WORT & TON im Juli/August 2020

    Posted by on Jul 6, 2020

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    nun ist Corona also vorbei. Sagen jedenfalls die meisten unserer mehrheitlich maskenfrei fahrstuhlfahrenden und einkaufenden Nachbarn, und sagte kürzlich auch ein hochbesoldeter Ministerialbeamter, mit dem wir uns privat unterhielten. Vor allem aber posten das nun ausgerechnet jene rebellischen Freigeister, die monatelang die sozialen Netzwerke mit „Belegen“ wahlweise für die Nichtexistenz des Virus oder dessen massenmörderische Ausbreitung durch Bill Gates, Angela Merkel und das weltjüdische Großkapital zuspamten.

    Wie nun aber etwas plötzlich vorbei sein kann, das entweder niemals da war, oder von der versammelten politischen und ökonomischen Weltelite doch zu unserer bislang ja nicht wirklich vollendeten Versklavung in die Welt gesetzt wurde, das können wohl nur jene schlüssig erklären, die tiefer in die Echsenmenschen- und Hohlerdenforschung vorgedrungen sind. Wahrscheinlich gibt es auf dieser höheren Stufe der Erkenntnis sogar Erklärungen für die kontinuierlich steigenden Infektionszahlen in den USA und Südamerika, den Ausbruch der „zweiten Welle“ in Israel und vor allem natürlich dafür, warum derlei hierzulande definiv nicht passieren kann. Auch dann nicht, wenn wir sofort alle Schutzmaßnahmen beenden und uns fortan zur Begrüßung grundsätzlich mit Schmackes ins Gesicht husten.

    Immerhin: Medien und Politik können sich nun endlich wieder anderen wichtigen Themen zuwenden, sofern denn jemandem welche einfallen. Bis es aber soweit ist muss halt eine nicht-lustige Satire der Taz herhalten, in deren Schluss-„Pointe“ alle deutschen Polizisten auf den Müll gewünscht werden (oder vielleicht auch zu Müll erklärt – da streiten die Hobby-Germanisten noch). Deutlich lustiger als die Kolumne selbst fiel die Reaktion darauf aus: Eine Chefredaktion, die sich von diesem Beitrag distanzierte, als sei er per Pollenflug im Blatt gelandet, und ein Innenminister, der so tat, als könne eine Anzeige von ihm gegen die Autor_in quasi von Amts wegen bedeutsamer sein, als die Anzeige von irgendeinem sich beleidigt fühlenden Streifenpolizisten. Das ist zwar – siehe Rechtsordnung – nicht der Fall, weshalb diese Anzeige dann auch nicht erstattet wurde. Aber die von Horst Seehofer zusätzlich aufgequirlte Empörungswelle schwappte dennoch so tsunamigleich durch die Presselanschaft, dass olle Noah daran seine Freude gehabt hätte.

    Die einen empörten sich über den Innenminister, die anderen über die Taz und wieder andere über die Autor_in. Und natürlich empörten sich auch die Kommentatoren gegenseitig übereinander, zum Beispiel als Kritiker von links verquaste identitätspolitische Auslassungen Hengameh Yaghoobifarahs in die Debatte einführten und damit auch ihre Hautfarbe und ihr Geschlechtlichkeit (nicht-binär), obwohl beides in diesem Text eigentlich keine Rolle spielt. Wer hingegen nüchtern befand, dass da einer niveaumäßig ziemlich barrierefreien Glosse deutlich zuviel Ehre angetan wurde, der bekam die Entgegung, dass doch gerade die ganze Aufregung ein Beleg für die Qualität dieses Textes sei. Eine Argumention, derzufolge man Konrad Kujau, dem Autor der Hitler-Tagebücher, seinerzeit eigentlich den Nobelpreis für Literatur hätte verleihen müssen.

