Liebe Freunde von WORT & TON,
gerne würden wir euch zu Beginn unseres ersten Newsletters für 2026 erst mal ein frohes neues Jahr wünschen, aber beim Blick auf die Nachrichten der letzten Woche könnte man das als Zynismus missverstehen. Jedenfalls gehen wir nach einer ersten schnellen Zielgruppenanalyse davon aus, dass dieses Jahr wohl nur Apokalyptiker und Fans von grotesken Splatter-Filmen froh stimmen dürfte.
Den Aufschlag für 2026 machte Donald Trump, der … nee, stimmt nicht. Diese Nachricht kam erst kurz vor acht Uhr am 3. Januar. Knapp zwei Stunden vorher schon verbreitete sich die Meldung über einen massiven Blackout im Südwesten Berlins aufgrund einer mutmaßlich linksextremen Sabotageaktion. Der Early Bird-Award allerdings geht diesmal an die Bücherschreiberin Juli Zeh, die noch im alten Jahr, nämlich am 27.12., per Taz-Interview erläuterte, warum man keine Angst vor der immer wahrscheinlicher werdenden Machtübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im kommenden Herbst haben muss.
Ihre diesbezüglichen Überlegungen lassen sich grob so zusammenfassen: Weil die Leute in ihrem brandenburgischen Dorf zuletzt zwar mit 54 Prozent AfD gewählt haben, aber ansonsten total nett sind, Frau Zeh freundlich grüßen und ihr auch mal ein Ei oder etwas Zucker borgen, können das eigentlich gar keine Rechtsextremen sein. Denn Nazis – das weiß man ja – sprechen alle wahlweise wie Hitler oder Goebbels und bringen den lieben langen Tag nur Leute um. Keinesfalls pflegen sie ihren Garten, spielen mit den Kindern oder laden Nachbarn zum Grillabend ein. Und wenn nun die Wähler einer rechtsextremen Partei nach dieser Definition eindeutig keine Rechtsextremen sind, dann braucht es gegen diese Partei natürlich weder Brandmauer noch Verbotsverfahren. Dann kann man die ruhig auch mal regieren lassen und ihnen Zugang zu allen Informationen gewähren, die den AfD-Fördervereinsvorsitzenden Wladimir Putin interessieren.
Diese Argumentation fand erstaunlicherweise nicht jeder überzeugend, weshalb erst mal ein veritabler Shitstorm gegen Juli Zeh durch die sozialen Medien tobte. Uns dagegen war es schon immer einigermaßen gleichgültig, was Frau Zeh so denkt. Wir fragen uns eher, was die Medien dazu bringt, uns am laufenden Band mit dem Meinungsdurchfall irgendwelcher Promis zu kujonieren, statt Leute zu Wort kommen zu lassen, die sich mit dem entsprechenden Thema ernsthaft befassen. War es nicht schon schlimm genug, Fernsehdarsteller wie Jan Josef Liefers oder Rasensportler wie Joshua Kimmich zu Pandemieschutzmaßnahmen zu befragen? Was kommt als Nächstes? Boris Becker als Finanzmarktkommentator? Phillip Amthor über Jugendkultur? Nein, ein Haus im Berliner Umland macht einen so wenig zur Sachverständigen für Ostdeutschland, wie einen Steuerhinterziehung und Insolvenzbetrug zum Wirtschafts- oder ein vergleichsweise geringes Lebensalter zum Popmusik-Experten befähigt.
Egal. Nach einer Woche waren die BSW-Positionen des SPD-Mitglieds Zeh zum Glück schon wieder vergessen. Dafür sorgte eine Gruppe selbsternannter Vulkanier, die auf die – vielleicht nicht zwingend logische – Idee kam, rund hunderttausend Berliner bei scharfen Minusgraden von Strom und Heizung abzuschneiden, könne man als „gemeinwohlorientierte Aktion“ labeln. Und weil „Gemeinwohl“ in zunehmend wirtschaftslibertären Rechtsruckzeiten wie diesen längst als linker Kampfbegriff entlarvt ist, war allen sofort klar, dass es sich bei den Tätern um Linke handeln musste. Außer natürlich anderen Linken, die mit dieser menschenverachtenden Aktion verständlicherweise nichts zu tun haben wollten und daher – teils durchaus schlüssig – darauf verwiesen, dass verschiedene Schreibfehler im Bekennerschreiben den Verdacht nahelegen, es könne ursprünglich auf Russisch verfasst worden sein. Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Schließlich gibt es hierzulande bekanntlich genug depperte Linksradikale, die sich gern zu Erfüllungsgehilfen faschistoider Machthaber machen lassen. Ob Hamas oder Putin, egal.
