All lost in the Jugendkultur

    Posted by on Okt 4, 2013

    Markus Liske

    All lost in the Jugendkultur

    Von Künstlern und Anarchisten

    „An anarchist is not a wild child, but a mature, realistic adult imposing laws upon the self and modifying them according to an experience of life, an interpretation of the world.“ Michael Moorcock

    Da steht er, der Anarchist. Steht schwankend auf der Querverstrebung eines Barhockers, den Schmerbauch vorgestreckt, die rechte Hand auf der Sitzfläche, die linke überm Kopf zur Faust geballt. „Isch rufe euch ssur direktn Akssion!“, brüllt er und verliert dabei fast das Gleichgewicht. Die revolutionäre Masse vor ihm – zwanzig oder dreißig schwarzgekleidete junge Männer – johlt und klatscht. Die Szene ist mir unvergesslich.
    Erich Mühsam Fest 2003 im Stadtbad Oderberger Straße. Draußen dämmert es bereits. Die Betreiber der Bücherstände beginnen mit dem Abbau, das Live-Programm auf drei von vier Bühnen ist beendet, doch noch immer schieben sich ein paar hundert Menschen durch die schmalen Gänge. Plötzlich stürmt eine panische Hanna auf mich zu. Sie gehört zu einem Dreierteam sehr junger Pazifistinnen, das den Getränkeverkauf betreut. Alle drei haben keine Ahnung vom Anarchismus oder gar von Mühsam, sie sind uns in der Vorbereitungsphase zugelaufen, weil im Irak gerade Krieg tobt und wir deshalb den Antimilitarismus Mühsams in den Mittelpunkt dieses Festes gestellt haben. „Komm schnell, Markus!“, ruft sie. „Da wollen welche die Bar stürmen!“
    Ich beruhige sie kurz, dann eilen wir gemeinsam zum Ort des Geschehens. Das erste was ich über die Köpfe erkennen kann, sind ihre beiden Kolleginnen. Sie haben sämtliche Bierkästen vom Tresen zurückgezogen und sich, mit leeren Flaschen bewaffnet, breitbeinig davor aufgebaut. „Tapfere Friedenstauben“, denke ich noch, da bin ich schon um die Gangkehre und sehe den dicken Anarchisten auf seinem Barhocker balancieren. Es ist mal wieder der Obermufti des Berliner Kultursyndikats. Beim letzten Fest pisste er um diese Uhrzeit noch fröhlich in die Gänge, diesmal scheint ihm das Geld für Bier ausgegangen zu sein.
    „Een Euro fufftsch für’n kleins Becks!“, brüllt er. „Dassis Kapitalismus! Dis lassn wir uns nisch bietn!“ Und die halbe anwesende FAU folgt gebannt seiner Rede, selbst der DJ hat Pause gemacht.
    Ich weiß, was ich jetzt tun muss, aber eine Stimme in meinem Kopf sagt: „Markus, du bist langsam zu alt für so was …“

