WORT & TON im Dezember 2025

Liebe Freunde von WORT & TON,

ein letztes Mal noch melden wir uns vor der verdienten Winterpause bei euch. Hoffentlich habt ihr dieses bizarre Jahr bis hierher gut überstanden und könnt euch nun beschwingt vom allgegenwärtigen Glühwein sanft über die Ziellinie tragen lassen. Solltet ihr aber gerade irgendwo im Ausland sein, wo es keinen Glühwein gibt, beschwert euch bitte nicht darüber, schon gar nicht wenn Kameras in der Nähe sind!

Nicht jeder ist schließlich von Natur aus so ein begnadeter Gerhard Polt-Interpret wie unser Chef-Komiker im Kanzleramt. Wenn der sich über das Stadtbild in brasilianischen Belém oder fehlendes Brot in Angola mokiert, ist das stets ein großer Spaß. Wenn ihr es versucht, könnte es sein, dass man euch für einen deutschtümelnden Vollpfosten ohne jegliche Welterfahrung hält, und das wollt ihr sicher nicht. Bei ihm freuen wir uns allerdings jetzt schon über seine Ansichten zu asiatischem Klebreis („Der muss doch durch die Gabel rieseln, hat Onkel Benz gesagt!“), Arschreinigen mit Wasser („Kann doch nicht sein, dass ich zum Kacken erst nach Hause fliegen muss!“) oder schottischen Whisky („Bring mal ’n neuen Korn, der hier ist angebrannt!“). Man spricht eben nicht nur „deutsh“, man frisst und kackt es auch. Jedenfalls dieser Mann.

Aber Spaß beiseite, es ist schon ein bisschen erschütternd, wie sich die aktuelle Regierung präsentiert. Da werden Zwangsmaßnahmen gegen Bürgergeldempfänger verabschiedet, die nicht nur per se menschenverachtend sind, sondern den Staat zudem unterm Strich nicht weniger, sondern mehr kosten. Ein Typ, dessen medizinische Fachkompetenz man, wie sich in der Pandemie gezeigt hat, auf einem Bierdeck… ach was: Kronkorken skizzieren könnte und der zudem noch aussieht wie einem Nazi-Propagandafilm entsprungen, will das Problem der zunehmenden Vergreisung lösen, indem er alten Leute die Medikamente verweigert. Und der Medienunternehmer, den Merz zum Kulturstaatsminister gemacht hat, verkauft seine Kabinettskollegen auf dem Lobby-Strich. Na ja, so ähnlich jedenfalls.

Trotzdem sollten wir uns wohl nicht beschweren. Das jedenfalls legt ein Blick in die USA nahe, wo sich die Regierung einen Friedensplan für die Ukraine der Einfachheit halber gleich von Putin ghostwriten ließ, und der Präsident Journalistinnen als „Schweinchen“ bezeichnet oder „innerlich wie äußerlich hässlich“ nennt. Merke: Es kann halt immer noch schlimmer kommen. Das wusste schon Konstantin Wecker, weshalb er vor 14 Jahren sein Genital so lange im Zaum hielt, bis das Objekt seiner Altherrengeilheit endlich legale sechzehn Jahre alt wurde. Damit konnte er zwar nicht verhindern, dass er nun als der Widerling dasteht, der er nun mal ist, aber immerhin kann sein Anwalt wahrheitsgemäß sagen, Wecker habe „keinerlei strafbare Handlungen im Umgang mit der betroffenen Frau begangen“. Und so lange nichts nachweisbar Strafbares passiert, verpufft so ein Skandal ja auch schnell wieder. Till Lindemann von Ramstein kann ein grässliches Lied davon brüllen. Vor Tausenden johlender Fans sämtlicher Geschlechter, versteht sich.

