Liebe Freunde von WORT & TON,
der Herbst ist bekanntlich die deutscheste aller Jahreszeiten. In ihr kommt einfach ziemlich viel zusammen, woran sich Deutsche ausgesprochen gern oder ungern erinnern: Mauerfall und Reichspogromnacht, die Revolution 1918, diverse „heiße Herbste“ und „Herbste der Reformen“ sowie natürlich der Deutschen skurrilster Feiertag – der 3. Oktober.
Kaum jemand weiß, was genau da eigentlich gefeiert wird, aber das ist ja bei Pfingsten oder Christi Himmelfahrt ebenso, ohne dass sich jemals wer daran gestört hätte. Diesen christlichen Feiertagen allerdings liegen immerhin bedeutungsvolle Ereignisse zugrunde, die zumindest für Gläubige Tatsachenrang haben: An Pfingsten wurden die Jünger Jesu vom Heiligen Geist in Besitz genommen, und weil es noch keinen Exorzisten gab, der ihnen diesen Dämon wieder hätte austreiben können, begründeten sie in ihrem Wahn die christliche Kirche. An Himmelfahrt verließ olle Jesus nach einigem Hin und Her final die Erde. Kleiner Faktencheck dazu: Die christliche Kirche gibt es (sogar mehrere) und Jesus wandelt wirklich nicht mehr auf Erden, also ist er weg. Alles gut so weit.
Beim 3. Oktober, dem „Tag der deutschen Einheit“, sieht das ein bisschen anders aus. Zwar wurde die staatliche Vereinigung von BRD und DDR vor 35 Jahren wirklich vollzogen, aber nur, um das Land sogleich auf vielfache Weise (Löhne, Renten, Bevölkerungsanteil von Migranten etc.) sogleich wieder in West- und Ostdeutschland aufzuspalten. Und weil ersteres dabei weiterhin als Normalitätsreferenz für letzteres betrachtet wird, geht es rund um den „Tag der deutschen Einheit“ bis heute eigentlich ausschließlich um die Lage im Osten der Republik.
Gut, der Osten gibt sich natürlich auch viel Mühe, knallige Schlagzeilen zu produzieren, insbesondere was Rassismus, Putinismus, Fremdenfeindlichkeit aller Art und selbstmörderisches Wahlverhalten angeht. Nach aktuellen Umfragen könnten sogar gleich zwei Ost-Länder (Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt) im kommenden Jahr an die rechtsextreme AfD fallen, und all die zarten demokratischen Triebe, die dort in den letzten Jahrzehnten langsam Wurzeln schlugen, würden dann erwartungsgemäß einer zünftigen Brandrodung zum Opfer fallen. Dennoch: Die AfD ist auch im Westen längst so stark, dass sie bei allen gesamtdeutschen Sonntagsfragen vorne liegt, und die zweitplatzierte CDU/CSU müht sich weiterhin, ebenso rassistisch und menschenverachtend zu agieren, weil sie immer noch glaubt, man könne durch AfD-Werdung AfD-Verhinderung betreiben.
Da werden vom Innenminister frohgemut Gesetze gebrochen, um Menschen an der Grenze zurückweisen zu können, oder Bürgergeldempfänger unter Betrugs-Generalverdacht gestellt. Da schwadroniert ein Kanzler Merz (ausgerechnet im aufgeräumten Preußenkitschpuppenstüblein Potsdam) von grausigen Stadtbildern voller finsterer migrantischer Straftäter, die er von Armeeeinheiten säubern lassen möchte (ach nee, letzteres war Trump), während aus seiner Partei die Rufe nach „Schweinebraten statt Döner“ immer lauter werden. Und die SPD tut, was sie halt immer tut: traurig gucken und jede Sauerei mittragen.
Zum Glück, werden da manche denken, gibt es wenigstens noch die Linkspartei, die sich langsam wieder zu einer echten Volkspartei mausert und sogar gute Chancen hat, demnächst Berlin zu regieren. Schade nur, dass in diesem Falle dann wohl alle Juden Berlin verlassen müssten. Denn wie es um ihren Schutz unter einer solchen Regierung stünde, das kann man sich heute schon in Neukölln anschauen, wo die Linkspartei inzwischen offenbar endgültig mit der Hamas fusioniert ist. Und nein, das ist leider keine satirische Überspitzung, wie man unter anderem am Beispiel unserer Lieblingsprogrammschänke Bajszel sehen kann.