    *

    Immer wieder musste ich ihn hören, wenn ich als Jugendlicher mit meinem Vater diskutierte, diesen schrecklichen Satz: „Wer mit sechzehn kein Anarchist ist, hat kein Herz. Wer es mit dreißig immer noch ist, hat keinen Verstand.“ Mein Vater hielt das für ein Zitat von Churchill, aber dieser hatte von Sozialisten gesprochen und seine Altersangaben waren zwanzig und vierzig. Auch war er nicht der erste, der sich dieser Phrase bediente. Bertrand Russell hatte sie für Kommunisten verwendet, George Bernhard Shaw und Theodor Fontane für Revolutionäre im Allgemeinen, und es würde mich wenig wundern, wenn sie sich schon in spätrömischen Quellen mit Bezug auf die letzten Anhänger der Republik fände.
    Auf Anarchisten bezogen hat sie der frühere französische Premierminister Georges Clemenceau, dem man zugute halten kann, dass er 1919 von einem Anarchisten angeschossen wurde und diesen anschließend begnadigen ließ. Außerdem lautete seine Formulierung: „Wer mit sechzehn nicht Anarchist ist, ist ein Idiot. Aber wer es mit 40 noch ist, ist es auch.“ Damit ist er der einzige der genannten Autoren, der dem jugendlichen Aufbegehren nicht Herz sondern Verstand attestierte, also nicht nur romantische Schwärmerei sondern Erkenntnis.
    Mein eigener jugendlicher Anarchismus war da – zugegeben – eher eine Mischform. Ich war gegen Krieg, Religion, Kapitalismus und Nationalismus (außer beim Fußball), fühlte mich von Schule und Staat in meiner individuellen Entfaltung beschnitten und konnte mir zu Recht nicht vorstellen, dass das in einem tristen Kunstlederhütchen-Sozialismus à la DDR besser wäre. Insofern lief meines Vaters zweitliebste Phrase bei mir ins Leere: „Dann geh doch nach drüben!“
    Auf den Anarchismus hatte mich weder Stirner noch Bakunin, Mühsam, Rocker oder einer der anderen üblichen Verdächtigen gebracht. Es war der britische Science-Fiction-Autor Michael Moorcock, damals ein relativ prominenter Vertreter seiner Zunft und bekennender Anarchist. Dieser hatte in den späten sechziger Jahren ein Avantgarde-Magazin namens „New Worlds“ herausgegeben, in dem SF-Geschichten erschienen, die unter Drogeneinfluss entstanden waren, hemmungslos Sprachzersplitterung betrieben oder bizarre distopische Bilder pervertierter Massengesellschaften entwarfen. Zu den Stammautoren gehörten Leute wie James-Graham Ballard oder Norman Spinrad, und die las ich allabendlich auf meinem Ikea-Bett unterm Reihenhausdach meiner Eltern im beschaulichen Wiesbaden. Dazu dröhnte die Never mind the Bollocks von den Sex Pistols. Zwar ging ich zuweilen auf Demos, hatte aber weder eine schwarze Lederjacke noch bunte Haare oder das damals weitverbreitete Palituch. Nicht mal einen schwarz-roten Anstecker besaß ich. Mein Zugang zum Anarchismus war die Kunst. Dabei hatte ich Namen wie Guy Debord oder Isidor Isou nie gehört. Ich wusste nichts von Lettristen oder Situationisten und schon gar nicht, dass von diesen eine direkte Spur über Malcolm McLaren zum Great Rock’n’Roll Swindle der Sex Pistols führte. Aber ich spürte, dass es mehr als Musik und auch mehr als jugendliches Aufbegehren war, wenn Johnny Rotten aus den Boxen schrie: „I am an Antichrist, I am an Anarchist …“ Das hatte wenig gemeinsam mit den Parolengesängen von Slime oder Ton Steine Scherben, die auf den Demos abgefeiert wurden. Rein gefühlsmäßig ordnete ich die Sex Pistols schon damals eher dem DADA-Universum zu, das mir ausgerechnet in der verhassten Schule von einem ambitionierten Kunstlehrer eröffnet worden war. DADA war eines seiner beiden Steckenpferde, das andere war Joseph Beuys, insbesondere dessen These, dass jeder Mensch ein Künstler sei.

    *

    Irgendwann erwischt es einen doch. Bei mir war es im Zuge der diversen Uni-Streiks während meiner ersten Semester in Berlin. Zwar fand ich Rio Reisers manische Paradiesbeschwörung immer noch lächerlich (insbesondere die Vorstellung, auch Löwe und Lamm lägen in einer befreiten Welt Grünzeug mümmelnd nebeneinander), aber auch ich grölte jetzt auf Demos die Parolen mit, trug komische Frisuren, Lederjacke und schwarzen Stern und kam mir „höchst gefährlich vor“, wie der Revoluzzer in Mühsams Gedicht. Ich erinnere mich noch gut, dass ich sogar stolz war, als mich mein Bekannter Basti Weihnachten 1990 in seinen anarchistischen Diskussionskreis einführte. Basti war etwas älter als ich, trug selbstgestrickte Pullis in schwarz-rot und hatte zwei kleine Töchter, die – natürlich – Marie-Johanna und Anna-Sheila hießen. Für sie hatte er sogar einen Weihnachtsbaum organisiert, den er mit Bildern vollbärtiger Männer, Hanfpostkarten und schwarz-roten Sternen schmückte, während er mich für meine „verspätete Politisierung“ lobte.
    Rückblickend würde ich es eher als einen verspäteten Eintritt in die Jugendkultur bezeichnen. Die Gespräche in Bastis Kreis drehten sich vor allem um die Symbolik verschiedener Aufkleber und Anstecker, um Hardcore-Bands und Straßenkampf-Selbsterfahrungsberichte in handkopierten Fanzines, die lustigerweise immer mit Siegesmeldungen endeten, was meinen eigenen Demo-Erfahrungen deutlich widersprach. Nach der fünften Flasche Rotwein wurde dann auf den wenigen historischen Kurzzeiterfolgen rumgeritten: Ukraine in den Zwanzigern, Spanien in den Dreißigern und natürlich die Münchner Räterepublik. Da ich nicht auf Landkommunen stehe, wurde letzteres mein Steckenpferd, und es ist erstaunlich, wie viele Bücher man über einen einmonatigen Revolutionsversuch lesen kann, der zudem vom denkbar unwürdigsten Gegner beendet wurde – der SPD. Immerhin las ich in dieser Zeit auch Rocker, Stirner und Konsorten, lernte allerlei Drogen und alternative Beziehungskonzepte kennen und machte die wichtige Erfahrung, dass man stundenlang „Hoch die internationale Solidarität!“ brüllen kann – der Frauenblock hakt so einen Schwanzträger trotzdem nicht unter, ganz gleich, wie viele Bullen hinter einem her sind.
    Meine eigenen Versuche, kulturelles Engagement in den Vordergrund zu rücken, scheiterten kläglich. Vielleicht muss man da einfach durch. Vielleicht muss man am eigenen Leibe lernen, dass es sinnlos ist, einem Publikum Texte vorzutragen, das immer zu einem guten Teil aus besoffenen Punks, antiautoritär verzogenen Blagen und halbwilden Kötern besteht, dass von jenen, die doch zuhören, jeder Text affektiv auf politisch korrekte Wortwahl abgeklopft wird und, dass „gegenderte“ Lyrik (wenn man sich darauf einlässt) so scheiße klingt, wie sie aussieht.
    Es war die Lektüre von Guy Debords „Die Gesellschaft des Spektakels“ die mich 1993 endlich wieder aus dem jugendkulturellen Sumpf zog, mir das Tor öffnete zu Lettristen und Situationisten und damit zu einem künstlerisch agierenden Anarchismus, dessen Freiheit nicht zuletzt auch eine Freiheit von formalen Zwängen (laute E-Gitarren) und plakativer Symbolik (schwarz-rote Sterne, Fahnen oder Klobürsten) bedeutet. Mag derlei auch geeignet sein, in einer stark männlich und heterosexuell dominierten Jugendkultur das Zusammengehörigkeitsgefühl zu fördern, mit Anarchismus hat es so wenig zu tun, wie die vorherrschende Optik linksradikaler Gastronomie: versiffte Klos (in denen man trotzdem zum Sitzpinkeln aufgefordert wird), nach nassem Hund stinkende Sofas, Bierpfützen und Eddinggekrakel. Was da Freiheit von gesellschaftlichen Konventionen oder alternative Gemütlichkeit suggerieren soll, ist am Ende nur Ausdruck adoleszenter Rebellion gegen die eigene meist bürgerliche Herkunft. Mit gelebter Gegenkultur hat es wenig zu tun.

