Wort & Ton im Juni/Juli 2020

    Posted by on Jun 2, 2020

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    nun hatten wir im April großspurig verkündet, wir würden den monatlichen Turnus unseres Newsletters trotz Corona beibehalten, und haben dennoch im Mai pausiert. Das lag allerdings nicht daran, dass wir nichts zur weiteren politischen Entwicklung zu sagen gehabt hätten, sondern daran, dass unsere kleine Gedankenmanufaktur jetzt einen neuen Mitarbeiter hat, der erst mal sorgsam eingearbeitet werden will. Professor Frodinsky (für Freunde: Frodo) wird künftig das Feelgood-Management bei uns übernehmen, hat aber aktuell noch einiges zu lernen. Körperlich ist er uns in mancher Hinsicht überlegen (4 Beine), es hapert jedoch weiterhin an den Sprachkenntnissen. Gut fühlen tun wir uns trotzdem schon mit ihm, und das ist ja von höchster Bedeutung in schweren Zeiten wie diesen.

    Der Lockdown ist zwar weitestgehend beendet (außer natürlich für Kultur, reine Bierkneipen und Großveranstaltungen), und die bunt glitzernde Warenwelt empfängt uns auch außerhab des Internets wieder, aber mancher scheint es einfach noch nicht gemerkt zu haben. Weiterhin versammeln sich in allen Großstädten Menschen, um gegen Verjüngungsmittel aus Kinderblut, Stofffetzen im Gesicht, die Weltherrschaft der Illumianten, die Globuslüge oder Zwangsimpfungen mit einem gar nicht vorhandenen Impfstoff, dem aber, wäre er vorhanden, selbstverständlich Microsoft-Chips von Bill Gates beigemischt würden, zu protestieren. Dabei wedeln sie demonstrativ mit dem Grundgesetz herum, in dem allerdings gar nichts davon steht, dass die Regierung verpflichtet sei, Zehntausende Menschen an einem bösartigen Virus verrecken zu lassen, sofern ein paar esoterisch entgleiste Wutbürger nur laut genug „Wir sind das Volk!“ brüllen.

    Dummerweise ist die Regierung, bzw. sind zumindest die Landesregierungen in der föderal organisierten Bundesrepublik trotzdem bereit, genau das zu tun. Kanzlerin Merkel hat mit der Wortschöpfung „Öffnungsdiskussionsorgien“ zutreffend benannt, was wir in den letzten Wochen an Überbietungswettbewerb in Sachen Rückkehr zur kapitalistischen Normalität erleben mussten und weiter erleben. Klar, die grundsätzliche Freiheit Gottesdienste abzuhalten ist natürlich wichtiger als 200 bei einem ebensolchen frisch infizierte Baptisten. Und selbstverständlich kann die grausige Terrormaßnahme, Menschen beim Einkaufen zum Tragen einer Maske zu verpflichten, um keinen Preis länger hingenommen werden, auch wenn sich die Virologen weitgehend einig sind, dass genau darin ein Hauptgrund für die gesunkene Infektionsrate liegt.

    Letzteres scheint (jedenfalls bis Bill Gates endlich seine Zwangsimpfung am Start hat) für die allermeisten Corona-Leugner, bzw. -Skeptiker derzeit die Hauptzumutung zu sein. Dies lassen sie alle Welt wissen, indem sie so trotzig wie leider oft auch rotzig ihre freie Nase in die Ladenluft recken. Hatte man dieses Verhalten anfangs noch als pure Blödheit abgetan, weil es vor allem bei Leuten zu beobachten war, denen eine solche zugetraut werden muss (Armin Laschet zum Beispiel), ist die freie Nase inzwischen eindeutig als politisches Statement zu werten. In unserem heimischen Berlin sieht man sie jedenfalls merheitlich bei adoleszenten Krawallmachern, liberalalternativen Globulijunkiefamilien aus dem Prenzlauer Berg, Studi-Hipstern und den sich allen Gefahren des Lebens gegenüber immun wähnenden Dauerrechthabern linker wie rechter Provenienz, denen der Biertresen fehlt, an dem sie sonst andere Leute mit ihren Ansichten kujonieren können.

    Nun schiene es aus kapitalistischer (also grundsätzlich menschenverachtender) Perspektive durchaus logisch, dass die Ministerpräsidenten als politischer Arm der deutschen Wirtschaft auf schnelle Aufhebung des Lockdowns drängen. Aber dass es offenbar mehr der Aufstand der Nasen war, der sie dazu trieb, ist nur mit parteiübergreifendem Populismus zu erklären. Wobei Populismus hier eben nicht meint, etwas zu tun, was die Mehrheit der Bevölkerung will, sondern das, was eine gerade besonders laute Minderheit möchte. Und dass die so laut ist, verdankt sie mal wieder eben jener „Lügenpresse“, die sie am Rande ihrer Demos auch gern mal vermöbelt. Die ist es auch, die die Mär in die Welt setzt, die Demonstranten seien eigentlich „ganz normale Leute“, die aber von Nazis und Verschwörungsgläubigen „unterwandert“ würden (so in nahezu jeder deutschen Tageszeitung nachlesbar). Tatsächlich werden all diese Demos von Nazis, Reichsbürgern und anderen abgedrehten Menschenhassern organisiert und angemeldet. Sie sind es auch, die auf ihnen die Reden halten und diese bizarren Corona-Lüge-Videos produzieren, die das Fußvolk dann von Putins Hauskanal RT Deutsch zur Weiterverteilung serviert bekommt. Kurz: Die Situation gleicht jener in der sogenannten Flüchtlingskrise, als die Pressegeilheit am Pegida-Mob und der davon angefachte Populismus der „etablierten Parteien“ den Aufstieg der AfD beförderte.

