WORT & TON im Sept./Okt. 2026

Liebe Freunde von WORT & TON,

ein paar Regentropfen am Morgen, kühler Wind, herbeihypochonderte Erkältungssymptome. Dazu noch Wahlkampfendspurt in Sachsen-Anhalt, wo schon am 6. September nicht nur die Blätter braun werden könnten, und die Nachricht, dass selbst unser UKAZ (unbeliebtester Kanzler aller Zeiten) seine Work-Life-Balance nach gefühlten sechs Wochen Life (oder was er dafür hält) nun leider wieder auf Work ausgerichtet. Das alles sind untrüglich Zeichen: Der Sommer ist wohl vorbei und ein deutscher Herbst steht vor der Tür, in braun und grau und eklig.

Was bei all den berechtigten Sorgen über einen möglichen ersten AfD-Ministerpräsidenten in Magdeburg leicht übersehen wird: Auch in Berlin hängen inzwischen wieder mit Partei-Logos garnierte Wort- und Bilderrätsel an den Laternen, deren Ziel es offenbar ist, uns allen unsere intellektuellen Grenzen aufzuzeigen. Wer beispielsweise mag dieser Herr Schlendrian sein, als dessen „Endgegner“ sich CDU-Kandidat Stefan Evers inszeniert? Wir konnten ihn bislang auf keiner Kandidatenliste finden. Oder nehmen wir die SPD: Die zeigt ihren weitgehend unbekannten Kandidaten unter dem Slogan „Kleine wieder groß machen“ beim Rumalbern mit einem kleinen Mädchen. Will er diesem etwa High Heels andrehen? Oder Stelzenlaufen beibringen? Und weiß das Mädchen überhaupt, dass es dem Kandidaten zu klein ist? Fragen über Fragen.

Das BSW präsentiert uns als Berliner Spitzenkandidaten passenderweise einen deutschen Dackel mit Halstuch in Nationalfarben und findet sich dafür „gefährlich ehrlich“. Die Grünen möchten „raus aus dem Rückwärts“ und haben deshalb wohl auch ihrer beim letzten Mal gescheiterten Spitzenkandidatin einen freundlich dreinschauenden Herrn an die Seite gestellt, den man dummerweise leicht mit dem Typen von der SPD verwechseln könnte. Die AfD ist dieweil zu überraschenden Erkenntnissen gekommen: „In der Schule ist Deutsch Pflicht“ zum Beispiel, oder: „Wohnungen sind keine Asylheime“. Wow. Demnächst kommt wahrscheinlich noch: „Regen ist aus Wasser“, und: „Ein Turbomixer ist keine Nagelschere“.

Wenigstens Die Linke kümmert sich um die wichtigen Probleme, will „Berlin bezahlbar machen“ und „Mietabzocke stoppen“, während sich allerdings ihr Neuköllner Bezirksverband vor allem um eine radikale Neudefinition des Wortes Genozid bemüht, um Antisemitismus als Notwehr erscheinen zu lassen, und bei Wahlkampfveranstaltungen zu „Yalla! Yalla! Intifada!“ tanzt – ein Schlachtruf, den man in Erinnerung an frühere Intifada-Events mit „Los! Los! Juden töten!“ übersetzen könnte. Wie dies mit dem linken Friedenspartei-Selbstbild zusammenpasst, erscheint zumindest uns auf den ersten Blick nicht ganz schlüssig.

Richtig überzeugt hat uns bislang nur die längst totgeglaubte FDP, die insbesondere beim Themenfeld Wohnen echt kreative Lösungen parat hält: „Mehr Eigenheime statt Enteignungen“ zum Beispiel, oder: „Von der Miete zum Eigentum“. Wer sich ein Häuschen kauft, muss keine Miete mehr zahlen? Dass wir da noch nicht selbst drauf gekommen sind! Klar, dass wir diesen erstklassigen Life-Hack sofort an all die Niedriglöhner, künstlerischen Freiberufler und Arbeitslosen in unserem Kiez weitergeben wollten. Kam komischerweise nicht so gut an. Auch unser Kundenberater in der Berliner Volksbank, mit dem wir uns über eine Kauffinanzierung unterhalten wollten, ging einfach weg und kam nicht wieder, nachdem er einen Blick auf unser Konto geworfen hatte. Vielleicht ist Berlin noch nicht reif für diese geniale FDP-Lösung. Schade.

Falls ihr nun finden solltet, dass der Kandidat der Berliner CDU in dieser Auflistung etwas zu kurz gekommen ist, so empfehlen wie euch ergänzend Markus Liskes Jungle World-Artikel „Der Kommissar geht um“ über diesen Herrn. Und um euch danach nicht sinnlos zu empören (was ja bekanntlich Zeit und Nerven kostet), lest lieber gleich im Anschluss noch die neuste Ausgabe seiner Medienkolumne „Alles muss raus!“, diesmal unter dem Titel „Schluss mit der Empörung“. Darin geht es um allerlei Missverständnisse rund um das Wort Freiheit. Stets vorn dabei bei diesem Thema: die Anhänger und Verniedlicher der AfD, zu denen inzwischen leider auch immer mehr hochrangige Wirtschaftsbosse gehören, wie Liske in seinem Artikel „Bitte nicht die Feuerwehr rufen“ ausführt.

