WORT & TON im September/Oktober 2020

    Posted by on Sep 5, 2020

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    wirklich, auch wir sind es langsam leid, dieses Coronaleugner-Dauerthema. Aber was soll man machen, wenn es einem unentwegt quasi vor die Haustür getragen wird? Zuletzt war das am letzten Augustwochenende wieder der Fall. Aus gänzlich pandemiefernen Gründen (Erwerb eines guten Whiskys) waren wir am Samstag in unserer, nämlich der Friedrichstraße unterwegs und fanden uns (durchaus erwartungsgemäß) bald von dichten Trauben maskenlos krakeelender Angehöriger der Gattung Homo bzw. Mensch umringt. Inwiefern diese auch der Art Homo sapiens („weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“) zuzuordnen waren, darüber mögen andere spekulieren. Und genau das taten sie dann in der vergangenen Woche auch zur Genüge. In allen großen Zeitungen waren abwägende Reportagen und Kommentare zu lesen, deren Autoren in der Masse der Demonstrierenden viele „ganz normale Menschen“ gesichtet haben wollten, ja sogar Angehörige des „links-alternativen“ Spektrums. Nazis? Klar, die seien schon auch dabei gewesen, hätten die friedliche Demonstration „unterwandert“ oder „gekapert“. Aber dennoch müsse man „die Sorgen der Menschen“ (nämlich der „ganz normalen“) schon auch ernstnehmen.

    Man kennt dieses Muster schon von den „besorgten Bürgern“, die im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise unter Reichskriegsflaggen auf die Straße gingen, „Ausländer raus!“ brüllten und Pegida und die AfD stark machten. Die durfte man ja auch nicht mit jenen aus ihrer Mitte gleichsetzen, die parallel Flüchtlingsunterkünfte anzündeten und bewaffnete Netzwerke gründeten. Denn die Masse dieses selbsternannten „Volks“, so war damals vielfach zu lesen, sei schließlich gutbürgerlich und ihr vielstimmiges  „Lasst sie doch im Mittelmeer ersaufen!“ nur eine von eigenen Abstiegsängsten genährte Überreaktion („Die beißen nicht, die wollen nur spielen!“) Ja, manch linker Politiker wollte in diesem rassistischen Mob gar die einstige proletarische Kernklientel erkennen, um die sich die Partei einfach nicht genug gekümmert habe, weswegen es nun dringend geboten sei, die Linke endlich mit Nationalismus und Rassismus zu versöhnen.

    Aber wie sah es nun am 29. August tatsächlich an der Friedrichstraße aus? Zunächst einmal dies: Rund um den gleichnamigen Bahnhof befand sich an diesem Tag genau jener Demo-Hotspot, auf den sich all jene gern berufen, die von „normalen Menschen“ fabulieren. Die organisierten Rechstextremen um Compact-Chef Jürgen Elsässer und Identitären-Sprecher Martin Sellner sowie die verschiedenen Reichsbürgerfürsten hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrheitlich am Pariser Platz und Unter den Linden versammelt. Was wir nun dort auf der Friedrichstraße sahen, waren wirklich nur zwei oder drei Reichskriegsflaggen, dafür einige im Regenbogenmuster oder mit Friedenstaube und vor allem: zahllose Deutschlandfahnen. Letztere allerdings waren häufig mit dem Q der QAnon-Verschwörungsideologie versehen, nach der es eine kinderblutsaufende geheime Weltelite geben soll. Selbiges verkündeten zahlreiche Schilder und Transparente der hier versammelten „normalen Menschen“. Man konnte natürlich auch lesen, dass Bill Gates uns alle chippen und versklaven wolle, dass das 5G-Netz auf unserer Hirnfrequenz funke, der Klimawandel eine Lüge sei, das Virus gar nicht existiere und die „Merkel-Dikatur“ die „Umvolkung“ plane. Außerdem gab es Impfgegner- und „Mutter Natur“-Plakate, solche die Wladimir Putin anflehten, dem unterdrückten deutschen Volk zu helfen, und faszinierend viele Sprüche, die sich positiv auf Donald Trump bezogen – jenen amerikanischen Präsidenten also, der gerade öffentlich zum Wahlbetrug aufgefordert und einen rassistischen Doppelmörder verteidigt hat.

