachfrage noch mit Angeboten beantwortet. Die Taschenbuchausgabe von Manja Präkels‘ „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ bei btb ist gerade in die 2. Auflage gegangen. Das Hardcover gibt es weiterhin beim Verbrecher Verlag. Neue Texte von ihr gibt es in gleich zwei Buchpublikationen: in der Anthologie „Und wie wir hassen!“ sowie in „Krieg und Frieden: 1945 und die Folgen in Brandenburg“. Außerdem hat sie gerade eine Fotoserie der Agentur Ostkreuz betextet, die in den kommenden Wochen portioniert in der WOZ erscheint. Und im letzten Newsletter vergaßen wir, ihren schönen Weihnachtsartikel in der Taz zu verlinken: „Die Legende vom Büderich“.

    Die Theaterpremiere der „Schnapskirschen“ am tjg Dresden war übrigens ein großer Erfolg, wie man hier nachlesen kann. Großer Dank unsererseits an das fantastische Team um Regisseur Nils Zapfe und die grandiosen Schauspielerinnen Susan Weilandt, Gina Markowitsch, Marie Thérèse Albrecht und Lola Mercedes Wittstamm. Wer es noch nicht gesehen hat: Das Stück wird auch in der kommenden Spielzeit gezeigt!

    Und gleich noch mal Theater: Während Markus Liske an seinem neuen Roman feilt und auch DER SINGENDE TRESEN über neuen Projekten brütet, sitzt Manja Präkels an der Bühnenbearbeitung eines historischen Stoffes für das Theaterhaus Jena. Was genau das alles ist, was da gerade produziert wird, erfahrt Ihr noch früh genug. Hier erst mal unsere nächsten Live- …

    Termine

     

    Di. 03. März, 17:00 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Gemeindezentrum 

    Wiesbaden-Nordenstadt

     

    Mi. 04. März, 11:30 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ / Schülerlesung

    Rheingauschule

    Geisenheim

     

    Do. 05. März, 20:00 Uhr

    4. Theatergespräch Ost/West

    Diskussion mit Manja Präkels, Steffen Mensching und Udo Eidinger 

    Theater

    Erlangen

     

    Do. 2. April, 18:30 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Konservatorium

    Magdeburg

     

    Mo. 6. April, 18:00 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Muzej idej

    Lwiw

    Ukraine

     

    Gern hätten wir zum Abschluss noch was Flockiges darüber geschrieben, dass Ihr uns auf den jeweiligen Bühnen wegen der Atemschutzmasken vielleicht gar nicht erkennt. Aber es gibt ja keine Schutzmasken mehr. Also erinnern wir zum Abschluss lieber an jene unserer Mitmenschen, für die es in dieser Gesellschaft offensichtlich keinerlei Schutz gibt und niemals gab. Die dauerhaft rassistische Beleidigungen und mediale Stigmatisierungen ertragen müssen, weil ihre Vorfahren ein paar Hundert Jahre später als die ihrer Nachbarn in dieses Land eingewandert sind. Die tagtäglich um ihr Leben fürchten müssen. Neun von ihnen wurden am 19. Februar ermordet. Ihre Namen sind: Ferhat Ünvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Said Nessar El Hashemi, Mercedes Kierpacz, Fatih Saraçoglu, Koljan Welkow, Sedat Gürbüz und Vili Viorel Păun. Sie waren Hanauer.


    Eure dieser Tage um abschließende Scherze verlegenen Kulturarbeiter in der
    Gedankenmanufaktur WORT & TON

    Impressum | Datenschutzerklärung