WORT & TON im Januar/Februar

    Posted by on Jan 14, 2021

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    wir hoffen, ihr seid alle gut, voller Tatendrang und vor allem gesund ins neue Jahr gekommen! Denn dieses Jahr wird definitiv viel besser als das vergangene! Lasst euch nicht irremachen von den Nachrichten über gefährliche Virusmutationen, eine „Corona-RAF“ (Markus Söder) oder das „Impfstoff-Debakel“ (Bild). Die Wahrheit ist: 2021 wird alles wieder gut!

    Was uns da so sicher macht? Nun, wenn unser Top-Krisenmanager und beliebtester Bundesgesundheitsminister aller Zeiten (BeBugaZ) Jens Spahn mitten im Lockdown ausreichend Zeit findet, in persönlichen Telefongesprächen mit allen, die in der CDU was zu sagen haben (oder es zumindest glauben), seine Chancen auf die Kanzlerkandidatur zu sondieren, dann kann das ja nur heißen: Die Krise ist so gut wie vorbei – das Virus ist besiegt! Okay, die Inzidenzwerte scheinen dem zu widersprechen, aber das sind ja nur die Zahlen, die wir jeden Morgen zu sehen bekommen. Dank modernster Filterblasentechnologie spucken Google, Twitter und Co. für Politiker nicht nur andere Infektionszahlen aus, sondern allgemein eine ganz andere Nachrichtenlage. Schade nur, wenn diese für Politiker reservierte Presseschau mal an den realen Verhältnissen komplett vorbeigeht. So wie offenbar in den vergangenen Monaten in Sachsen.

    „Ich hätte mir gewünscht, dass ich früher gewarnt worden wäre“, beschwerte sich daher gerade der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. Den Ernst der Lage habe er erst im Dezember erkannt, als er mehrere Krankenhäuser in Pirna, Görlitz, Aue und Bischofswerda besuchte. Leider sagte er nicht, wer genau ihn hätte warnen müssen. Wäre es wirklich zu viel verlangt gewesen, wenigstens einmal die Woche ins allgemein verfügbare Internet reinzuschauen? Hätte die Kanzlerin ihre Empfehlungen für die Ministerpräsidentenkonferenz vielleicht in „einfacher Sprache“ ausdrucken müssen? Oder ist es die Schuld der Virologen, die sich einfach nie vor Kretschmers Gartenzaun versammelt haben? Dabei kann er doch beim Schneeschippen in seiner Auffahrt stets am besten zuhören, wie er gerade im freundlichen Plausch mit einer Gruppe „coronakritischer“ Reichsbürger unter Beweis stellte.

    Dummerweise steht der possierliche Sachse mit dem traurigen Dackelblick in Sachen pandemische Sinnestrübung nicht allein. Auch außerhalb des „Tals der Ahnungslosen“ existieren faszinierende Parallelwelten – und zwar genau so viele wie es Bundesländer gibt. Während in einem Land Kinder hochinfektiös sind, tragen sie im anderen gar nicht zum Infektionsgeschehen bei. Während man hüben den Bewegungsradius einschränkt, sieht man drüben dazu keine Veranlassung. Und in Berlin erfreute man sich zuletzt eines überaus kunstvoll dargebrachten dreimaldreifachen Rittbergers in der Frage Schulöffnung bzw. – schließung. Durch die mit jeder Umdrehung dünner werdende Luft wirbelte dabei zwar noch erwartungsgemäß der Regierende Bürgermeister Michael Müller mit seinen Lieblingssenatorinnen Dilek Kalayki (Gesundheit) und Sandra Scheeres (Bildung). Gelandet wurde der aufsehenerregende Schleifensprung dann aber überraschender Weise von der neuen Berliner SPD-Vorsitzenden Franziska Giffey, die in der Senatseisarena eigentlich gar nichts zu suchen hatte. Als ehemalige Doktorin und Noch-Bundesministerin für alle Bevölkerungsgruppen außer kinderlosen Männern zwischen 18 und 67 („Familie, Senioren, Frauen und Jugend“) traute man ihr jedoch zu, auch diese Luftnummer irgendwie zu Boden zu bringen. Und tatsächlich: Mission accomplished!

    Immerhin einer aus der lustigen deutschen Ministerpräsidentenrunde zeigte sich zuletzt ernsthaft zerknirscht ob seiner fortgesetzten Renitenz gegen Kanzlerin, Wissenschaft, Vernunft und Realität: Bodo Ramelow. Für diese Erkenntnis musste sein Bundesland allerdings erst mal zu einem Mega-Seuchen-Hotspot werden. Was ihn in den Monaten zuvor dazu veranlasste zu glauben, die Pandemie könne einen Bogen um Thüringen machen, das verriet er leider nicht. Fazit: Nur weil ein Politiker vergleichweise sympathisch erscheint, muss er noch lange nicht die hellste Leuchte sein. Beziehungsweise: Was im dunklen Thüringer Wald wie ein LED-Flutlicht erscheint, ist aus globaler Perspektive oft doch nur ein Glühwürmchen.