    All diese absurden Forderungen und Hirngepinste (von denen die wenigstens auch nur ansatzweise mit der konkreten Corona-Politik der Regierung zu tun hatten) fanden sich in der Menge der „normalen Menschen“ friedlich miteinander vereint, sodass man den Eindruck bekam, hier könne nahezu alles widerspruchsfrei postuliert werden, Hauptsache ohne Maske und Abstand. Nicht bestätigen können wir, dass es sich bei den Protestierenden altersmäßig um einen Querschnitt der Gesellschaft gehandelt habe. Soweit wir erkennen konnten, handelte es sich fast ausschließlich um Leute zwischen 30 und Mitte 50 – also Zugehörige einer weitgehend arrivierten Altersgruppe, in der bekanntlich das Gefühl, den „gesunden Menschenverstand“ zu personifizieren besonders weit verbreitet ist. Man hat sich etwas aufgebaut, ein paar Kinder gezeugt und weiß deshalb, was Sache ist. Man ist der beste Fußballtrainer, die beste Mutter oder der beste Vater und hat als einzige/r im Büro verstanden, warum der Laden nicht so gut läuft, wie er laufen könnte. Dummerweise hört trotzdem niemand auf einen, der Karriereweg ist nicht so steil, wie er sein müsste, Haus und Auto sind zwar groß, aber kleiner als man es verdient, und weder Jogi Löw noch Angela Merkel rufen an, um einen nach der Meinung zu fragen. Die Frauen gefielen sich mehrheitlich blondiert oder schwarzgefärbt mit neckischer roter Strähne, die Männer mit Berlin-T-Shirt, Bierbüchse und jener Stoppelfrisur, die seit den Neunziger auch vielen Nicht-Nazis als besonders maskulin gilt.

    Wer in diesem Auflauf nun einen Querschnitt oder gar die Mitte der Gesellschaft sehen möchte, der sei hiermit darauf hingewiesen, dass nach aktuellen Erhebungen rund 80 Prozent der Menschen sich an die Corona-Regeln halten, dass auf der Demo praktisch keine andere Hautfarbe als mehlkartoffelweiß zu sehen war und auch alte oder jugendliche Menschen nur punktuell beteiligt waren. Und um in den hier und da vor sich hin trommelnden Rasta- und Esoterikhippies, die zu germanischen Göttern beten und bei Mondschein Plazenta im Acker vergraben, Vertreter der „links-alternativen“ Szene erkennen zu können, muss man geistig schon sehr den Siebzigerjahren verhaftet geblieben sein, in denen noch jeder, der anders aussah als der Standardspießbürger, dem linken Spektrum zugeordnet wurde.

    Immerhin: Dem stets zum Faschismus strebenden „Extremismus der Mitte“ entsprachen die vielfachen Aufforderung zum Sturz der Regierung und Sturm auf den Reichstag durchaus. Auch die unverhohlenen Ankündigungen von Tribunalen und Hinrichtungen passten gut in dieses Bild. Was hingegen (anders als bei Pegida) völlig unklar blieb, war, was der konkrete gemeinsame Nenner all dieser irgendwie wegen irgendwas besorgten künftigen Scharfrichter sein soll. Irgendwas mit viel gemeinsamem Gefühl im Sinne von „Volksempfinden“ soll es wohl sein und mit einem Freiheitsbegriff ummantelt, der es zwar zulässt, dass Leute, die sich als Verteidiger des Grundgesetzes gerieren, Schulter an Schulter mit solchen demonstrieren, die das Grundgesetz abschaffen wollen, der aber zugleich jeden rationalen Widerspruch, ja, das dialektische Argumentieren selbst als Verrat am „Volkskörper“ erachtet.

    Bei so viel Gruppenkuscheln zwischen teilweise völlig gegensätzlichen irrationalen Weltbetrachtungen, ist es durchaus verständlich, dass sich manche wieder schöne tiefe Gräben wünschen. Ob nun aber die Idee, den ollen Reichstag für den Fall, dass ihn die Polizei mal wieder einem faschistischen Mob zum Sturm freigibt, mit einem Burggraben zu schützen, der Weisheit letzter Schluss ist, darf bezweifelt werden. Obwohl es sicher schneller und kostengünstiger zu machen ist, als all die Vernetzungen der Ordnungshüter mit Reichsbürgern, Nazi-Netzwerken und QAnon-Apokalyptikern zu kappen.

    Deutlich charmanter finden wir da schon den „Graben der Einheit“ (unser Titel – copyright!), mit dem die Potsdamer anlässlich der anstehenden Einheitsfeierlichkeiten an die Ereignisse im Jahr 1990 erinnern wollen. Diese Ausstellung in einem engen Stadtgraben zu platzieren, ist so wunderbar metaphorisch wie auch gänzlich unkompatibel zu Corona-Abstandsregeln, dass wir wirklich gerne mal die schicke PowerPoint-Präsentation sehen würden, mit der sich die planende Agentur den Zuschlag der Stadt ergattern konnte. Auch toll ist der Slogan dazu: „Deutschland ist eins: vieles“. Der knallt nicht nur mordsmäßig, sondern beschreibt auch ganz wunderbar die ideologische Gemengelage der Corona-Demos.

