WORT & TON im März 2026

Liebe Freunde von WORT & TON,

schon lange keine großen Schlagzeilen zur Lage in der Ukraine mehr gesehen, oder? Nun, wo Putins Krieg ins fünfte Jahr geht, scheint er aufmerksamkeitsökonomisch irgendwie ausgelutscht zu sein. Alte Presseregel: Das bloße Weitergeschehen von etwas, mag es noch so furchtbar sein, interessiert halt leider kaum jemanden. Zum Glück für unsere händeringend nach neuem Stoff suchenden Nachrichtenredaktionen haben die USA und Israel den Iran angegriffen, und dieser beschießt mit seinen Raketen nicht nur Israel, sondern auch den Irak, die Emirate am Golf, Oman und so weiter. Das ist zwar für die meisten deutschen Konsumenten alles ein bisschen weit weg, aber hey – der Spritpreis! Damit kriegt man sie doch alle wieder! Auch schön: Reportagen über deutsche Influencer, die ihrem hart verdienten Luxusleben als Steuerflüchtlinge in Dubai adieu sagen und sich zurück in die triste Heimat begeben müssen, wo nach dem Hausbesuch des Finanzamts dann kein Bürgergeld mehr auf sie wartet, sondern nur noch eine „Grundsicherung“, die jederzeit entzogen werden kann.

Worum es indes bei diesem Iran-Krieg abseits der Nachrichtenproduktion wirklich geht, darüber rätseln weiterhin weltweit die Experten. Nicht alle, versteht sich. Einzelne fragen sich auch immer noch, wie es nun eigentlich um Venezuela bestellt ist und was dieser entführte Diktator jetzt so macht. Andere gehen voll darin auf, die diversen Drohungen und wenig schlüssigen Aktionen der Trump-Administration gegen Kolumbien, Kuba, Mexico, Kanada et al. hinsichtlich der Plausibilität eventueller weiterer Militäreinsätze zu bewerten. Und was ist überhaupt aus diesem Grönland-Thema geworden? Ist das vom Tisch? Wenn ja, warum? Weiß das jemand?

Ja, es wird immer unübersichtlicher draußen in der Welt. Klar ist allein, worum es bei all diesen Ereignissen definitiv nicht geht: um Freiheit, Demokratie, rechtsstaatliche Prinzipien und ein menschenwürdiges Leben für alle. Derlei langweiliges Zeug nämlich geht den Trumps und Netanjahus dieser Welt ebenso am Arsch vorbei wie Putin, den Mullahs oder der Hamas. Mag der aktuelle Iran-Krieg in Kombination mit Israels Militäreinsatz gegen die libanesische Hisbollah vielleicht auch positive Effekte haben – zumindest in dem Sinne, dass die Feinde Israels und der Juden in ihren militärischen Möglichkeiten radikal beschnitten werden, und dass Putins Nachschub an iranischen Drohnen für sein Morden in der Ukraine gestoppt wurde –, ein Regime-Change ist erst mal nicht zu erwarten. Unklar ist zudem ob der Krieg tatsächlich Netanjahus Wiederwahl begünstig, wie dieser wohl hofft, oder gerade nicht. Im Falle Trump sieht es aktuell so aus, als würde der Krieg sich auf die anstehenden Midterm-Wahlen eher gegenteilig auswirken.

Aber wer weiß schon, was Donald Trump beabsichtigt? Vielleicht glaubt er, genug Möglichkeiten zu haben, um die Wahl zu seinen Gunsten zu manipulieren und kümmert sich deshalb gar nicht drum. Sollte es ihm allerdings auch bei diesem Krieg (wie erklärtermaßen beim Einsatz Venezuela) ums Öl gehen, dann ist der Schuss bislang wohl nach hinten losgegangen. Jetzt muss er Öl von Putin kaufen, was wiederum die Hoffnung der Ukraine auf Frieden torpediert. Unwahrscheinlich ist, dass Trump diesen Krieg führt, um von den Epstein-Files abzulenken, wie anfangs manche mutmaßten. Denn diese Akten scheinen ja niemanden ernsthaft zu interessieren (Xavier Naidoo und seine Verschwörungsfreunde mal ausgenommen). Der einzige Prominente, der deswegen ernsthafte Probleme bekommen hat, ist der britische Ex-Prinz Andrew, und auch der nur wegen Geheimnisverrat, nicht wegen Missbrauchs Minderjähriger. Okay, Bill Gates musste sich noch bei seiner Ex-Frau entschuldigen, aber das war’s dann auch.

In einer Zeit weltweiten Kulturkriegs von rechts werden aber nicht nur Missbrauchsvorwürfe, Verstöße gegen Compliance-Regeln, der Klimawandel und wissenschaftliche Erkenntnisse zu wokem Quatsch von gestern erklärt, sondern die liberale und pluralistische Demokratie in ihrer Gänze. Dafür stehen in Deutschland zum Beispiel Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und Innenminister Dobrindt, die nicht mehr auf die erste schwarzbraun-blaubraune Regierung warten mögen, um endlich zur Umwertung aller Werte zu schreiten. Weimer entzog daher unlängst drei hervorragenden Buchhandlungen, die von einer unabhängigen Jury für den Deutschen Buchhandlungspreis ausgewählt wurden, ebendiesen Preis wieder, weil sie ihm zu links waren und führte dafür „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ an, von denen bis heute völlig unklar ist, worum genau es da gehen könnte. Ja, offenbar hat sich nicht mal sein eigenes Amt dafür interessiert und stattdessen den Buchhandlungen einfach per Mail die blanke Lüge aufgetischt, sie seien von der Jury nicht ausgewählt worden.

