WORT & TON im August/September 2020

    Posted by on Aug 10, 2020

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    das Sommerloch ist in diesem Jahr wohl sogar den Seeungeheuern zu heiß. Selbst die BILD-Zeitung hat bislang keine ausgesetzten Schildkröten zu „Monstern aus der Urzeit“ getitelt oder übergroße Welse (a.k.a. „Süßwasserhaie“) gesichtet, die unschuldigen Kindern die Köpfe abbeißen könnten. Gerade mal eine Schürfwunde erlitt die kleine Ela am Berliner Schlachtensee, was dann selbst den Springerjournalisten zu popelig für die Titelseite war. Dennoch: Irgendwie muss es ja gefüllt werden, dieses Sommerloch. Warum nicht mit … „Cancel Culture“.

    Für alle, die noch immer nicht so genau wissen, was das sein soll: Von Cancel Culture spricht man, wenn sich viele Leute im Internet über Kabarettisten, Journalisten oder Politiker aufregen, die öffentlich den Klimawandel oder Corona leugnen, unverhohlenem Antisemitismus frönen oder ihrem Frauenhass freien Lauf lassen, und wenn im Zuge dessen, Veranstalter oder Medienmacher diese Leute lieber wieder ausladen, weil sie sich vor einem halluzinierten Antifa-Sturmkommando fürchten. Auch wenn Studenten einer Uni gegen Vorträge des Gründers einer rechtsextremen Partei an ihrer Uni demonstrieren, wird das inzwischen gerne mit „Cancel Culture“ übertitelt.

    NICHT von „Cancel Culture“ spricht man hingegen, wenn sich völkisch-rassistische Dumpfbacken zu Tausenden in den Kommentarspalten des Internets gegen Menschen nicht-weißer Hautfarbe, Homo- und Transsexuelle oder Feministinnen (was eigentlich alle Frauen meint, die keine führenden Positionen in der AfD bekleiden und sich dennoch hin und wieder öffentlich äußern) austoben – wenn sie Jagd auf Asylbewerber machen, Büros linker Politiker oder linke Buchläden angreifen und Morddrohungen an Journalistinnen verschicken. Das alles ist nicht Cancel Culture, sondern Ausdruck der Meinungsfreiheit besorgter Bürger, denen wir alle unbedingt mehr zuhören müssen. Gleiches gilt für maskenlos durch Berlin marodierende Schwabenhorden, obwohl hier der Begriff Cancel Culture ziemlich gut passen würde. Denn nicht nur die Sicherheitsmaßnahmen gegen das Coronavirus wurden von den fröhlich „Wir sind die zweite Welle!“ singenden Reichsesozombies am 01. August umfassend gecancelt, auch die Idee sozialer Verantwortung an sich.

    Für Donald Trump, der seit seinem Amtsantritt versucht, die komplette Hinterlassenschaft seines Vorgängers Obama zu canceln, ist Cancel Culture einfach alles, was nun seiner zweiten Amtszeit im Wege stehen könnte – so was erzkommunistisches wie die anstehende Wahl zum Beispiel. Und es ist wirklich erstaunlich, mit welch gelassener Selbstverständlichkeit in der amerikanischen und internationalen Presse inzwischen ernsthaft die Perspektive diskutiert wird, dass Trump versuchen könnte, trotz Wahlnierderlage im Amt zu bleiben. Ob es dafür dann tatsächlich einen Staatsstreich braucht, wird wohl auch davon abhängen, ob Russland oder China über das bessere Propaganda- und Hackerteam verfügen, denn die einen setzen auf Trump, die anderen auf Biden und beide darauf, die US-Wahl nach Kräften zu beeinflussen.

    Aus hiesiger Perspektive muss man wohl froh sein, dass sich China bislang nicht sonderlich für deutsche Innenpolitik interessiert und Putin weiterhin auf die aktuell schwächelnde AfD setzt. Andererseits: Wenn die SPD neuerdings doch wieder mit dem Einzug ins Kanzleramt liebäugelt (den Namen des potentiellen Kandidaten nennen wir hier nicht, das ist einfach zu albern), dann braucht es dafür schon irgendeine finanzkräftige Diktatur im Hintergrund. Allein mit den von SPD-Außenminister Heiko Maas nacktschneckengleich umschleimten Mullahs im Iran als Unterstützung wird das nicht zu machen sein.