Als nämlich deren drei Betreiber wegen ihrer proisraelischen Haltung kürzlich mittels öffentlich ausgehängter Steckbriefe mit dem Tode bedroht wurden („Wir wollen, dass diese drei für immer schweigen und als Warnung für alle Zionisten in Berlin und Neukölln gelten können.“) und die Bezirksverordnetenversammlung in Neukölln daraufhin parteiübergreifend eine Solidaritätsadresse abgeben wollte, wurde das einzig von der Linksfraktion abgelehnt. Zur Begründung hieß es, dass man sich „nicht einseitig solidarisieren“ wolle. Was natürlich bei Morddrohungen reichlich bizarr klingt: Gleiche Solidarität für Opfer und Täter? Und falls ihr euch jetzt fragt, ob es denn wenigstens Ordnungsrufe aus der Landes- oder gar Bundesspitze der Partei für die islamistischen Terror gutheißenden Neuköllner Genossen gegeben habe – nö, die gab es nicht.
Aber zurück zum ewigen deutsch-deutschen Herbstterror: Was Manja Präkels und ihre Kollegen Alexander Leistner, Tina Pruschmann und Barbara Thériault im letzten Jahr bei ihren Erkundungstouren durch Thüringen, Sachsen und Brandenburg erlebten, ist inzwischen ja in dem Band „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) nachzulesen. Nun ist es an der Zeit, den Fokus zu erweitern. Zum Beispiel auf Vorpommern. Zu diesem Zweck wird Manja Präkels noch bis Ende des Jahres als „erste Schriftstellerin im Tor“ im vorpommerschen Tribsees Lesungen und Gesprächsrunden durchführen – mit Alten und Jungen, Schülerinnen, Berufsschülern und Migrantinnen.
Organisiert hat das Ganze eine kleine Gruppe von Leuten, die – mehrheitlich bereits im Rentenalter – die komplette ehrenamtliche Tribseeser Zivilgesellschaft darstellen und eigentlich hinter jedem wichtigen Projekt vor Ort stehen, von aktiver Flüchtlingsarbeit bis zu Israelisch-deutschen Kulturtagen. Applaus für so viel Engagement, zumal in einer Region, wo die AfD schon zwei Jahre nach ihrer Gründung stärkste Kraft wurde!
Wenn Manja Präkels nicht gerade in Vorpommern weilt, dann reist sie wieder mit verschiedenen Leseformaten durchs ganze Land (siehe: Termine) oder gibt als Expertin Auskunft. Hier zum Beispiel in der ZDF-Aspekte-Doku über Rechte Gewalt. Oder hier zum Buch und Projekt „Extremwetterlagen“ bei Radio3. Lesenswert auch dieses Interview in einer der letzten gedruckten Ausgaben der taz: „Demokratie ist ein Schimpfwort geworden“. Ein ziemlicher Höllenritt wird das noch bis Ende des Jahres (warum werden wir eigentlich immer am meisten in den Herbstmonaten gebucht?), der aber glücklicherweise im neuen Jahr von einem dreimonatigen Initiativstipendium des Deutschen Literaturfonds abgelöst wird, in dessen Rahmen sie sich dann um ein ganz anderes, weder ost- noch überhaupt deutsches Thema kümmern kann. Für die Erzählung „Plingpling oder Total Eclipse of the heart“ schaut sie dazu nach Trumpland. No Kings, no Fear.
Markus Liske hat inzwischen eine eigene Kolumne in der Jungle World bekommen. „Alles muss raus! – Kolumne zur medialen Restmülltrennung“ heißt sie, und in der ersten Ausgabe geht es unter dem schönen Titel „Staates Funk und Volkes Stimme“ um die kürzlich vom NDR geschasste rechtspopulistische Moderatorin Julia Ruhs. Des Weiteren gibt es auf unserem Blog unter dem Titel „Blutpenis‘ Himmelfahrt“ seinen so bewegten wie bewegenden Nachruf auf den großen deutschen Dichter Franz Josef Wagner zu lesen. Und in der kommenden Ausgabe der Jungle World dürft ihr euch über einen vielleicht etwas kulturpessimistischen Beitrag von ihm zum Thema Internet und Gesellschaft freuen.