    Dass man auch ohne direkte Naziunterstützung seiner antisolidarischen Blödheit auf höchst ekelhafte Weise medienwirksam freien Lauf lassen kann, haben am Pfingstsonntag rund 1.500 Neohippie-Partyfreaks bewiesen, als sie mit einem Korso aus Schlauchbooten, in denen sie haufenweise halbnackt und hackezugedröhnt übereinanderlagen, für die Wiedereröffnung der Clubs demonstrierten. Besonders perfide waren dabei die #icantbreathe-Transparente, die eventuell vorgeben sollten, sich mit der gleichzeitig stattfindenen „Black Lives Matter“-Demo zu solidarisieren, wahrscheinlich aber nur eine Parallele zwischen rassistischem Polizeimord und dem temporären Verbot, seine Drogen im Berghain zu konsumieren, konstruieren sollten. Diejenigen Partypeople, die noch am Nachmittag des Pfingstmontags im Park bei uns gegenüber verstrahlt aneinander herumschubbelten, sahen jedenfalls nicht so aus, als wüssten oder interessiere es sie, wer George Floyd war oder Donald Trump noch immer ist. Hauptsache Party eben, irgendwie gut ist man ja eh. Weil man doch jung und schön und voll friedlich ist.

    Wenn es an der aktuellen Situation etwas Gutes geben sollte, dann höchstens, dass die AfD den Corona-Zug verpasst hat. Dafür gibt es jetzt die, bzw. „Deine Mitmach-Partei“ Widerstand 2020 – ein Sammelbecken für all jene, denen nach sechs Wochen ohne konsumistische Freiheits- und Inidividualitätssurrogate aufgefallen ist, dass etwas schiefläuft in diesem Lande. Wofür im Zweifelsfall natürlich der Ami, der Jude und die Internationale der Echsenmenschen verantwortlich sind. Wer sich näher für die Zusammenhänge interessiert: In unserem 2016 erschienen Buch „Vorsicht Volk!“ haben wir bereits die wesentlichen Gruppierungen vorgestellt und das rechte Netzwerk analysiert, in dem sie alle herumgeistern. Das Buch ist zwar als solches vergriffen, aber als E-Book weiterhin verfügbar.

    Und was machen wir aktuell? Nun, wenn wir uns nicht gerade in Hundekommunikation üben, schreiten unsere neuen Romane weiter voran. DER SINGENDE TRESEN komponiert derzeit für eine Hörbuchfassung von „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Manja Präkels und Markus Liske haben mit Audio- bzw. Videobeiträgen an den Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Bücherverbrennung teilgenommen. Manjas Beitrag ist hier zu hören, Markus‘ Beitrag hier zu sehen (ab Minute 51). Außerdem haben wir um Ostern herum zwei coronaindizierte Recherchefahrten durch Brandenburg unternommen, deren Eindrücke Manja danach für die WOZ aufgeschrieben hat. Die Situation in unserem heimischen Kiez zur selben Zeit ist ihrem Artikel „Schlumpfeiszeit adé“ in der Taz nachzulesen. Und ihr Essay „Unterm Gras die Knochen“ aus dem Buch „Krieg und Frieden – 1945 und die Folgen in Brandenburg“ wurde zum 75. Jahrestag der Befreiung ebenfalls in der Taz abgedruckt. Außerdem hatte unser neuer Mitarbeiter Frodo seinen ersten (wirklich sehr amüsanten) Radioauftritt bei der wunderbaren Simi Will. Hier zu hören.

    Tja, und zu guter Letzt gibt es auch wieder zwei …

    Termine

     

    Mi. 08. Juli

    Manja Präkels, Markus Liske & DER SINGENDE TRESEN / Moderation: Jörg Sundermeier

    Videostream-Konzert

    Festsaal Kreuzberg

     

    Sa. 01. August, 19 Uhr

    Was hat uns bloß so ruiniert?

    Lesung mit Markus Liske („Glücksschweine“) und Manja Präkels („Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“)

    Sommerbühne Alter Gasometer

    Zwickau

     

    Das war es fürs Erste. Wenn Ihr Euch in diesen Tagen politisch engagieren wollt, dann bitte für irgendwas Sinnvolles. Zum Beispiel dafür, dass Künstlern und anderen Solo-Selbstständigen, Verlagen, Kneipen und Kulturorten finanziell angemessen durch die Krise geholfen wird und nicht nur den Automobilkonzernen. Aber klatscht nicht denen Beifall, die „Diktatur!“ brüllen, wenn sie ihren Egoismus mal zwei Monate zugunsten anderer Menschen zügeln müssen. Und vor allem: Bitte, behaltet Eure Nase hinter der Maske! Schon allein deshalb, weil das sonst so unfassbar lächerlich aussieht …


    Eure Entschwörungspraktiker in der
    Gedankenmanufaktur WORT & TON

    Impressum | Datenschutzerklärung