WORT & TON im April 2020

    Posted by on Apr 3, 2020

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    es fühlt sich reichlich sonderbar an, in diesen Zeiten einen Newsletter zu schreiben. Alle Lesungen und Konzerte, die wir in der nächsten Zeit geplant hatten, sind abgesagt, und niemand kann sagen, wie lange das so bleibt. Aber schaut man nach Italien, nach New York oder auf die griechischen Inseln, sind ein paar auftrittsfreie Monate für uns und auch der damit einhergehende Verlust an Gagen wirklich nicht das größte Problem dieser Tage. Immerhin geht unsere künstlerische Arbeit ja weiter, sitzen Markus Liske und Manja Präkels unverdrossen an neuen Texten, und DER SINGENDE TRESEN darf zwar nicht miteinander proben, kann aber immerhin komponieren. Die Inspiration dafür findet sich auch beim Blick durchs ungeputzte Fenster, wie Manja Präkels gerade in einer literarisch-musikalischen Videominiatur für das Bildungszentrum Anne Frank festgestellt hat: „Ich muss mal wieder Fenster putzen.“

    Dass wir unsere Freunde jetzt, wo soziale Kontakte nur noch per Video Call stattfinden können, öfter sehen als früher, ist natürlich absurd, aber letztlich ein Widerspruch der amüsanteren Art in dieser an Widersprüchen so überreichen Zeit. Eine Verkäuferin unseres Kiezsupermarkts brachte es heute auf den Punkt. Auf unsere Frage, ob man vielleicht zu bestimmten Uhrzeiten kommen müsse, um mal eine Packung Mehl oder Klopapier zu bekommen, antwortete sie: „Dit könn Se vajessn. Bei uns kommt schon seit eener Woche nüscht mehr rin. Wissen Se, dit find ick am Schlümmsten: dass uns die Hamsterer dahin jebracht haben, dass et jetzte so aussieht, als hätten se Recht jehabt mit ihre Hamsterei.“ Okay, „dit Schlümmste“ an der aktuellen Situation ist auch das sicher nicht, aber es trifft schon den Kern der Sache: Wo man auch hinschaut regieren Konfusion und Idiotie, und die massivsten Vollholzpfosten stehen am Ende noch als Sieger da.

    Donald Trump zum Beispiel kann rumeiern und halbwahnsinniges Zeug erzählen bis die Locke wippt, seine Popularitätswerte steigen trotzdem. Viktor Orbán schafft im Schatten der Krise auch noch die letzten Reste von Demokratie in seinem Land ab, ohne dass es eine nennenswerte Reaktion aus Brüssel gäbe. In Polen folgt die Partei Jarosław Kaczyńskis diesem Beispiel mit großen Schritten. Und hierzulande hat gerade der bayrische Ministerpräsident Markus Söder, kaum dass er sich in penissteifer Macherpose in einem vollen Klopapierlager ablichten ließ, die zugige Spitze der Politcharts erklommen. Vermutlich, weil man seither in den anderen Bundesländer glaubt, die Bayern hätten noch was vom neuen weißen Gold. Tatsächlich aber ist auch dort die Versorgung längst weitgehend eingestellt, und die gefüllte Lagerhalle war wohl doch nur Söders persönlicher Vorrat.

    Noch kontrafaktischer erscheint Platz 3 in der Beliebtheitsliste deutscher Politiker. Den hat nämlich inzwischen Jens Spahn inne. Also jener Herr, der Kraft seines Amtes als Gesundheitsminister noch Anfang des Jahres plante, 800 der 1.400 Krankenhäuser in Deutschland zu schließen (was die hiesigen Behandlungskapazitäten auf das Niveau von Italien gesenkt hätte), und der am 29. Januar sagte, es gäbe „keinen Anlass zu Unruhe oder unnötigem Alarmismus“, man sei „gut vorbereitet“. Leider waren mit guter Vorbereitung wohl weder die Anschaffung von Schutzkleidung für Krankenhausmitarbeiter noch ein funktionierendes Testsystem gemeint. Was er damit stattdessen meinte (Netflix-Abo? Neue Matratze? Rechtzeitige Stornierung seines Sommerurlaubs?) entzieht sich unserer Kenntnis. Ist aber für seinen Belibtheitswert offenbar auch gar nicht von Belang. Im Krieg und in der Krise hat der Chef halt immer Recht und tut stets das Richtige, auch wenn er nichts tut.