    Als wir 2015 unter dem Eindruck der Pegida-Demonstrationen unser Buch „Vorsicht Volk!“ (Verbrecher Verlag) veröffentlichten, in dem (abgesehen von QAnon) bereits alle Elemente jenes bizarren ideologischen Flickenteppichs, der nun auch die Corona-Demonstranten zusammenbringt, einzeln untersucht wurden, gaben wir ihm ursprünglich den Untertitel „Bewegungen im Wahn“. Nachdem uns jedoch mehrere Kollegen deswegen unzulässige Pathologisierung vorwarfen, beschlossen wir, dem Untertitel ein Fragezeichen anzufügen. Aus heutiger Perspektive würden wir dieses Fragezeichen wieder entfernen. Denn ohne eine psychologische Erörterung jenes Phänomens, das wir gerade zum zweiten Mal an der Friedrichstraße beobachten durften, ist es unmöglich, zu einer vernünftigen politischen Einschätzung zu gelangen. Das Buch ist zwar als physisches Artefakt leider vergriffen, aber weiterhin als E-Book erhältlich.

    Womit wir endlich auch bei unserer Arbeit angelangt wären: In nächster Zeit wird es wieder einige Auftritte von uns geben – pandemiekonform versteht sich, also als Stream oder mit entsprechendem Abstandskonzept. Konzerte mit DER SINGENDE TRESEN stehen ebenso auf dem Plan wie Lesungen von Markus Liske und Manja Präkels, sowie diverse Mixformate. Hier die kommenden …

     

    Termine

     

    So. 06. September, 15:00 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Amerika-Gedenkbibliothek

    Blücherplatz 1

    Berlin Kreuzberg

     

    So. 13. September, 18:00 Uhr

    Manja Präkels: „Kirschen mit Musik“ – szenische Lesung, begleitet von: Benjamin Hiesinger (Bass) und Thorsten Müller (Klarinette)

    Heilig-Geist-Kirche

    Kirchstr. 9

    Werder

     

    Mi. 16. September, 19:30 Uhr

    „Nie wieder nach Haus“ – Lesung & Konzert

    mit: Markus Liske, Manja Präkels & Der Singende Tresen

    Kulturprogramm zur Tagung „Angriffe auf die Demokratie“ der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt

    Live: im Mastul, Liebenwalder Str. 33, Berlin-Wedding (Voranmeldung nötig!)

    Stream: hier

     

    So. 20. September, 14:00 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Schloss Biesdorf

    Biesdorf

     

    Sa. 26. September, Uhrzeit N.N.

    Markus Liske liest aus „Glücksschweine“

    Lesung im Rahmen des Festivals „Model Berlin“, mit Eva Ruth Wemme, Holger Brüns und anderen „Verbrechern“

    St. Matthäuskirche

    Kulturforum

    Berlin-Mitte

     

    Mo. 28. September, Uhrzeit N.N.

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    EinheizStream zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit

    Klosterkeller

    Potsdam

     

    Fr. 02. Oktober, Uhrzeit N.N.

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    E-Werk

    Weimar

     

    Sa. 03. Oktober, 20:00 Uhr

    Manja Präkels: „Kirschen mit Musik“ – szenische Lesung, begleitet von: Benjamin Hiesinger (Bass) und Thorsten Müller (Klarinette)

    Anschließend: Konzert mit DER SINGENDE TRESEN

    E-Werk

    Erlangen

     

    Mehr Termine findet Ihr dann in unserem Oktober-Newsletter, vorausgesetzt, dass uns das Virus keinen Strich durch die Rechnung macht. Ansonsten drücken wir alle Daumen, dass die nächste Coronaleugner-Parade tatsächlich am Bodensee stattfinden wird, wie es derzeit heißt. Dann können wir uns hier vielleicht mal wieder anderen wichtigen Themen widmen. Denn bekanntlich liegt ja in dieser Gesellschaft vieles im Argen und – nein, das Maskentragen beim Einkaufen gehört definitiv nicht dazu. Das ist zwar ein bisschen nervig, aber es wird irgendwann auch wieder vorbei sein.

    Eure unermüdlichen Streiter für das sapiens hinterm Homo in der
    Gedankenmanufaktur WORT & TON

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