    *

    Für die Situationisten war subversive Kunst grundsätzlich an Gegenkultur gebunden. Es verstand sich für sie von selbst, etwa Kontakte zur bürgerlichen Presse (und deren Verbreitungsmöglichkeiten) zu meiden. Auch die Perspektive, mit Kunst Geld zu verdienen, wurde von ihnen kategorisch verneint. Sie betrieben statt dessen „Potlatsch“.
    Der Begriff verweist auf ein zutiefst antikapitalistisches Ritual der Chinook-Indianer. Hierbei werden (meist ausgelöst von einer Erbschaft) Geschenke mit immer größeren Geschenken beantwortet, was nicht nur die Anhäufung von Reichtum in den Händen einzelner verhindert, sondern im Extremfall bis zum Abbrennen des eigenen Dorfes fortgesetzt wird.
    Diese Idee und eine kleine Erbschaft meiner Großmutter wiesen mir den Weg zurück in die eigene künstlerische Produktion. Den Rest der neunziger Jahre verbrachte ich damit, nach dem Potlatsch-Prinzip komplexe anarchische Kunst-Happenings zu inszenieren, mit Musikdarbietungen jenseits von Melodie und Rhythmus, skurrilen Ready Made-Installationen und Lese-Ritualen, die an Selbstverbrennung grenzten. Leider war die Erbschaft irgendwann verbraucht und der Potlatsch somit vollzogen.
    Als französischer Situationist hätte ich mir nun wohl einen Mäzen gesucht und das nächste Projekt geplant. Im Paris der fünfziger und sechziger Jahre muss es von reichen Anarchisten mit gegenkulturellem Kunstverstand nur so gewimmelt haben. Nicht so im Berlin der Jahrtausendwende. Gegenkultur existiert hier (damals wie heute) nur als chronisch unterfinanzierte und schlecht organisierte Jugendkultur, bei der die honorarfreien Auftritte wütender junger Hobby-Musiker vor allem als Anlass zum gemeinsam Biertrinken dienen. Weshalb dem Bier auch – im Gegensatz zur künstlerischen Darbietung – ein Geldwert zuerkannt wird. Kein Wunder, dass eine derart entwertende Darreichungsform von Kunst – insbesondere im Vergleich mit der bizarr übertechnisierten und durchgestylten Massenkultur – gerade progressiven Jugendlichen zunehmend „uncool“ erscheint und die anarchistische Jugendkultur daher inzwischen mehrheitlich von Berufsjugendlichen um die dreißig betrieben wird.
    In einem aber sind sich Massenkultur und Gegenkultur heutzutage erstaunlich einig, darin nämlich, dass Kultur den Rezipienten kein Geld kosten sollte, obgleich doch gerade in der anteiligen Finanzierung durch die Rezipienten die einzige Chance besteht, den fehlenden Mäzen zu ersetzen. Spätestens mit dem Unwesen des alles schnell und gratis Herunterladens (das ganz nebenbei auch den ideellen Wert des sich so angeeigneten Kunstwerks negiert) ist der allgemeine Anspruch entstanden, künstlerische Arbeit auch außerhalb der gegenkulturellen Sphäre von jeglichem Lohnanspruch zu entkoppeln, während gleichzeitig die künstlerische Produktion immer mehr Eigenkapital verlangt. Das Ergebnis ist eine Kultur, die im breitenwirksamen Maßstab nur noch über die Anbindung an Kapitalinteressen großer Konzerne möglich ist. Im kleineren Maßstab bedeutet das, dass Kunst inzwischen mehrheitlich von Kindern reicher Eltern produziert wird oder auf Hobby-Basis von Menschen, die ihre Arbeitskraft dem Kapitalismus auf anderer Ebene zur Verfügung stellen. Mit den „Piraten“ ist sogar eine Partei entstanden, die sich die gezielte Entwertung von Kultur auf die Fahne geschrieben hat. Dass diese Fahne zudem schwarz ist, kann man dem Anarchismus zwar nicht anlasten, aber die Idee der Abschaffung des Urheberrechts geht tatsächlich auf Guy Debord zurück, der – wie beschrieben – das Glück hatte, aus einer (auch finanziell) vitalen Gegenkultur heraus operieren zu können. Und zur heute allgemein grandios fehlverstandenen These, dass wir zwar nicht alle Physiker, Ärzte oder Piloten aber doch alle Künstler sind, bemerkte unlängst ein befreundeter Musiker zutreffend: „Wer hätte gedacht, dass uns der Beuys noch mal so auf die Füße fällt.“