    Am liebsten sehen es die Leute derzeit aber, wenn einer „so richtig anpackt“. So einer wie der österreichische Kanzler Sebastian Kurz a.k.a. „Baby-Hitler“ beispielsweise. Der hat jetzt nämlich verordnet, dass man in seinem Land nur noch mit Mundschutz einkaufen darf. Eine hübsche Skurrilität, gilt damit doch in Österreich jetzt gleichzeitig Maskengebot und Vermummungsverbot. Aber keine Sorge, unsere südlichen Nachbarn werden an diesem Widerspruch nicht verhungern. Schließlich gibt es bei denen ebenso wenig Masken wie bei uns. Um Abhilfe zu schaffen, lässt Jens Spahn … nein, Quatsch, der macht natürlich gar nichts. Noch mal: Um Abhilfe zu schaffen,  produzieren jetzt mehrere kleine Modelabel und Nähereien Mundschutze und geben sie zum Teil sogar gratis an Krankenhäuser ab. Ja, auch solche zivilgesellschaftlichen Lichtlein glimmen in der von analfixierten Prepper-Zombies und hilflos umhergeisternden Politikern bevölkerten Pandemiefinsternis.

    Hin und her tragen kann man derartige Lichtlein dieser Tage aber leider nicht, denn nicht nur nationale Grenzen wurden geschlossen, sondern auch die Landesgrenzen Mecklenburg-Vorpommerns und – kein Scherz! – sogar die Kreisgrenze des brandenburgischen Landkreises Ostprigniz-Ruppin. Nun könnte man das auf den ersten Blick durchaus charmant finden, wie schnell sich in der Krise aus dem polternden National-Wir à la AfD ein provinzielles Stammes-Wir herausschält. Zumal nebenbei auch noch anhand der Ferienhäuser von Berlinern die Eigentumsfrage neu dekliniert wird. Aber tief in diesem Stammes-Wir wohnen bekanntlich viele kleine mordlustige Prepper-Ichs. Und die nationale Grenze wird ja dennoch weiterhin glorifiziert – als Schutzwall gegen Asylsuchende nämlich.

    Von denen sitzen immer noch rund 20.000 dicht an dicht im Elendslager Moria auf der griechischen Insel Lesvos und warten in medizinisch unhaltbaren Zuständen auf das Coronavirus. Warum es nicht möglich sein soll, diese Menschen zu retten, indem man sie, zumindest für die Dauer der Krise, in unseren leerstehenden Hotels unterbringt – dafür gibt es keine plausible Erklärung. Aber die PR-Berater unserer Politiker müssen sich auch keine einfallen lassen, denn – es fragt ja einfach niemand mehr danach. Keine Anne Will oder Maybrit Illner, kein Plasberg oder Lanz. Wenn Klopapier fehlt, ist für Menschlichkeit offensichtlich kein Platz mehr. Umso wichtiger, dass wir, liebe Freunde, schauen, wie wir helfen können. Das geht beispielsweise mit Spenden. Unser Tipp dafür: die Initiative Stand by me Lesvos, die seit 2017 in Moria arbeitet und den Geflüchteten dort ganz konkrete Hilfe zur Selbsthilfe leistet.

    Außerdem könnt Ihr demnächst das Kinderbuch „Eine Wiese für alle“ erwerben, dessen gesamter Erlös der Stärkung einer offenen Gesellschaft zukommen wird. Manja Präkels ist Schirmherrin dieser schönen und wichtigen Aktion rund um ein Bilderbuch. Es „erzählt in Form einer einfachen und zu einer persönlichen Haltung herausfordernden Schäfchen-Parabel von der Hilfe für Geflüchtete. Das Besondere an dem Buch ist, dass jeder, der es liest, sich – zusammen mit der Schafherde – entscheiden muss: Greife ich ein und helfe ich oder verschließe ich lieber die Augen?“ Wann Ihr es erwerben könnt und wohin der Erlös geht, erfahrt ihr HIER.

    Da nun, dank Angela Merkel, der Begriff „Fürsorge“ in aller Munde ist: Es sind in der Mehrzahl Frauen, die in plötzlich als systemrelevant anerkannten Berufen die Versorgung am Laufen halten, zusätzliche Kinderbetreuung und -beschulung leisten und dabei noch einen Blick auf Nachbarn und Nachbarinnen haben. Wie ein Vergrößerungsglas lässt Covid-19 gesellschaftliche Widersprüche in den Vordergrund treten, die sich sonst oft unter der Decke der Alltäglichkeiten dem Blick entziehen. So bemerken viele erst jetzt, dass der seit Jahrzehnten wachsende Pflegenotstand ganz konkrete Auswirkungen auf sie selbst haben könnte, oder welche entscheidende Rolle unterbezahlte Erzieherinnen und Erzieher für ihr Familienleben spielen. Lasst uns das alles auch über die schweren Tage, Wochen und wahrscheinlich Monate der Pandemie nicht vergessen, gebt auf Euch und einander acht, seid solidarisch und bleibt uns gewogen. Lest Bücher, hört Musik, unterstützt dabei eure lokalen Händlerinnen und Händler und haltet nach der Sonne Ausschau.

    Bis hoffentlich bald & bleibt gesund!


    Eure Virusfolgenforscher im Home Office-Soziallabor der
    Gedankenmanufaktur WORT & TON

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