    Apropos trübe Funzeln: In wenigen Tagen ist es so weit – die CDU bekommt einen neuen Vorsitzenden! Zur Wahl stehen: 1. Der fröhliche Fritz, der Vergewaltigung in der Ehe nicht unbedingt strafwürdig findet, zu Schwulen gerne einen Corona-Mindestabstand einhält und von findigen US-Journalisten inzwischen als Horcrux von Donald Trump entarnt wurde. 2. Ein aus Aachener Printenmasse zurechtgekneteter Golem in Hobbitgestalt, von dem man seltsamerweise glaubt, er würde die nüchterne Politiklinie Angela Merkels fortsetzen, obwohl er doch im bisherigen Verlauf der Pandemie nichts unversucht gelassen hat, deren Vorgaben zu unterlaufen. 3. So ein kleiner Streber, der es auf dem Schulhof bestimmt nicht leicht hatte, trotzdem irgendwann mal Umweltminister war und meint, dass die CDU durch ihn „weiblicher“ würde. Nicht zur Wahl stehen hingegen: 1. Unser hochverehrter BeBugaZ, weil er sich zu Pandemiebeginn im Koffer des Aachener Hobbitgolems vor seinen ministerialen Aufgaben versteckt hat und da jetzt nicht mehr rauskommt. 2. Der grün geschminkte Heimatkreuz-Oger aus dem Frankenland, weil er halt in das falsche Parteibuch hineingeboren wurde. 3. Die Kanzlerin, weil sie verständlicher Weise keinen Bock mehr hat, gebetsmühlenartig auf derart bizarre Gestalten einzureden. Wie es ausgehen wird? Man darf gespannt sein – muss man aber nicht.

    Wer ohne Spannung nicht leben kann, in seinem kontaktreduzierten Corona-Alltag aber partout keine mehr findet, der kann sich noch ein paar Tage lang fragen, ob Donald Trump vielleicht doch noch die atomare Weltvernichtung startet oder wenigstens seinen designierten Nachfolger bei dessen Inauguration von einem Ork-Mob lynchen lässt. Seit der Erstürmung des Kapitols durch so eine Rotte weltanschaulich höchst individuell entgrenzter Eso-Nazifreaks, deren einziges verbindendes Element es ist, dass sie einen wirr vor sich hin stammelnden Hotelier zu ihrem Führer erkoren haben, sind der Phantasie hier eigentlich keine Grenzen mehr gesetzt. Wem solche Gruselschocker zu krass sind, wer also eher das Spannungsgefühl ersehnt, dass halbsedierte Senioren beim ZDF-Vorabendkrimi empfinden mögen, der darf sich freuen, dass 2021 ein sogenanntes Superwahljahr ist. Wer die Ergebnisse jetzt noch nicht wissen will, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen.

    Ergebnisspoiler: Baden-Württemberg bleibt grün-schwarz. Rheinland-Pfalz wird schwarz-grün. Thüringen und Sachsen-Anhalt bleiben ziemlich braun, egal wer gewinnt. In Berlin findet die Wahl wegen technischer Mängel erst 2031 statt. Und Mecklenburg-Vorpommern wird künftig direkt von Putin regiert. Nur über den Ausgang der Bundestagswahl streiten die Experten derzeit noch.

    Gemeinsam mit den geschätzten Kollegen Ivo Bozic, Svenna Triebler, Roland Röder und Leo Fischer hat Manja Präkels daher in der letzten Jungle World, die verschiedenen Szenarien mal durchgespielt – nachzulesen hier. Darüber hinaus war sie online zu Gast im #30JahreFeierlaune-Talk von „Glücklicher Montag“ – hier zu sehen.

    Markus Liske dagegen befindet sich derzeit auf einem Ausflug in die Untiefen der deutschen Corona-Politik, der nächste Woche in der Jungle World zu lesen sein wird, und reist anschließend für die Taz gemeinsam mit Kurt Tucholsky und Erich Mühsam nach Sachsen. Die Verlinkung zu beiden Texten dann im nächsten Newsletter.

    Winterpause macht derzeit noch DER SINGENDE TRESEN. Nichtsdestotrotz wird es auch von der Band bald Neues zu hören geben. Was das ist und wie das mit einer längst überfälligen Veränderung in unserer kleinen Gedankenmanufaktur zusammenhängt, das – werdet ihr schon bald erfahren …

    Und das Beste zum Schluss: Manja Präkels ist ab Februar Stadtschreiberin im schönen Rheinsberg! Das ist zwar mehr als 15 Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt, aber für berufliche Reisen wie diese zum Glück weiterhin zugänglich. Applaus und Konfetti!!!

    Damit genug für heute. Lasst euch nicht unterkriegen und versucht euren Humor zu behalten, egal wie es mit Trump, seinem deutschen Horcrux und den Inzidenzzahlen weitergeht! Denkt immer daran: Beim jetzigen Tempo wird es höchstens vier Jahre dauern, bis wir alle geimpft sind und uns wieder leibhaftig begegnen können. Danke auch dafür, unvergleichlicher BeBugaZ!

    Eure Zwei-, bzw. inzwischen Dreisiedler in der

    Gedankenmanufaktur WORT & TON

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