DER SINGENDE TRESEN ist in diesem Jahr noch dreimal live mit seinem Erich Mühsam-Programm „Das seid ihr Hunde wert!“ zu erleben. Einmal – natürlich! – im Neuköllner Bajszel, einmal an Manja Präkels derzeitiger Wirkungsstätte Tribsees und einmal im Kulturgutshaus Köpernitz, wo Liske und Präkels seit einigen Jahren eine kleine Werkstatt im Grünen unterhalten. Für letzteres unbedingt Karten vorbestellen: 033931/37855
Und noch eine Veranstaltung möchten wir hier besonders hervorheben: Am kommenden Freitag liest Manja in Begleitung unseres fulminanten Kontrabasshelden Benjamin Hiesinger in ihrer Geburtsstadt Zehdenick, genauer: im charmanten kleinen Literaturort Ziegelhof, den sie schon als junge Antifaschistin in den Neunzigern gegen rechte Angriffe verteidigte und den es dankenswerter Weise bis heute gibt. Restkarten unter: ziegelhofonline.de
Hier nun aber alle anstehenden …
TERMINE
Mi. 22.10. – 19:00 (Hallo Leipzig, das ist heute!!!)
Extremwetterlagen – Reportagen aus einem neuen Deutschland
Lesung mit Manja Präkels und Tina Pruschmann
Zeitgeschichtliches Forum Leipzig
Grimmaische Str. 6
Leipzig
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Fr. 24.10. – 19:00 Uhr
Gegen den Wind atmen
Manja Präkels liest frische Texte, Benjamin Hiesinger spielt Kontrabass
Am Kirchplatz 12
Zehdenick/Mark
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Di. 28.10. – 19:00
Extremwetterlagen – Reportagen aus einem neuen Deutschland
Lesung mit Manja Präkels
Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus
Puschkinstraße 12
Schwerin
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Fr. 31.10. – 19:00 Uhr
Gegen den Wind atmen
Manja Präkels liest frische Texte
Künstlerhaus Schloss Balmoral
Villenpromenade 11
Bad Ems
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Mi. 05.11. – 18 Uhr
Kunst, Aktivismus und öffentliche Meinung in Zeiten der Transformation
Diskussion mit Manja Präkels, Dr. Mahret Ifeoma Kupka, Dr. hab. Ewa Majewska, Clara Thuelin und Jean Peters (Correctiv)
Am Schloss 1
Ludwigsfelde bei Berlin
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Fr. 07.11. – 18:00 Uhr
Gegen den Wind atmen
Manja Präkels liest frische Texte, Benjamin Hiesinger spielt Kontrabass
Bahnhofsvorhalle
Merseburg
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Sa. 08.11. – ab 15:00 Uhr
Extremwetterlagen – Reportagen aus einem neuen Deutschland
Lesung mit Manja Präkels und Tina Pruschmann
Volkspark
Halle
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Mi. 12.11. – 18:30 Uhr
Wie politisch ist Literatur oder wie literarisch kann Politik sein?
Lesung und Gespräch mit Manja Präkels, Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke und Marion Brasch
Bischofstr. 17
Frankfurt/Oder
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Do. 13.11. – 19:00 Uhr
Extremwetterlagen – Reportagen aus einem neuen Deutschland
Lesung mit Manja Präkels und Tina Pruschmann
Stadt- und Landesbibliothek im Bildungsforum Potsdam
Am Kanal 47
Potsdam
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Fr. 14.11. – 19:30 Uhr
„Das seid ihr Hunde wert!“
Literarisch-musikalischer Abend für Erich Mühsam mit Markus Liske, Manja Präkels & DER SINGENDE TRESEN
Emser Str. 8
Berlin-Neukölln
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Sa. 15.11. – 19:30 Uhr
Gegen den Wind atmen
Manja Präkels liest frische Texte
Hobrechtstr. 65
Berlin-Neukölln
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Sa. 22.11. – 19:00 Uhr
„Das seid ihr Hunde wert!“
Literarisch-musikalischer Abend für Erich Mühsam mit Markus Liske, Manja Präkels & DER SINGENDE TRESEN
Bergstraße
Köpernitz bei Rheinsberg
(Gemeinde Heinrichsdorf)
UNBEDINGT RESERVIEREN unter: 033931/37855
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Mi. 26.11. – 18:00 Uhr
Manja Präkels liest „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“
Schössergasse 3
Pirna-Copitz
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So viel für heute. Wir melden uns zum Dezember noch mal. Euch allen wünschen wir so lange einen schönen – nämlich bunten – Herbst!
Kleiner Tipp dazu: Im Bajszel in Neukölln gibt es nicht nur ein tolles Herbstprogramm, Bayreuther Helles vom Fass und einen extra Raucherraum, man kann dort auch Solidarität mit linken Menschenfreunden üben und sich deutlich gegen linke Menschenfeinde positionieren – einfach durch Biertrinken. „Das crazy“, oder?
Eure Laubwühler in der