WORT & TON im Okt./Nov. 2026

Liebe Freunde von WORT & TON,

es sind schon bizarre Zeiten, in denen wir leben. Da bereitet sich gerade ein rechtsextremer Landesverband der AfD darauf vor, in Sachsen-Anhalt die Macht zu übernehmen, aber in allen Medien wird Tag und Nacht hauptsächlich dagegen gewettert, dass die Linkspartei künftig in Berlin regieren könnte. Eine Partei wohlgemerkt, die hier in den letzten 24 Jahren bereits ganze 17 in Regierungsverantwortung war, ohne die Stadt auch nur einen Meter näher an den Weltkommunismus heranzuführen.

Sicher, die Linkspartei hat ein massives Antisemitismusproblem. Auch wir haben das hier und anderen Stellen immer wieder in gebotener Schärfe thematisiert. Aber wenn ausgerechnet CDU-Politiker sich in dieser Angelegenheit zu Chefanklägern aufschwingen, dann sollte es eigentlich Aufgabe der Presse sein, sie an all die Hitlergrüße, SA-Lieder und „Ausländer raus!“-Gesänge zu erinnern, die in den letzten Jahren aus der Jungen Union zu vermelden waren. Daran, dass die AfD von früheren CDU-Mitgliedern gegründet wurde. Oder daran, dass die CDU in Heidenau gerade gemeinsam mit der AfD Stolpersteine, die an ermordete Juden erinnern, aus dem Stadtgebiet verbannt. Und vielleicht auch gleich daran, dass die von ihnen mit rhetorischem Dauerfeuer traktierte Linkspartei in geradezu masochistischer Demokratieverantwortung die CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen und Thüringen stützt.

Wenn jetzt stattdessen alle am Schreckensbild eines von der Linkspartei geführten Berliner Senats mitzeichnen, während die Lage in Sachsen-Anhalt inzwischen offenbar achselzuckend hingenommen wird, zeigt das eigentlich nur, wie weit sich der gesellschaftliche Diskurs längst nach rechts verschoben hat.

Da passt es gut, dass eine Vergesellschaftung von Immobilienbeständen, die sich juristisch auf das Grundgesetz berufen kann, zu einem kommunistischen Terrorakt stilisiert wird. Aus dem Munde rechter Politiker mag man derlei ja noch als Polemik hinnehmen, aber wenn Journalisten derlei Unsinn weiterverbreiten, fragt man sich doch, ob denn wirklich niemand mehr versteht, was Koalitionsverhandlungen, was Kompromisse sind. Stets geht es – auch hier eifert die CDU der AfD nach – um alles oder nichts. Und so erscheint zunehmend die Demokratie selbst als linksextreme Zumutung.

Ja, es sind bizarre Zeiten, wenn gestandene Linke in ihrem Bemühen, das bisschen Zivilisation um uns herum gegen die weltweit grassierende Barbarei zu verteidigen, zunehmend wie Konservative klingen, während jene sich immer weiter radikalisieren und dabei sogar ihre eigene Partei vollständig disruptieren – siehe: Mecklenburg-Vorpommern.

„Immer diese Ossis!“, mag sich da manch Wessi denken, und manch Berliner: „Immer diese Provinz!“ Falsch ist beides. Nicht nur, dass die AfD in den Meinungsumfragen seit Monaten auch bundesweit stärkste Kraft ist, während gleichzeitig die CDU der SPD mit fliegenden Fahnen in die Selbstverzwergung nacheilt. Nein, selbst in der Hauptstadt konnten die Rechtsextremen über 16 Prozent der Stimmen holen und werden deshalb demnächst wohl sogar einen Bezirksbürgermeister sowie diverse Stadträte in anderen Bezirken stellen.

Genau davor hatte Markus Liske in seinem Jungle World-Artikel „Berliner Illusionen“ kurz vor der Wahl gewarnt. Doch innerhalb des Berliner S-Bahnrings hält man sich auch nach vollzogener Wahl gern weiter für unangreifbar. Wann will man denn schon mal nach Marzahn oder Spandau? Ist doch wumpe, was da passiert. Hauptsache die Innenstadtbezirke haben links gewählt, na ja, zumindest irgendwas, was gemeinhin diesem Begriff zugeordnet wird. Dabei ist aktuell noch nicht mal ausgemacht, ob es überhaupt zu einer rot-grün-roten Koalition kommt, geschweige denn, welche Ideen aus dem Wahlprogramm der Linkspartei es durch die Koalitionsverhandlungen schaffen.

