Schritt für Schritt ins Paradies

    Posted by on Mrz 20, 2013

    Manja Präkels

    Eigentumsbestien oder: Meyer muß zurück  

    Wie still es sein kann mitten in Berlin. Im Hinterhof beleuchteten Kerzen die Eisblumen in den Fenstern. Der Schnee auf den Dächern war schon alt und zu Klumpen gefroren, gab aber so, in den müden Mondschein getaucht, immer noch ein hübsches Bild ab. Wie berauscht schaute ich hinaus, in froher Erwartung, KÜ möge bald auftauchen. Geradewegs angeflogen kommen, wie die Blaumeise auf dem Friedhof neulich, die sich auf meine halb erhobene Zigarettenhand gesetzt hatte. Einfach so. Es würde unser erster Winter Tür an Tür werden. Wir hatten beschlossen, uns das größte Zimmer der beiden nebeneinander liegenden Wohnungen als Bücherort, an dem man beisammen sitzt und redet, raucht, trinkt, liest oder auch ein Mittagsschläfchen hält, zu teilen.

    Das plötzliche, viel zu laute Klopfen war vollkommen unpassend und hätte mich warnen sollen, aber ach! Die liebe Liebe macht das Hirn weich und geschmeidig. Selig schwebte ich in meinen Hausschuhen den Flur entlang um ihm „Willkommen!“ seufzend Tür und Tor zu öffnen. Doch draußen stand der blutige Ernst des Lebens. Vier dunkle Gestalten krachten, polterten, drängten direkt in unsere Bude hinein. Schockstarr verharrte ich in der geöffneten Tür und sah dabei zu, wie sie mich beiseite schoben. Einfach so. Die Tür wieder zuschlagen? Zu spät. Ich ließ sie ein, in die Wohnung, den Flur, das Bücherzimmer und trottete mit hängenden Schultern hinterher. Der Trupp umzingelte mich, stilecht in schwarze Lederjacken gekleidet, der Größte von ihnen, eine stattliche Erscheinung mit schütterem, halblangem Haar, redete auf mich ein. Seine Lippen waren dunkelblau verfärbt. Wahrscheinlich hatten sie sich auf diesen Überfall mit ein paar Litern Rotwein und lautem „A las barricadas“-Absingen vorbereitet. Fahnen voran. „Du hast uns keine Wahl gelassen.“ Die Anarchisten von der Bibliothek der Freien hatten mich in meiner eigenen Wohnung umzingelt. Ich stand mit dem Rücken zur Bücherwand, breitete die Arme aus, als könne ich so irgendwas verhindern: „Leute, Genossen…“ Ihre Hände griffen kenntnisreich nach Greil Marcus, Erich Mühsam, B. Traven, nach seltenen, gut erhaltenen Exemplaren. Ihre zum Kampf entschlossenen Blicke wanderten kreuz und quer durch die Reihen, „Aha!“ riefen sie und „Soso!“. Der Anführer starrte mich betont bedrohlich an: „Wo ist er? Wo ist Carl Einstein!“ Ich traute mich nicht, wahrheitsgemäß zu antworten (zuletzt trieb er tot durch die Pyrenäen), denn das Ganze war ja ernst gemeint, eine direkte Aktion. Diese vier Genossen hatten all ihren revolutionären Mut zusammen genommen, um mir, der vermeintlichen Bücherdiebin (“Eigentumsbestie!”), entschlossen die Grenzen meines schändlichen Tuns aufzuzeigen. Alle Versuche, das Mißverständnis aufzuklären, waren über die Jahre hinweg an ebenjener Entschlossenheit gescheitert und vielleicht auch am Rotwein-Rausch, der sich prima eignet, Bedenken aller Art temporär auszuschalten. „Ich hab euch sowohl schriftlich als auch mündlich …“, versuchte ich es ein allerletztes Mal, während sechs Hände durch unsere Buchreihen grabbelten. Ein stiller Mann mit Magenproblemen versperrte die Tür, meinen Fluchtweg und ließ mich nicht aus den Augen. Was KÜ wohl dazu sagen würde? Entsetzt mußte ich mir meine Hilflosigkeit zugestehen und ertappte mich bei dem dringlichen Wunsch, er, mein Gefährte, möge endlich erscheinen. Immerhin wären DIE dann nur noch doppelt so viele. Welch tröstlicher Gedanke. „Ihr habt zweihundert Mark bekommen, verdammt!“ Und mit einem Anflug von Mut: “Davor hatte ich euch schon zwei Ausgleichsexemplare vorbei gebracht. Was wollt ihr denn noch?“ Schweigend nahmen sie mich – wie ein Wolfsrudel das Einzelschaf in seinem Stall – in die Zange. „Wo isssst der Einsssstein?“ fragte der Hüne mit erhobenem Zeigefinger, seinen Weinodem verschlug mir erneut die Sprache. In dem Moment war die einzige weibliche Person des Rollkommandos fündig geworden. „Ha!“ Triumphierend hielt sie ein von mir heiß geliebtes Exemplar in den Händen. „Nein, nicht die Fabrikation der Fiktionen“, schrie ich. Wutenetbrannt trat ich ihnen nun entgegen, während etwas aus mir heraus plapperte und plapperte und plapperte. Dabei breitete ich die Arme aus, so, als könne ich das engagierte Personal der Bibliothek der Freien einfach wieder aus der Wohnung herausschieben. Der stille Mann brach als erster ein. Sein Magen. Ein langer, flatternder Furz erfüllte den Korridor. Das folgende, laute Klacken der Klinke war das Signal. Abmarsch. Fahnen voran. Als ich die Tür schloß, hatten sie die Luft verpestet und zwei Bücher erbeutet. Sterben des Komis Meyers, das ich einstmals ausgeliehen, dann verborgt, vergeblich gesucht, schließlich ersetzt, zusätzlich bezahlt und beim Umzug wiedergefunden hatte und Tresenlieder, mein eigenes. Signiert. Der Rest verschwimmt in Peinlichkeit.