Die meisten Leute nämlich kennen moralische Entrüstung nur als extrem kurzfristige Gefühlsaufwallung. Zwei, drei Mal drüber schlafen, dann ists auch wieder gut. Außerdem fällt es ja auch wirklich schwer im täglichen Nachrichtenkauderwelsch den Überblick über die Verfehlungen der Prominenz zu behalten: Hat wirklich Julia Klöckner ihren Liebsten Gerhard Delling die Kinder von Günther Netzer entführen lassen? Oder war es diese Frau Block, deren Vorname einem immer wieder entfällt, die Jörg Pilawa auf Friedrich Merz‘ Töchter hetzte? Wird Donald Trump vielleicht wieder für Familienfrieden sorgen können? Wenigstens fünf Minuten lang für die Reporter von Bild der Frau? Und wen von dieser ganzen Bagage werden wir wohl im neuen Jahr im Dschungelcamp begrüßen dürfen?

Gut, spannender als das, was berichtet wird, ist ohnehin meist das, was nicht berichtet wird. Wie sieht’s zum Beispiel gerade im Nahen Osten aus? Donald Trumps sogenannter Friedensplan für Gaza, den sicherlich auch jemand anders verfasst hat, konnte offenbar zumindest die Schlagzeilen befrieden. Aber was ist mit den Hamas-Terroristen, haben die inzwischen ihre Waffen abgegeben? Überraschung: nein. Und wo sind eigentlich die Nachrichten aus dem Sudan hin? Als die knalligen News aus Gaza ausblieben, hatten unsere Medien doch endlich auch mal ein halbes Auge auf diesen Konflikt geworfen. Hat aber anscheinend nicht genug Klicks gebracht. Interessiert keinen, kann weg.

Und Greta Thunberg? Auch lange nichts mehr gehört. Die könnte sich doch eigentlich mal wieder ums Klima kümmern, oder? Ja, Klima. Katastrophe und so. Wisst ihr noch? Da waren wir alle mal sehr besorgt. Also viele vielleicht nicht direkt wegen der Erderwärmung, sondern wegen dieser schrecklichen Wärmepumpen und E-Autos, die uns die faschistische Ampel-Regierung aufzwingen wollte. Ist irgendwie auch vorbei. Wir machen unser Ding, das Klima sein Klimading, und schwupps – hatten wir auch mal wieder einen Sommer mit Regen. Schon toll, wie das funktioniert. Ohne Schlagzeilen ist die Welt eine bessere. Vielleicht endet sogar Putins Krieg gegen die Ukraine, wenn wir einfach aufhören, uns dafür zu interessieren. Ablenkung gibt es ja genug, jetzt wo Weihnachten vor der Tür steht: Black Fridays, Black Weeks, Schnäppchen hier, Schnäppchen da, Glühwein drauf – hurra!

Freunde, ihr merkt es, auf den letzten Metern dieses Jahres werden auch wir langsam friedvoll und besinnlich. Dabei ist unsere Arbeit noch längst nicht getan. Manja Präkels zum Beispiel musste zwar in dieser Woche krankheitsbedingt ihren Auftritt in Pirna absagen, aber wahrscheinlich wird der noch im Dezember nachgeholt (Info dann auf unserer Terminseite). Und auch sonst ist sie bis zum Jahreswechsel noch deutlich öfter auf der Bühne, als ihr es der eigentlich ausreichend langen Liste in diesem Newsletter entnehmen könnt. Denn einige der Lesungen, die sie als Tor-Schriftstellerin im vorpommerschen Tribsees absolvieren wird, sind keine öffentlichen Veranstaltungen, dafür umso intensiver und hoffentlich ermutigend für alle.