    *

    WEITERLESEN in der Anthologie

    „Schritt für Schritt ins Paradies – Handbuch zur Freiheit“

    hg. von Karsten Krampitz & Klaus Lederer

    Karin Kramer Verla,g Berlin

    https://www.anarchia-versand.net/Buecher-und-Broschueren/Anarchismus/Anarchismus/Krampitz-Lederer-Schritt-fuer-Schritt-ins-Paradies::4137.html

    1 Comment

    1. Markus Liske: Von Künstlern und Anarchisten (aus “Schritt für Schritt ins Paradies”) | emaliberlin
      25. Oktober 2013

      […] “Da steht er, der Anarchist. Steht schwankend auf der Querverstrebung eines Barhockers, den Schmerbauch vorgestreckt, die rechte Hand auf der Sitzfläche, die linke überm Kopf zur Faust geballt. „Isch rufe euch ssur direktn Akssion!“, brüllt er und verliert dabei fast das Gleichgewicht. Die revolutionäre Masse vor ihm – zwanzig oder dreißig schwarzgekleidete junge Männer – johlt und klatscht. Die Szene ist mir unvergesslich. Erich Mühsam Fest 2003 im Stadtbad Oderberger Straße. Draußen dämmert es bereits. Die Betreiber der Bücherstände beginnen mit dem Abbau, das Live-Programm auf drei von vier Bühnen ist beendet, doch noch immer schieben sich ein paar hundert Menschen durch die schmalen Gänge. Plötzlich stürmt eine panische Hanna auf mich zu. Sie gehört zu einem Dreierteam sehr junger Pazifistinnen, das den Getränkeverkauf betreut. Alle drei haben keine Ahnung vom Anarchismus oder gar von Mühsam, sie sind uns in der Vorbereitungsphase zugelaufen, weil im Irak gerade Krieg tobt und wir deshalb den Antimilitarismus Mühsams in den Mittelpunkt dieses Festes gestellt haben. „Komm schnell, Markus!“, ruft sie. „Da wollen welche die Bar stürmen!“ Ich beruhige sie kurz, dann eilen wir gemeinsam zum Ort des Geschehens. Das erste was ich über die Köpfe erkennen kann, sind ihre beiden Kolleginnen. Sie haben sämtliche Bierkästen vom Tresen zurückgezogen und sich, mit leeren Flaschen bewaffnet, breitbeinig davor aufgebaut. „Tapfere Friedenstauben“, denke ich noch, da bin ich schon um die Gangkehre und sehe den dicken Anarchisten auf seinem Barhocker balancieren. Es ist mal wieder der Obermufti des Berliner Kultursyndikats. Beim letzten Fest pisste er um diese Uhrzeit noch fröhlich in die Gänge, diesmal scheint ihm das Geld für Bier ausgegangen zu sein….” (weiterlesen) […].

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