Das von Weimer genutzte „Haber-Verfahren“, das die Überprüfung durch den Verfassungsschutz ermöglicht, wenn es um öffentliche Mittel geht, bringt Innenminister Dobrindt im Windschatten der Weimer-Debatte nun auch gegen kleine Demokratievereine in Stellung, die ihm schlicht zu antifaschistisch sind, und setzt damit ein Kernanliegen der AfD in die Tat um. Weimer selbst wiederum zeigte sich so beleidigt vom massiven Gegenwind aus dem Literaturbetrieb, dass er prompt die Preisverleihung auf der Leipziger Buchmesse absagte. Und um diesem linksgrünversifften Kultursektor so richtig den rechten Stinkefinger zu zeigen, stoppte er gleich noch den dringend benötigten Ausbau der Leipziger Nationalbibliothek.

Gut, aus seiner Sicht mag das sogar vernünftig scheinen. Denn wenn man erst mal all das linke Zeug aus den Archiven der Bibliothek feierlich auf dem Bebelplatz verbrennt, braucht es ja wirklich keinen Erweiterungsbau mehr. Und den eigentlich als Breitenförderung gedachten Buchhandlungspreis könnte man künftig doch gut als Gesamtsumme auf dem für Rechtsextrem offenen Buch-Thing „Seitenwechsel“ in Halle an das Buchhaus Loschwitz der stramm rechten Aktivistin Susanne Dagen verleihen. So könnte man sich sogar die Mühe ersparen, eine gesinnungstreue Jury zusammenzustellen. „Natürlich“ wird Weimer wegen seiner fortgesetzten Angriffe auf jene Kultur, die er eigentlich fördern sollte, nicht zurücktreten müssen. Die Union steht mehrheitlich hinter ihm, und die SPD nimmt eh alles hin. Diese Weimers Rücktritt fordernde Petition hier solltet ihr trotzdem unterschreiben.

Immerhin, die Leipziger Buchmesse wird zumindest in diesem Jahr noch in gewohnter Form stattfinden können, und wir sind mit mehreren Lesungen vertreten. Schon am Mittwoch feiern wir in den Cammerspielen mit dem Verbrecher Verlag sozusagen in die Buchmesse rein: Manja Präkels, Alexander Leistner und Barbara Thériault stellen ihr Buch „Extremwetterlagen. Reportagen aus einem neuen Deutschland“ vor und Kuku Schrapnell das frisch erschienene „Gender Punks“. Am Donnerstag gibt es die „Extremwetterlagen“ dann noch mal ausführlicher und mit reichlich Zeit für Diskussion im bezaubernden Luru-Kino in der Alten Spinnerei. Außerdem könntet ihr auf der Messe selbst, wenn ihr die Ohren spitzt, vielleicht schon ein erstes Raunen über Manja Präkels neues Buch „Radiorauschen im Sternenpark“ vernehmen, das im Herbst im Verbrecher Verlag erscheinen wird.

Auf die Veröffentlichung von Markus Liskes neuen Roman ebendort müsst ihr allerdings leider bis 2027 warten. Zur Fertigstellung noch in diesem Jahr indes hat Liske gerade das großartige Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste erhalten. Konfetti!!! Außerdem gibt es neue Folgen seiner Jungle World-Kolumne „Alles muss raus!“ nachzulesen: In „Patrioten, die performen“ geht es um den immer deutlicheren Kurswechsel der Springerpresse weg vom klassischen Konservatismus und tief hinein ins trumpistische Lager. Und für seinen Text „Und täglich nervt ‚der Jude‘“ hat sich Liske in die antisemitisch blubbernden Untiefen deutschen Trash-Fernsehens begeben.

DER SINGENDE TRESEN hat aktuell noch Auftrittspause und erarbeitet hinter verschlossenen Türen die Songs für das 25-jährige Bandjubiläum in diesem Jahr. Ihr dürft gespannt sein!

Hier nun aber die anstehenden …

TERMINE

Di. 17. März – 18 Uhr

Manja Präkels liest „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

K2 Kulturkiste

Schössergasse

Pirna

Mi. 18. März – 18 Uhr

„Extremwetterlagen“ mit: Manja Präkels, Alexander Leistner und Barbara Thériault

& „Gender Punks“ mit: Kuku Schrapnell

Cammerspiele

Kochstraße 132

Leipzig

Do. 19. März – 19 Uhr

„Extremwetterlagen“ – Lesung & Diskussion mit: Manja Präkels, Alexander Leistner und Barbara Thériault
Luru-Kino in der Spinnerei

Spinnereistraße 7

Leipzig

Fr. 27. März – 19 Uhr

„Gegen den Wind atmen“ – Musikalische Lesung von Manja Präkels (Text, Ukulele, Gesang) und Benjamin Hiesinger (Kontrabass)

Uferhaus

Mühlenstr. 6

Werder (Havel)

Das war’s für heute. Mehr dann im April. Vorausgesetzt natürlich, Wolfram Weimers Geheime Staatskulturpolizei (GeStakupo) lässt uns nicht zwischenzeitlich verhaften. Man weiß ja nie in diesen Zeiten. Aber wie auch immer: Lasst euch nicht unterkriegen von den feindlichen Zeitläuften! Mag sein, wir sind nicht „mehr“, aber wir können lauter sein, cooler, besser. Also: Geht raus, bildet Banden und steht all denen zur Seite, die Hilfe brauchen!

Eure unverdrossenen für die Freiheit von Kunst und Kultur streitenden Antifaschisten in der

Gedankenmanufaktur WORT & TON