WORT & TON im Mai 2026

Liebe Freunde von WORT & TON

zwei Monate lang hat die Welt den Atem angehalten. Nun darf endlich wieder ausgeschnauft werden. Die Dreharbeiten für „Free Timmy“ sind abgeschlossen, der Wal ist zurück in der Nordsee. Heißt es jedenfalls. Mecklenburger Schamaninnen feiern Dankesrituale mit Stechapfel und Fliegenpilz. Walfans aller Herren Länder lassen sich das Datum von Timmys Befreiung auf die Brust tätowieren, und am Ostseestrand werden die bereits errichteten Guillotinen für missliebige Politiker und Wissenschaftler wieder abgebaut. Volkes hochgekochtes Seelchen darf also erst mal wieder abkühlen, um sich gewiss bald anderen Aufregern zuzuwenden: hohe Spritpreise, böse Migranten, irgendwas mit Gendern.

Nur in Norwegen und Island dauert die Party an. Die dortigen Walfänger schließen bereits Wetten darauf ab, ob es wohl einem von ihnen gelingt, Timmy rechtzeitig zu harpunieren, bevor sich das Tier in einem dieser Schleppnetze verfängt und als Thunfisch auf der Dr. Oetker-Pizza landet. Mag sein, derlei Erwägungen klingen ein wenig herzlos, aber das Berufsbild des Walfängers ist vom Walfang eben schwerlich zu entkoppeln, und weil die Population der großen Meeressäuger in den letzten hundert Jahren radikal zurückgegangen ist, wird auch eine gewisse Prominenz keinem Wal den Eingang in die Nahrungskette dauerhaft versperren.

Immerhin hat uns Timmys selbstloser Medienauftritt ein schönes Gleichnis hinterlassen. Nämlich dafür, was „das Volk“ (also jener wachsende Teil der Bevölkerung, die sich gern so bezeichnet) eigentlich will: Schluss mit so langweiligem Kram wie wissenschaftlicher Expertise und rationaler Abwägung! Einfach mal einem Konsortium aus geltungsgeilen Millionären, gesichtstätowierten Nazis und esoterischen Landfrauen die Chance geben, alles, was das völkische Wohlbefinden beeinträchtigen könnte, bei bestem Volksgewissen ratzfatz im Meer zu verklappen – Flüchtlinge, linksgrüne Systemlinge, Arbeits- oder Obdachlose.

Glaubt man den Meinungsumfragen, gibt es inzwischen auch ziemlich viele Leute, die Bundeskanzler Friedrich Merz gern auf diese Weise entsorgt sehen würden. Dabei muss der doch ohnehin schon so viel ertragen wie kein Bundeskanzler vor ihm. Sagt jedenfalls Merz und zeigt sich damit noch vergesslicher als sein Vorgänger Olaf Scholz, dem zwar gerne mal problematische Termine mit übel beleumundeten Bankern entfallen, der sich aber sicher noch gut an all den Hohn und Spott erinnert, der in seiner Amtszeit auf ihn niederprasselte.

Apropos vergessen: Falls ihr euch jetzt fragt, warum es gerade wirklich überall, selbst in unserem Newsletter, nur noch um Walgedöns und Kanzlerjammer geht – das liegt schlicht daran, dass alle eigentlich wesentlichen Themen von unserer Qualitätspresse zwischenzeitlich so achselzuckend verklappt wurden wie todkranke Wale in der Nordsee. Neuigkeiten von der ukrainischen Front, so denkt man wohl in den Redaktionen, interessieren eh keinen mehr. Und das ganze Hickhack um diese blöde Wasserstraße, durch die angeblich um die fünfhundert bis tausend Prozent des weltweit benötigten Öls kommen (jedenfalls wenn es nach den Preisberechnungen der Ölkonzerne geht), ist auch niemandem mehr ernsthaft zu vermitteln. Ja, selbst die furchtbare Amokfahrt durch die Leipziger Innenstadt vor ein paar Tagen taugt nicht als langfristiger Clickbait. Saß ja diesmal kein Migrant am Steuer.

Zum Glück gibt es abseits der ganz großen Schlagzeilen noch ein paar Themen, bei denen es sich lohnt, näher hinzuschauen. Zum Beispiel wenn linksautoritäre Medien die EU-Sanktionen gegen einen Propagandisten Putins zu einem Angriff auf die Pressefreiheit hochjazzen – nachzulesen unter dem Titel „Enge Verbindungen“ in Markus Liskes neuer Jungle World-Medienkolumne. Oder wenn die FDP einen in Weißwein eingelegten Politsaurier reanimiert, um sich von ihm ins rechtslibertäre Quotenparadies führen zu lassen – nachzulesen an selber Stelle unter dem Titel „Mit Volldampf nach rechts“.