Nur ein randständiges Problem? Im Bundesvorstand jener Partei, die sich „Die Linke“ nennt, geht man offenbar nicht davon aus, weshalb man allerlei unschöne Verrenkungen auf sich nimmt, um auch derlei „Linke“ bloß nicht zu verprellen. Aktuellstes Beispiel: der Brandanschlag auf den brandenburgischen Antisemitismusbeauftragten Andreas Büttner und seine Familie. Obwohl Büttner selbst Mitglied der Linkspartei ist, dauerte es mehrere Tage, bis sich die Parteivorstände Jan van Aken und Ines Schwerdner überhaupt öffentlich dazu äußerten – mit einem Schreiben, indem sie meinten, es sei nötig, zugleich Verständnis für die „Wut über Kriegsverbrechen“ (nämlich Israels) zu artikulieren und damit den Anschlag auf einen Antisemitismusbeauftragten zu einer übertriebenen Form von „Israelkritik“ zu verniedlichen.
Aber wir greifen vor. Der Anschlag auf Büttner fand erst am frühen Morgen des 4. Januar statt. Vorher schon hatte der eingangs erwähnte Donald Trump den Befehl für einen Militäreinsatz gegen die venezolanische Hauptstadt Caracas gegeben, um auf diese Weise Präsident Maduro zu entführen. Nun wird man, sofern man halbwegs bei Sinnen ist, Venezuelas üblem Diktator bestimmt keine Träne nachweinen. Aber im Gegensatz zu unseren Vulkaniern, versuchte der frischgebackene FIFA-Friedenspreisträger Trump gar nicht erst, diesen Angriff als „gemeinwohlorientierte Aktion“ zu verkaufen, sondern stellte deutlich klar, dass es ihm dabei einzig und allein ums venezolanische Öl ging. Wäre es anders gewesen, hätte man vielleicht positiv argumentieren können, dass hier die universellen Menschenrechte (in diesem Fall der Venezolaner) über das Völkerrecht gestellt worden seien. Nach internationalem Recht illegal aber wäre der Angriff auch unter diesem Vorzeichen gewesen. Etwas anders verhielte es sich eventuell bei einem – im Sinne der Menschrechte durchaus wünschenswerten – Regime Change-Versuch im Iran. Da könnte man zumindest argumentieren, dass das Land über seine Unterstützung für Terrorgruppen wie Hisbollah oder Hamas seinerseits bereits aktiv Krieg gegen Israel führt. Das wäre dann tatsächlich eine komplexe Erörterung.
Im Falle Venezuelas allerdings ist „komplex“ (Merz, Wadephul et al.) höchstens die Frage, wie man als deutsche Regierung darauf reagieren sollte, wenn so ein Völkerrechtsbruch von einem in anderen Zusammenhängen dringend benötigten Bündnispartner begangen wird. Juristisch indes ist der Fall eindeutig. Umso bizarrer, dass die Mär einer angeblichen Komplexität der rechtlichen Einordnung von vielen großen Zeitungen hierzulande erst mal brav weiterverbreitet wurde. Dem autokratisch agierenden Horror-Clown im Weißen Haus wird diese wachsende Bereitschaft von Politik und Medien, seine innen- und außenpolitischen Verbrechen in vorauseilendem Gehorsam zu relativieren, zweifellos gefallen – den Grönländern und all jenen, die sich ihm inzwischen im eigenen Land entgegenstellen, wahrscheinlich weniger. Aber was hilft’s? Spoiler für 2026: Innenpolitisch wird Renee Nicole Good gewiss nicht das letzte unschuldige Opfer der marodierenden ICE-Mörderbande gewesen sein. Außenpolitisch werden die USA Grönland annektieren, und die EU-Staaten werden nichts dagegen tun.
Wenden wir uns mit dieser traurigen Gewissheit nun schaudernd wieder von der großen Weltpolitik ab und hiesigen Extremwetterlagen zu. Gemeint ist damit nicht etwa dieses perfide Sturmtief Elli, das kürzlich entgegen aller Katastrophenwarnungen Berlin dann doch verschonte, obwohl unser Regierender Bürgermeister Kai Wegner wahrscheinlich extra ein paar Tennis-Verabredungen abgesagt hatte, um seinen beim Blackout verpassten „Gummistiefel-Moment“ nachzuholen. Nein, gemeint ist die rasant fortschreitende rechtsextreme Landnahme insbesondere in Ostdeutschland.