Vielleicht scheitert ja alles doch noch, weil Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp als Sechsjährige ihren Hamster verdursten ließ, als Vierzehnjährige einen Mitschüler als Kartoffel beschimpfte oder irgendwann mal mit dem Fahrrad über eine rote Ampel fuhr. Man darf gespannt sein, welche Enthüllungen die Springer-Presse noch in der Hinterhand hat. Ob Markus Liske Zeit hat, darüber zu schreiben, ist allerdings fraglich. Der sitzt bis Ende November hauptsächlich mit freundlicher Unterstützung der Akademie der Künste im Alfred-Döblin-Haus in Wewelsfleth, um seinen nächsten Roman fertigzustellen.

Merke: Auch in bizarren Zeiten passieren manchmal schöne Dinge. So wie das Erscheinen von Manja Präkels‘ neuem Buch „Radiorauschen im Sternenpark“, das – kaum an die Buchhandlungen ausgeliefert – jetzt schon nachgedruckt werden muss. Was die Autorin zu ihrem Werk zu sagen hat, hat sie im Gespräch mit Marion Brasch bei radioeins erläutert, das ihr hier nachhören könnt. Sehr angetan von dem auch ausgesprochen hübschen Buch zeigten sich außerdem bereits Angela Gutzeit auf Deutschlandfunk Kultur, Lena Schneider im Tagesspiegel und Michael Heider in der MOZ. Für Letzteren allerdings stand bei seinem Artikel eine besondere Auszeichnung für Manja Präkels im Vordergrund, die uns zum Thema „bizarre Zeiten“ zurückführt, und die ihr euch am kommenden Montag um 11 Uhr per Live-Übertragung anschauen könnt. Ui, ui, ui …

DER SINGENDE TRESEN feilt noch immer an den Songs für die beiden Konzerte zum 25jährigen Bandjubiläum am 30. und 31. Oktober, aus denen am Ende eine Live-Platte werden wird. Titos Zentrifuge ist nämlich kein normaler Konzertort, sondern eigentlich ein sehr atmosphärisches Tonstudio in einem alten Kinosaal. Verdursten muss das Publikum trotzdem nicht, dafür sorgen in einer Art Lieblingskneipen-Crossover unser Mühsam Fest-Genosse Riedelben aus dem Kreuzberger Elefanten und die wunderbare Andrea Reinhardt aus der Neuköllner Programmschenke Bajszel. Wenn ihr auch dabei sein wollt, bitte unbedingt reservieren: liske@gedankenmanufaktur.net

Hier die weiteren …

TERMINE

Mi. 07. Oktober – 20 Uhr

Manja Präkels: „Radiorauschen im Sternenpark“ bei Open Books / Frankfurter Buchmesse

Kunstverein

Frankfurt/Main

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Fr. 09. Oktober – 16 Uhr

Kommen wir noch zusammen?

Diskussion mit Manja Präkels, Ijoma Mangold, Paula Fürstenberg und Hendrik Bolz

PEN-Berlin-Stand · Halle 3.0, E60

Frankfurter Buchmesse

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Sa. 10. Oktober – 17 Uhr

Manja Präkels: „Radiorauschen im Sternenpark“

Fontane-Festspiele Neuruppin

La Casita

Wuthenow

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Fr./Sa. 30. & 31. Oktober – jeweils 19 Uhr

DER SINGENDE TRESEN spielt das Beste aus 25 Jahren in Titos Zentrifuge in Berlin-Wedding

Beide Konzerte werden aufgezeichnet und anschließend als Live-Album erscheinen! Die Platzanzahl ist begrenzt – also unbedingt rechtzeitig über liske@gedankenmanufaktur.net reservieren, wenn ihr dabei sein wollt!

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Do. 12. November – 19 Uhr

Manja Präkels liest „Radiorauschen im Sternenpark“

Cammerspiele

Leipzig

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Fr. 13. November – 19 Uhr

Manja Präkels liest „Radiorauschen im Sternenpark“

kosmotique

Dresden

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Do. 19. November – 19 Uhr

Berliner Buchpremiere von Manja Präkels‘ „Radiorauschen im Sternenpark“

Literaturforum im Brechthaus

Berlin-Mitte

Ihr seht, es gibt noch viel zu tun für uns in diesem Jahr – bizarre Zeiten hin oder her. Denn, was auch immer kommen mag: Kopp in‘ Sand stecken bringt eh nüscht.

Bleibt uns gewogen!

Eure kopfschüttelnden Weltbetrachter in der

Gedankenmanufaktur WORT & TON