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    WORT & TON im Dezember 2020

    Posted by on Dez 8, 2020

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    noch stagnieren die Corona-Infektionszahlen bei mäßigem Anstieg, bzw. steigen bei mäßiger Stagnation (je nachdem, welchem Schönredner man folgen möchte). Noch stirbt alle 4 Minuten in Deutschland ein Mensch an (oder von uns aus halt auch „mit“) diesem Virus. Aber schon bald sollte das ja eigentlich vorbei sein. War es doch unserem bienenfleißigen Adventskrisenkabinett gelungen, mit dem Virus einen partiellen Waffenstillstand für die Feiertage auszuhandeln, der besagte, dass es in dieser Zeit zehn Personen nicht härter attackieren dürfe als vorher fünf und dass es bei massivem Schwarzpulverduft um Menschenmengen einen Bogen zu machen habe. Außerdem hatte sich das Virus verpflichtet, Gottesdienste zu meiden und in der Bahn nur auf freien Plätzen zu reisen. Nicht gelungen war es hingegen, ihm Rücksichtnahme bei Kulturveranstaltungen abzutrotzen. Es ist eben ein kultiviertes Virus, liebt Musik, Literatur und Malerei gar sehr und zeigte sich daher in diesem Bereich nicht kompromissbereit.

    Dennoch war unser Adventskrisenkabinett gar froh gewesen über dieses Verhandlungsergebnis! Das Weihnachtsgeschäft – gerettet! Die Böllerindustrie – auch! Und also torkelten die 16 glühweinseligen Rentierchen aus allen Feld-, Wald- und Wiesenprovinzen des Landes sogleich mit stolzgeschwellten Geweihen durch die Medien, um die frohe Botschaft zu verkünden, welche zusätzlichen Vereinbarungen jedes von ihnen angeblich mit dem Virus getroffen habe. Letztlich würde man eigentlich gar nichts tun müssen, außer abzuwarten und den stagnierenden Zahlen beim Steigen (oder den steigenden Zahlen beim Stagnieren) zuzusehen, bis es endlich Weihnachten würde und der ausgehandelte Waffenstillstand in Kraft träte. Einzig die Weihnachtsfrau in ihrem Kanzlerschlitten wackelte täglich resignierter mit dem naturwissenschaftlich gebildeten Kopf. Aber was hat Weihnachten schon mit Wissenschaft zu tun ..?

    So, liebe Freunde, hätte ein formidables Weihnachtsmärchen für das Jahr 2020 beginnen können. Allein, es steht zu befürchten, dass das Virus von der getroffenen Vereinbarung gar nichts weiß. Und das dämmert inzwischen auch einigen unserer 16 possierlichen Rotnasenhirsche. Leittier „Knallhart-Söder“ (BILD) prescht der kleinen Herde also standesgemäß voran und ruft mit mächtigem Brunfen den Katastrophenfall aus, damit auch alle wissen, dass die Katastrophe eine Katastrophe ist. Sein Kumpel „Sachsen-Kretsche“ will sich da nicht lumpen lassen, und gibt schnell die Vorankündigung für einen „harten Lockdown“ ab der kommenden Woche raus, damit in den Shopping-Malls von Görlitz bis Leipzig noch sechs Tage lang ein lustig Super-Spreaden sei. Andere wieder finden sechs Tage nicht genug und setzen auf die Ankündigung von Geschäftsschließungen nach den Feiertagen. Und der ewige Bummelletzte der Herde, das „müde Müllerchen“ aus Berlin, findet, er sei ja eigentlich erkenntnismäßig allen voran gewesen, weil er diese Sache mit den zehn statt fünf Personen über Weihnachten gar nicht erst mitgehen wollte. Auch hat er ja das beste Silvesterprogramm geplant, dem zufolge das Böllern überall dort verboten sein soll, wo viele Menschen rumstehen, die aber selbst entscheiden müssen, ob sie viele Menschen sind, weil so was ja in der Hauptstadt der Freiheit ohnehin nicht ernsthaft kontrolliert werden kann, soll und darf (vergleiche: Maskenpflicht und Abstandsgebot).

    Zum Glück gibt es noch Politiker, die wissen, was in diesen Zeiten wirklich wichtig ist. Reiner Haseloff und seine sachsen-anhaltinische CDU zum Beispiel. Diese Herren nämlich haben die vergangenen Wochen genutzt, um Tag und Nacht über 86 Cent zu verhandeln und so die gemeinsame Schnittmenge für künftige Koalitionen mit den Kameraden von der AfD zu stärken. Auf Bundesebene kam das in ihrer Partei allgemein nicht so gut an, nur einer fand’s supi: Friedrich Merz, dieser zwar nicht wirklich Kanzler der Herzen, dafür jedoch umschwärmtes Asche-Blödel der schwarzbraunen Haselnüsse in der Jungen Union.