Ihr merkt schon, so richtig Urlaub haben wir nicht gemacht seit dem letzten Newsletter. Besonders Manja Präkels musste ziemlich ackern. Denn nach Fertigstellung ihres neuen Buchs „Radiorauschen im Sternenpark“ (Verbrecher Verlag), das in weniger als zwei Wochen an die Buchhandlungen ausgeliefert wird, rückt bereits die Deadline für das nächste näher, welches sie derzeit mit dem lieben Kollegen Daniel Schulz schreibt.

Trotzdem wird Präkels im September wieder viel auf Lesetour sein, und auch das gemeinsame Erich Mühsam-Bühnenprogramm mit DER SINGENDE TRESEN und Markus Liske ist noch ein paar Mal zu erleben, bevor letzterer sein neues Schreibasyl im Alfred-Döblin-Haus in Wewelsfleth bezieht. Was er dort schreibt, könnt ihr heute Abend (1. September) in der Akademie der Künste (Hanseatenweg!) erfahren. Genaueres hierzu wie auch zu Manja Präkels‘ anstehenden Buchpremieren in Potsdam und Berlin und zur großen „25 Jahre DER SINGENDE TRESEN“-Livesause Ende Oktober findet ihr hier:

 

TERMINE

 

Di. 01. September – 19 Uhr (pünktlicher Beginn!)

Lange Lesenacht mit den diesjährigen Alfred-Döblin-Stipendiaten: Markus Liske, Hieu Hoang, Stefan Hornbach, Heike Andra Joeckle, Anna Kücking, Tia Morgen, Valeska Marina Stach und Tim Staffel

Akademie der Künste

Hanseatenweg 10

Berlin-Moabit

Do. 03. September – 19 Uhr

Extremwetterlagen. Reportagen aus einem neuen Deutschland

Manja Präkels im Gespräch mit Marko Martin

Ballsaal Tucholski

17121 Loitz

Fr. 04. September – 18:30 Uhr

Extremwetterlagen. Reportagen aus einem neuen Deutschland

Manja Präkels im Gespräch mit Marko Martin

Alten Gemeindehaus

Strasburg (Uckermark)

So. 06. September – 14 Uhr

DER SINGENDE TRESEN & Markus Liske: Mühsam-Programm „Das seid ihr Hunde wert!“

Freilichtbühne Weißensee

Berlin-Weißensee

Di. 08. September – 19 Uhr

PEN Berlin-Diskussion „Ist das noch/schon mein Land?“

mit Manja Präkels & Alexandru Bulucz

STRAZE

Greifswald

Mi. 09. September – 20 Uhr

Manja Präkels: „Radiorauschen im Sternenpark“

Preview & Werkstattgespräch

Buchhandlung Viktoriagarten

Potsdam

So. 13. September – 13 Uhr

DER SINGENDE TRESEN & Markus Liske: Mühsam-Programm „Das seid ihr Hunde wert!“

Bakuninhütte

Meiningen

Fr. 18. September – 10 Uhr

Manja Präkels on Air  über „Radiorauschen im Sternenpark“

Sendung Lesart

Deutschlandradio Kultur

Do. 24. September – 19 Uhr

Manja Präkels zu Gast bei Marion Brasch

studioeins von radioeins

Bikini Berlin

Berlin-Charlottenburg

Fr. 25. September – 19 Uhr

Potsdamer Buchpremiere von Manja Präkels‘ „Radiorauschen im Sternenpark“ 

Waschhaus

Potsdam

Mi. 07. Oktober – 20 Uhr

Manja Präkels: „Radiorauschen im Sternenpark“ bei Open Books / Frankfurter Buchmesse

Kunstverein

Frankfurt/Main

Sa. 10. Oktober – 17 Uhr

Manja Präkels: „Radiorauschen im Sternenpark“

Fontane-Festspiele Neuruppin

La Casita

Wuthenow

Fr./Sa. 30. & 31. Oktober – jeweils 19 Uhr

DER SINGENDE TRESEN spielt das Beste aus 25 Jahren in Titos Zentrifuge in Berlin-Wedding

Beide Konzerte werden aufgezeichnet und anschließend als Live-Album erscheinen! Die Platzanzahl ist begrenzt – also unbedingt rechtzeitig über liske@gedankenmanufaktur.net reservieren, wenn ihr dabei sein wollt!

Do. 19. November – 19 Uhr

Berliner Buchpremiere von Manja Präkels‘ „Radiorauschen im Sternenpark“

Literaturforum im Brechthaus

Berlin-Mitte

 

So viel zu den kommenden Terminen. Möge euch die Gewissheit, dass wir unbeirrt weitermachen, ganz egal, was die Zukunft bringt, etwas Licht in diese dunklen Zeiten werfen. Ob in Sachsen-Anhalt oder anderswo: Lasst uns zusammen den Herbststürmen trotzen! Oder wie der große Naturdichter Wiglaf Droste einst reimte: „Schön ist die Heimat / so man sie hat / schön auch der Hering / besonders der Brat-“

Eure tapferen Herbstzeitlosen in der

Gedankenmanufaktur WORT & TON