    Doch wahrscheinlich müssen wir so perspektivisch gar nicht denken. Denn während rechte Befürworter und linke Kritiker das mediale Sommerloch so manisch mit ihren Ansichten zu den antisemitischen Witzen der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart zutexten, dass die sich von den eingesparten Marketingkosten bald eine eigene Südseeinsel kaufen kann und einzig das Cornavirus noch verhindert, dass sie jeden Abend in großen Sport-Arenen auftritt, hat sich mitten in Berlin ein ganz reales Loch aufgetan, hat das komplette Regierungsviertel und mit ihm alle politischen Ambitionen verschluckt. Schuld an diesem Loch, das man inzwischen auch auf Weltraumbildern als fulminante Delle in der Erdkugel erkennen kann, sind die 1,3 Fastilliarden Corona-Leugner, die sich am 01. August auf einem Stück der Straße des 17. Juni versammelt haben, das normalerweise nur 20.000 Menschen Platz bietet. Ganz allerdings haben sie ihr eigentliches Ziel – das Vordringen in die geheime Welt der Hohlerde – nicht erreicht und wollen deshalb wohl Ende August wiederkommen.

    Eine Weile lang haben wir hier in Kreuzberg also erst mal wieder Ruhe, können mit unseren Freunden aus dem transjüdischantifaschistischen Cancel Culture-Establishment beinebaumelnd am Rand des Regierungskraters sitzen, Kinderblutcocktails süffeln und die Freuden des Klimawandels genießen. Wenn uns das mal zu langweilig wird, arbeiten wir mit unseren Kollegen von DER SINGENDE TRESEN weiter am musikalischen Hörbuch zu Manja Präkels‘ „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, schreiben – so weit es die Hitze zulässt – gegen den Irrsinn um uns herum an und vereinbaren Lesungen und Konzerte, von denen wir nicht wissen, ob sie uns am Ende nicht von der zweiten Welle wieder aus dem Kulturkalender gespült bzw. gecancelt werden. Hoffen wir das Beste!

     

    Termine

     

    Sa. 15. August, 20:15 Uhr / Einlass wg. Hygienekonzept bereits ab 19 Uhr

    Simi Wills Fernsehgarten 

    mit: Sven Becker, Anke Stelling, Hajo Schumacher, Soybomb, Manja Präkels & DER SINGENDE TRESEN

    Open Air-Veranstaltung auf dem Dach der

    Köpenicker Chaussee 3a

    Berlin-Rummelsburg

     

    Fr. 21. August, 19:00 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Raum 2 Neu Tramm 3

    Dannenberg (Elbe)

     

    Fr. 28. August, 15:30 Uhr

    Manja Präkels: „Kirschen mit Musik“ – szenische Lesung, begleitet von: Benjamin Hiesinger (Bass) und Thorsten Müller (Klarinette)

    Hoflesecafé

    Stadtbibliothek

    Gröditz

     

    Fr. 04. September, 19:00 Uhr

    DER SINGENDE TRESEN (Konzert)

    Buchladen Sputnik

    Charlottenstraße 28

    Potsdam

     

    So. 06. September, 15:00 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Amerika-Gedenkbibliothek

    Blücherplatz 1

    Berlin Kreuzberg

     

    So. 13. September, 18:00 Uhr

    Manja Präkels: „Kirschen mit Musik“ – szenische Lesung, begleitet von: Benjamin Hiesinger (Bass) und Thorsten Müller (Klarinette)

    Heilig-Geist-Kirche

    Kirchstr. 9

    Werder

     

    Das war’s vorerst von uns. Bleibt gesund, liebe Freunde, wenn möglich körperlich und geistig. Mag das auch noch so schwer sein in einer Welt, die uns fortgesetzt linke Kritik als Gewalttat und rechte Gewalttaten als Kritik verkaufen möchte.

    Eure immerhin diesbezüglich immunen Kulturarbeiter in der
    Gedankenmanufaktur WORT & TON

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