    Nun könnte es selbstverständlich einigermaßen egal sein, was das politische Personal zu welchen Themen auch immer gerade so von sich gibt, wenn wir in einer funktionierenden Gesellschaft leben würden. Denn dann würde beispielsweise manch sinnvolle Pandemiemaßnahme auch ohne Weisung „von oben“ umgesetzt werden. Aber so ist es offenbar nicht. Ein Beispiel: In unserem 17-stöckigen Wohnhaus gibt es sehr viele Menschen jenseits der Siebzig, aber nur zwei winzige Fahrstühle. Die Wohnungsbaugesellschaft aber hat es seit März nicht geschafft, Zettel in die Kabinen zu hängen, die zum Maskentragen auffordern. Da braucht man gar nicht nachfragen, um zu wissen, wie die Antwort lauten würde, nämlich: „Dazu sind wir nicht verpflichtet.“ Und wozu man nicht verpflichtet ist, das tut man halt auch nicht. Das gilt für Privatpersonen ebenso wie für viele Unternehmen, die im Zeitalter von Laptop und Internet ihre Angestellten weiterhin nötigen, mit der überfüllten U-Bahn in Büros zu kommen, die in Sachen Abstandhalten nur unwesentlich pandemiekonformer sind als Gruppensexparties. So, wie die Wahrheit bekanntlich das erste Opfer des Krieges ist, ist anscheinend die Vernunft das erste Opfer der Pandemie.

    Wir hier in unserer Gedankenmanufaktur hingegen planen unser Weihnachten mit einer Personenanzahl deutlich diesseits von fünf, gehen an Silvester sowieso lieber nicht vor die Tür und bleiben auch sonst tapfer unserer selbstauferlegten Quarantäne treu – wohl wissend, dass wir diesbezüglich als Freiberufler vom Schicksal begünstigt sind. Nur selten müssen auch wir Kompromisse eingehen. Beispielsweise Manja Präkels für eine kurze Lesung im Zusammenhang mit ihrem Senatstipendium. Diesen Auftritt (und das dazugehörige Gespräch mit Knut Elstermann) im Rahmen der „Berliner Manuskripte 2020“ könnt ihr euch hier anschauen. Und die schon etwas zurückliegende Live-Diskussionsrunde mit Manja Präkels, Matthias Platzeck und Susanne Krause-Hinrichs zum Thema „30 Jahre Brandenburg“ könnt ihr jetzt noch mal bei Inforadio nachhören.

    Ansonsten halten wir uns an alles was online zu machen ist, beispielsweise Lesungen aus „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, die ihr am Mittwoch, dem 9. Dezember um 19:00 Uhr auf dem Videokanal der Kulturmanufaktur in den Gerstenberger Höfen in Frankfurt (Oder) oder am Freitag, dem 11. Dezember auf dem Videokanal des sächsischen Agenda Alternativ e.V. sehen könnt. Schon am 10. Dezember gibt es auch was von DER SINGENDE TRESEN zu hören und zu sehen, nämlich „Weihnukka“ – eine neue Erich Mühsam-Vertonung für den Solidarischen Adventskalender des Volksliederarchivs. Und Markus Liske findet ihr mit einem Kommentar zur politischen Lage in Sachsen-Anhalt in der kommenden Jungle World – wahlweise analog am Kiosk oder ein paar Tage später auf deren Website.

    Und wenn ihr noch ein schönes Weihnachstgeschenk für Kinder sucht, legen wir euch hier noch mal nachdrücklich das wunderschöne Bilderbuch „Eine Wiese für alle“ von Hans-Christian Schmidt und Andreas Német ans Herz. Mit diesem Buch unter der Schirmfrauschaft von Manja Präkels will der Klett Verlag nämlich kein Geld verdienen. Statt dessen wird der gesamte Gewinn an Initiativen in Ostdeutschland gespendet, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen. Also kauft das Buch und verschenkt es!

    Ansonsten bleibt uns nur, euch schöne Weihnachtsfeiertage in kleiner Runde zu wünschen und einen friedvollen Rutsch ins neue Jahr!

    Bleibt gesund und denkt immer daran: Es kommen auch wieder wildere Zeiten!

    Eure unbestechlichen Vernunftapostel in der
    Gedankenmanufaktur WORT & TON

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