Auf Markus Liske und DER SINGENDE TRESEN wartet in diesem Jahr zwar nur noch ein Auftritt mit dem gemeinsamen Erich Mühsam-Programm „Das seid ihr Hunde wert!“. Aber dafür hat Liske weiterhin diverse Schreibaufträge auf dem Tisch. Zuletzt erschien von ihm in der Jungle World der Text „Die AfD als Symptom“, in dem er beschreibt, warum die reine Auseinandersetzung mit der Partei zu kurz greift, wenn man sich nicht auch mit ihren Wählern und der Geschichte der letzten 35 Jahre beschäftigt. In seiner „Alles muss raus!“-Kolumne zur medialen Restmülltrennung hat er sich außerdem unter dem Titel „Besser mal drüber schlafen“ mit einem Polizeibesuch beim Welt-Kolumnisten Norbert Bolz beschäftigt, nachdem sogar die Taz meinte, Nazi-Parolen gehörten zur Meinungsfreiheit. Und in der aktuellen Jungle World findet sich – momentan noch hinter der Bezahlschranke – Liskes bereits im letzten Newsletter angekündigter Text über die unheilvollen Auswirkungen des Internets (Spoiler: Wir sind alle verloren!). Demnächst gibt es dann an gleicher Stelle noch einen Beitrag zur leidigen Wehrpflicht- und Aufrüstungsdebatte von ihm zu lesen. Die beiden verlinken wir euch dann im neuen Jahr.

Nun aber erst mal die anstehenden …

TERMINE 

Fr. 28.11. – 19:00 Uhr

Gegen den Wind atmen

Manja Präkels liest frische Texte, Benjamin Hiesinger spielt Kontrabass

Schreina47

Schreinerstr. 47

Berlin-Friedrichshain

Sa. 29.11. – 15:30 Uhr

Literatur heute: Kann das weg?

Podiumsdiskussion mit Manja Präkels, Helge Malchow, Kristof Magnusson, Khue Pham, Insa Wilke

(im Rahmen des PEN Berlin-Kongresses 2025)

Säälchen

Holzmarktstr. 25

Berlin-Mitte

Do. 04.12. – 19:30 Uhr

Gegen den Wind atmen

Manja Präkels liest frische Texte

Koeppenhaus

Bahnhofstr. 4/5

Greifswald

Sa. 06.12. – 16:00 Uhr

„Das seid ihr Hunde wert!“

Literarisch-musikalischer Nachmittag für Erich Mühsam mit Markus Liske, Manja Präkels & DER SINGENDE TRESEN

St.-Thomas-Kirche

Tribsees

Vorpommern

Di. 09.12. – Zeit: N.N.

Gegen den Wind atmen

Manja Präkels liest frische Texte

Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten
Im Kloster 4
Ribnitz-Damgarten

Do. 11.12. – 19:30

Extremwetterlagen – Reportagen aus einem neuen Deutschland

Lesung mit Manja Präkels, Alexander Leistner, Tina Pruschmann & Barbara Thériault 

Heinrich-Heine-Haus

Am Ochsenmarkt 1a
Lüneburg

Fr. 19.12. – 19:00

BERLIN-PREMIERE!

Extremwetterlagen – Reportagen aus einem neuen Deutschland

Lesung mit Manja Präkels, Alexander Leistner, Tina Pruschmann & Barbara Thériault 

Taz-Kantine

Friesdrichstr. 21

Kreuzberg

Und das war’s dann auch mit uns in diesem Jahr. Beruflich wenigstens. Am Tag nach der letzten Lesung satteln auch wir unsere Rentiere, reiten zum nächsten Glühweinstand und von dort gleich weiter ins Winterloch. Darin ist es zwar etwas kühler und dunkler als im Sommerloch, aber gewöhnlich ebenso nachrichtenarm.

Solltet ihr noch Weihnachtgeschenke brauchen (na klar, wir schenken uns doch alle nichts, harhar), schaut einfach mal in unserem Online-Shop vorbei. Falls ihr aber etwas ganz Besonderes sucht, dann schreibt uns eine Mail. Der Verbrecher Verlag hat nämlich kürzlich in seinen Archiven ein paar Exemplare unseres schon lange vergriffenen Bandes „Vorsicht Volk!“ gefunden, der erschreckenderweise nichts an Aktualität eingebüßt hat, wie wir feststellen konnten. Für schlappe 20 Euro könnt ihr eines davon erwerben – auf Wunsch auch signiert. Aber ihr müsst schnell sein, es sind nur noch sechs übrig!

Macht’s jut, bleibt solidarisch & feiert schön!

Eure Weihnachtswichtel in der

Gedankenmanufaktur WORT & TON