Auch von Manja Präkels gibt es bald wieder was zu lesen – sogar ziemlich viel, nämlich eine ganze Sammlung fulminanter neuer Texte unter dem schönen Titel „Radiorauschen im Sternenpark“, von der Autorin selbst bebildert. Worum es darin geht? Nun, in der soeben erschienenen Verlagsvorschau des Verbrecher Verlags heißt es: „Manja Präkels erzählt von Menschen, die Figuren wurden, und Figuren, die man nicht mehr loswird.“ Das trifft es ziemlich gut. Geplanter Erscheinungstermin ist der August 2026. Also gar nicht mehr lang hin! Konfetti!!!

Ansonsten nehmen unsere Pläne für das 25-jährige Bandjubiläum von DER SINGENDE TRESEN langsam Gestalt an: Ab Juli wird es wieder mehrere Konzerte geben und gleich zwei davon werden live mitgeschnitten! Der Clou: Die Band überarbeitet dafür gerade lauter lange nicht mehr gespielte Songs aus unterschiedlichen Phasen der Bandgeschichte. Wenn es also Lieder gibt, die ihr selber gerne mal wieder live hören würdet, schreibt uns einfach direkt an newsletter@gedankenmanufaktur.net und haltet euch schon mal das letzte Oktoberwochenende frei!

Jetzt aber noch eine traurige Nachricht: Wie wir erfahren haben, ist Ibraimo Alberto kürzlich im Alter von nur 63 Jahren überraschend verstorben. Ibraimo haben wir rund um unsere Arbeit am Buch „Kaltland – Eine Sammlung“ (Rotbuch 2011) kennengelernt, und er war auch einige Male bei Auftritten von uns. 1981 als Vertragsarbeiter aus Mosambik in die DDR gekommen, wurde der Profiboxer in den Neunzigerjahren zu einem unermüdlichen Streiter gegen Rassismus. Seine Arbeit als Brandenburgs erster schwarzer Ausländerbeauftragter in Schwedt (Oder) allerdings beendete er 2011 nach fünf Jahren fluchtartig, um seine Familie vor rechter Gewalt zu schützen. Es betrübt uns sehr, zu hören, dass Ibraimo nun nicht mehr da ist. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Freunden. Euch empfehlen wir, hier mal einen Blick reinzuwerfen.

Nun aber die anstehenden …

TERMINE

Do. 07. Mai – 18 Uhr

Über die Bilder hinaus: Rechte Gewalt in der späten DDR und den frühen 1990ern

Podiumsgespräch mit Manja Präkels, Gideon Botsch, Nikolai Okunew & Isabel Enzensbach

Brandenburg Museum

Potsdam

 

Sa. 09. Mai – 17:30 Uhr

Über Realismus – Kritik der Zukunft – Spezial: Manja Präkels und Annett Gröschner im Gespräch mit Lars Dreiucker

Hedwig-Dohm-Haus der Humboldt-Universität

Ziegelstraße 4

Berlin-Mitte

 

Fr. 22. Mai – 18 Uhr

Markus Liske & Manja Präkels lesen und singen Texte von Erich Mühsam

Gedenkort an die Bücherverbrennung 1933

auf dem Bassinplatz

Potsdam

 

Sa. 23. Mai – 17 Uhr

Manja Präkels & Tina Pruschmann: „Extremwetterlagen“

Ein Ding der Möglichkeit

Salderatzen 3

29496 Waddeweitz

 

Mi. 27. Mai, 19 Uhr

Alexander Leistner, Manja Präkels & Barbara Thériault: „Extremwetterlagen“

KuZ Reichenstraße

Reichenstraße 1

06484 Quedlinburg

 

Fr. 29. Mai, 20 Uhr

Alexander Leistner, Manja Präkels & Barbara Thériault und Tina Pruschmann: „Extremwetterlagen“

Linke Buchtage Berlin

Mehringhof

Berlin-Kreuzberg

 

Mi. 10. Juni – Zeit N.N.

Manja Präkels und Dmitrij Kapitelman

Festival LiteraTurm

Frankfurt/Main

(Genaueres ab 13. Mai)

 

Do. 11. Juni – 20 Uhr

Manja Präkels, Alexander Leistner & Barbara Thériault: „Extremwetterlagen“

Koeppenhaus

Greifswald

 

So viel für heute. Was nun aber aus dem Wal tatsächlich wurde beziehungsweise bis zum nächsten Newsletter eventuell geworden sein wird – wir wissen es nicht. Vielleicht ist es auch total egal, außer für den Wal. Deutlich weniger egal, ja, sogar ziemlich toll wäre es, all diejenigen, die Anteil an seinem Schicksal nahmen, würden sich jetzt mal mit der Frage auseinandersetzen, warum Buckelwale immer weniger werden und schon seit einiger Zeit ihren berühmten Gesang weitgehend eingestellt haben. Spoiler: Hat was mit Kapitalismus und Klimawandel zu tun, also letztlich auch mit dem, was unsere Regierung „Technologieoffenheit“ nennt. Aber bitte deswegen keine bösen Briefe an den Kanzler schreiben, der hat wirklich schon genug zu ertragen.

Gehabt euch wohl!

Eure ehrenamtlichen Walkampfhelfer in der

Gedankenmanufaktur WORT & TON