Davon handelt, wie ihr wisst, das Buch „Extremwetterlagen. Reportagen aus einem neuen Deutschland“ (Verbrecher Verlag), das im Dezember von Alexander Leistner, Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault in der Taz-Kantine vorgestellt wurde. Einen Mitschnitt dieser sehr guten Veranstaltung könnt ihr euch hier ansehen. Außerdem hat Manja Präkels sich für das „Wörterbuch der Gegenwart“ von Deutschlandfunk Kultur mit einem der Kernbegriffe der Rechten hierzulande beschäftigt: „Abschieben“. Den Beitrag könnt ihr hier hören. Und in der kommenden Ausgabe von Der Freitag gibt es auch noch ein Interview mit ihr zur Causa Juli Zeh und der aktuellen Lage im ländlichen Ostdeutschland zu lesen.
„Ostdeutsche Identität“ – das ist bekanntlich eines dieser Themen, bei dem sich Rechte und vermeintlich Linke so gern gemütlich zusammensetzen wie alte Damen zum Kaffeeklatsch. Geradezu exemplarisch abgebildet findet man diese Querfront-Melange zum Beispiel in der Redaktion, der vom Ex-Stasi-IM Holger Friedrich geplanten „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Das könnt ihr in Markus Liskes jüngster Jungle World-Kolumne unter dem Titel „Identitätsbewirtschaftung Ost“ nachlesen. Außerdem schrieb Liske dort in „Verteidigung des kleineren Übels“ über das leidige Aufrüstungs- und Wehpflichtthema. Und auch sein eventuell leicht kulturpessimistisch geratener Artikel „Dosenfleisch fürs Hirn“ über das allgegenwärtige Internet (und was es mit uns macht) hat sich inzwischen unter der Bezahlschranke hervorgewunden.
DER SINGENDE TRESEN diskutiert dieweil darüber, wie der 25. Geburtstag der Band in diesem Jahr zu begehen sei. Denn tatsächlich: Im Sommer ist es ein Vierteljahrhundert her, dass Manja Präkels in Begleitung von nur zwei Musikern und noch ohne Bandnamen beim allerersten Erich Mühsam Fest im Fort Hahneberg die Bühne enterte, um das „Lied von der entwendeten Jugend“ anzustimmen! Dass das gefeiert werden muss, ist klar, und ihr könnt euch auf jeden Fall auf grandiose „Best of“-Konzerte freuen. Aber was sonst noch? Ein Best of-Livealbum vielleicht, mit neu interpretierten Klassikern der Bandgeschichte? Oder ein ganz neues Album? Oder beides? Ihr dürft gespannt sein!
Aktuell wird bei uns aber erst mal im stillen Kämmerchen produziert – nicht nur neue Songs, auch neue Texte und Bücher von Manja Präkels und Markus Liske befinden sich in Entstehung. Daher gibt es diesmal nur wenige …
TERMINE
Fr. 23. Januar – 18 Uhr
Manja Präkels liest „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“
Bücherei Neuhaus
Am Markt 5
Amt Neuhaus
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Mi. 11. Februar – 19 Uhr
Manja Präkels liest „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“
Stadtbibliothek Mühlhausen
St. Jakobi 1
Mühlhausen
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Do. 26. Februar – 18 Uhr
„Extremwetterlagen“ mit: Alexander Leistner, Tina Pruschmann und Marko Martin
Zentrum Liberale Moderne
Reinhardtstraße 15
10117 Berlin
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Damit genug für heute. Wir hoffen, das Jahr 2026 ist wenigstens auf persönlicher Ebene gut zu euch. Was alle anderen Fragen betrifft: Lasst euch von all den Wahrheitsverdrehern nicht kirre machen! Die Meinung von Prominenten zu welchem Thema auch immer, ist nicht mehr wert als das, was andere Leute so meinen, und wenn Saboteure kritischer Infrastrukturen sich für links halten, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht im Auftrag Putins agieren. Ein nächtlicher Brandanschlag auf schlafende Menschen ist auch keine bloße Überreaktion politischer Aktivisten, sondern ein Mordversuch. Und nur weil ein Machthaber so stark ist, dass man ihm militärisch nichts entgegensetzen kann, setzt ihn das nicht ins Recht. Man muss auch nicht so tun, als wäre sein Ansinnen „verständlich“, „nachvollziehbar“ oder irgendwie auch egal. Es sei denn natürlich, man ist Jens Spahn. Aber wer von uns ist das schon?
Eure Grönländer des Herzens in der