    Nur wenige Jahre zuvor, die DDR versank gerade in der Hölle der Volkstümlichkeit, war ich wie eine Kriegerin durch untergehende Industrie-Landschaften geschlichen, hatte mich geschmeidig im losen Dickicht märkischer Kleinstädte bewegt, alle Nebenstraßen, die Hinterhöfe und illegalen Ausschankstuben gekannt. Rasierte Schläfen und gefärbte Haare trug ich so, wie die Schwebefliege ihre gelben Streifen zur Schau stellt – zur Tarnung: Seht her, ich bin gefährlich! Diese kleinen, wespenähnlichen Fliegen können schwebend in der Luft verharren. Irgendwas in der Art tat auch ich. Doch ich ahnte höchstens, wie das geht, Fliegen. Ein utopischer Restbetrag war da noch, dessen vergewisserte ich mich in stillen Nächten in meinem Kinderzimmer auf dem Boden sitzend, indem ich heimlich lose Blätter mit Gedichten vollkritzelte. Es ging mir hundsmiserabel, ich war weltanschaulich am Punkt Null angelangt. Doch die Buchstaben auf dem Papier zeugten von einer gewissen Wehrhaftigkeit. Ein selbst gedachter Satz ist nicht Nichts. Oder? Ein Reim, ein Gedicht…

    Da mußte es doch noch irgendwas geben. Nur was? Hatten nicht die dickköpfigen Bäuerinnen und Bauern ringsum endgültig verloren? Und warum schlug mein Herz für sie, für wen schlug es sonst noch und warum? Fragen und Zweifel aller Arten quälten mein jugendliches Hirn. Ich hatte marschieren gelernt, Schnauze halten, Gehorsam, wußte was Pflicht ist und hatte ein gutes Gespür für Grenzen aller Art entwickelt. Die Freiheit, von der plötzlich alle sprachen, war mir fremd, jedenfalls die, die ich sah, wenn sie Kinder über Botschaftszäune schmissen. Freiheit, das war der erste Schnee, der auf der Nasenspitze schmilzt und scheißegal, was die anderen sagen. Und sonst? Na ausziehen, eigenes Geld verdienen, suchend durch die Gegend ziehen. Aber noch standen mir zwei Jahre Erziehungshaft auf dem flachen Land bevor. Die zu überstehen blieben nur zwei Möglichkeiten: Vollrausch oder Laufen. Ich lief, erst im Kreis durch die kleine Stadt, Runde um Runde, dann querfeldein über Höfe und Zäune bis die Sonne unterging. Meine Schritte hallten mir auf den menschenleeren Straßen nach, erzeugten einen eigenen Rythmus gegen das Flimmern der Fernsehapparate, das aus allen Stuben durch die Hirne ins Freie drang. Ich dehnte meine Kreise weiter aus, verließ den Ort, durchquerte Rübenfelder, hielt meinem Blick am leeren Horizont fest. Ich lief zur – mit 95,4 Metern überm Meeresspiegel – höchsten Erhebung der Gegend, bestieg den Timpen, einen Bismarck-Turm vom Typ „Götterdämmerung“ und starrte nach Süden, wo bei guter Sicht die Spitze des Berliner Fernsehturms zu erkennen war. Irgendwo dort wäre mir frei, dachte ich und lief weiter.