    Was im Wellenbad der Empörung leider völlig unterging, war das Thema der Glosse: Rassisten und Faschisten in Polizeiuniform. Und der Innenminister bedankte sich prompt dafür, indem er eine lange geplante Studie zum Racial Profiling bei der Polizei absagte. Begründung: Das ist eh verboten und findet also auch nicht statt. Klingt gut. Schade nur, dass das offenbar nicht jeder Dienststelle bekannt ist, wie zahllose Beispiele von rechtsextremen Netzwerken in sämtlichen Sicherheitsbehörden belegen. Aufgedeckt werden die aber in der Regel nicht von Seehofers Ministerium, sondern von Journalisten – zum Beispiel in der Taz. Wer also mehr über das Thema wissen möchte, dem sei dringend empfohlen, diesem Link zu folgen, statt sich die hundertste Replik auf Hengameh Yaghoobifarah durchzulesen!

    Nun aber zu uns, und damit auch gleich wieder zurück zu unserem Herrn Innen- und Heimatminister: Die pandemisch erzwungene Live-Pause wirkt sich auf uns vor allem kreativitätsfördernd aus. Nicht nur, dass das Hörbuch zu „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ inzwischen durchkomponiert ist und wir demnächst damit ins Studio gehen – eine schon vor längerer Zeit geborene Idee wird nun ebenfalls endlich umgesetzt: die Vertonung von Horst Seehofers fulminantem Schlüsselwerk „Verantwortung & Zusammenhalt: Der Masterplan Migration“. Kein Scherz! So uns Corona keinen Strich durch die Rechnung macht, werden wir das Ergebnis sogar noch in diesem Jahr aufführen – mit Markus Liske am Mikro sowie Musik von Manja Präkels, Thorsten Müller und Benjamin Hiesinger. Wo? In Bayreuth natürlich, wo der Nibelunge sein Kulturmissverständnis seit fast 150 Jahren mit dem Breitschwert verteidigt.

    Aber derzeit noch wichtiger – weil näher – ist unser Livestream aus dem wunderbaren Festsaal Kreuzberg. Dort stellt erst Manja in Begleitung von Thorsten und Benjamin Auszüge aus ihrem Programm „Kirschen mit Musik“ vor. Danach spielt dann DER SINGENDE TRESEN. Es moderiert Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag), und die Einnahmen kommen dem Erhalt des Festsaals zugute, wobei 10 Prozent an Sea-Watch gehen. Tickets für den Livestream könnt Ihr hier erwerben.

     

    Termine

     

    Mi. 08. Juli, 20 Uhr

    Manja Präkels & DER SINGENDE TRESEN / Moderation: Jörg Sundermeier

    Auszüge aus „Kirschen mit Musik“ & Livestream-Konzert

    Festsaal Kreuzberg on Facebook

     

    Mi. 15. Juli, 18:30 Uhr

    Volle Breitseite #2 für die Oranienstr. 25

    Open-Air- Soli-Lesung für den von Räumung bedrohten Buchladen Kisch & Co.

    Es lesen die Verbrecher-Autoren: Manja Präkels (begleitet von Thorsten Müller & Benjamin Hiesinger), Markus Liske, Philipp Böhm und Ralph Hammerthaler

    Kisch & Co.

    Oranienstr. 25

    Berlin-Kreuzberg

     

    Sa. 01. August, 19 Uhr

    Was hat uns bloß so ruiniert?

    Lesung mit Markus Liske („Glücksschweine“) und Manja Präkels („Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“)

    Sommerbühne Alter Gasometer

    Zwickau

     

    So weit für heute. Wir sehen uns online im Festsaal Kreuzberg (also ihr uns)! Und niemals vergessen: Wenn eine Glosse mal nix taugt, passiert – nichts. Wenn aber ein Innenminister nix taugt – haben wir alle ein Problem …


    Eure stets der Aufklärung verpflichteten Kreativkräfte in der
    Gedankenmanufaktur WORT & TON

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