    Bei schlechtem Wetter entdeckte ich das Vergnügen des Zwiegesprächs mit Toten, deren Worte und Anschauungen geduldig zwischen Buchdeckeln auf mich warteten. Dostojewski füllte die Leere aus, die sich nach dem Kontaktverlust zur ruhmreichen Roten Armee ergeben hatte. Er weckte zeitgleich ein Faible für Biografisches. Es war also möglich, ein zaristisches Erschießungskommando zu überleben, spielsüchtig in Wiesbaden zu landen UND Weltliteratur zu schreiben. Ich war begeistert. Mit Kafka durchlief ich eine intensive Phase körperlicher Askese und lernte, daß ein Mensch bei zwei geknabberten Äpfeln pro Tag nicht verhungert. Daß ich konstitutionsbedingt vom Sportunterricht befreit werden mußte, erwies sich als fantastischer Nebeneffekt. Nietzsche wiederum verhalf mir zu aufschlußreichen Betrachtungen meines Elternhauses. Ich sägte die Beine des Jugendbettes ab und als mir auch das noch zu bequem erschien, lernte ich, auf dem Fußboden zu schlafen. Ich durchstieß meine Ohrläppchen mit heißen Nadeln, kaufte mir ein gebrauchtes Doppelkassettendeck, entdeckte die Faszination monotoner Industrial-Beats und verliebte mich beim ersten Hören in Poly Styrene, die gradiose Sängerin der wirklich besten Punkband der Welt X-Ray-Spex. Weiterhin zog ich meine Runden, allein, um nachher die ganze Nacht einsam zu heulen.

    Eines Morgens traf ich auf dem Weg zur Schule einen eigenartigen Zausel, nicht ahnend, daß er nur das örtliche Exemplar eines ganzen Zausel-Universums war. Er war eigentlich Gärtner und äußerst gesprächig, was für Brandenburger mehr als ungewöhnlich ist. Er stand vor einem A-Laden, wie er das Kabuff mit den überquellenden Bücherreihen bezeichnete. Eine Art Raumschiff, dessen Existenz mich bis heute verblüfft. Wir setzten uns auf die Eingangststufen, rauchten und redeten. Zum Abschied gab er mir drei Bücher mit auf den Weg. „Ich bin hier jeden Donnerstag.“ Die Welt um mich herum ertrank in Waren aller Arten, schon priesen sich die Menschen selbst als Waren an, ich aber staunte und entdeckte Johann Most‘s Eigentumsbestie. Die Tagebücher Erich Mühsams offenbarten soviel widerständige Kraft, Lebensmut und Menschlichkeit, daß er wie der Freund zu mir sprach, den ich immer vermisst hatte. Bebuquin von Carl Einstein hingegen verstörte mich so, daß ich monatelang keine Zeile mehr schreiben konnte. Meine eigene Begrenztheit würde mir solange auf den Magen schlagen, wie ich bliebe. Das war klar. Woche für Woche traf ich den Gärtner im A-Laden, fand in ihm einen Zuhörer, stritt, soff, liebte, lief und zählte die Tage. Wie frei waren meine Gedanken?

    Steckte mir nicht eine gründliche – wenn auch unabgeschlossene – Dressur in den Knochen? Sicher. Aber war sie es nicht letztlich, auf die ich mich nun verlassen konnte? Das Selbst, was sollte das sein unter den gegebenen Umständen? Eine staatlich anerkannte Idiotin, fleißige Bürobiene, kritische Journalistin? Warum traute ich mir meine eigenen Träume nicht zu? Der Gärtner lachte viel über mich, das verwirrte Mädchen aus „ordentlichen Verhältnissen“, wie er spöttisch bemerkte.

    „Du mußt dich mehr mit Leuten in deinem Alter unterhalten.“

    „In meinem Alter sind‘se Streber oder Nazi. Oder die Tussi vom Nazi.“

    „Dann lieber Nazi.“ Er lachte.

    Am letzten Schultag zog ich mir eine Hasskappe über und borgte das Spielzeug-Maschinengewehr meines kleinen Bruders aus. Die üblichen Späße meidend, stellte ich mich an den Hintereingang, wo sie Salvador Allende, den ehemaligen Namenspatron der Schule, ins Gebüsch entsorgt hatten. Nie wieder Schulhof. Ich trank ein paar Tequila auf meinen verstorbenen Astronomielehrer, stieg in den Trabi und fuhr singend davon. Es war vorbei. Als ich an einem Donnerstag die Stadt verließ, vergaß ich nicht, mich von meinem Freund, dem Gärtner, zu verabschieden. Er hatte mir ein Bild Emma Goldmans ausgeschnitten. „Du wirst mich vergessen.“ Ich gab ihm einen Kuß und den Schatz aus Büchern zurück.

     Ostberlin. Westberlin. Enthusiastisch stürzte ich mich in die Parallelwelten der Berliner Anarchoszene, lernte die verschiedenen Treffpunkte kennen, vertiefte mich in Gespräche mit ergrauten Zauseln und wilden Aktivistinnen. Auf der Suche nach inneren und äußeren Grenzüberschreitungen begegneten mir völlig unbekannte Wesen und Lebensformen. Wo kamen nur all diese Typen her?

    weiterlesen in:                                     Anthologie

    • Broschiert: 250 Seiten
    • Verlag: Kramer (26. Februar 2013)
    • Sprache: Deutsch
    • ISBN-10: 3879563748

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