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    WORT & TON im März/April

    Posted by on Mrz 15, 2021

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    ihr müsst jetzt ganz stark sein, denn wir haben schlimme Nachrichten für euch. Sicher, für die meisten von euch wird es unvorstellbar sein, aber doch ist es wahr: Es gibt korrupte Politiker! Ja, schlimmer noch: Es waren ausgerechnet Mitglieder unserer Grand Old Parties CDU und CSU, die kürzlich der persönlichen Bereicherung an der Coronakrise mithilfe schmutziger Deals überführt wurden. Schockierend nicht wahr?

    Uns hat es gleich doppelt entsetzt. Zum einen, weil man sich bei Parteien, die das C im Namen tragen, doch sonst immer absolut sicher sein kann, dass ihr politisches Handeln ausschließlich der christlichen Nächstenliebe verpflichtet ist – siehe etwa ihre Flüchtlings- oder Sozialpolitik. Zum anderen, weil es doch außerdem zum Markenkern der Union gehört, dass man sich bei seinen Mauscheleien nicht erwischen lässt. Und jetzt, kaum ein Jahr nachdem schon ihr strahlender Hoffnungsträger Willy … äh, nein: Philipp Amthor über lobbyistische Zwielichtigkeiten zu Fall kam, stehen schon wieder zwei konservative Lichtgestalten mehr im Blau- als im Rampenlicht: Georg Nüßlein (CSU) und Nikolas Löbel (CDU). Nun fragen wir uns: Was ist los in der Unionsfraktion im Bundestag, wenn anscheinend gleich mehrere Mitglieder den verpflichtenden Aufbaukurs „Abgreifen – aber richtig“ von Altmeister Fritze Merz schwänzen konnten, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Ist denn wirklich auf nichts mehr Verlass?

    Mal im Ernst: Der Blick auf Luxusimmobiliensammler Jens Spahn und Steuergräber Andi Scheuer zeigt doch, dass man wirklich keine Geistesgröße sein muss, um Lobbyismus unterhalb der Rücktrittsgrenze zu betreiben. Was soll aus unserer Demokratie werden, wenn künftig alle Lügner und Betrüger ihre Bundestagsmandate niederlegen müssen? Es steht schließlich schon in der Bibel: „Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Schein gibt in deine rechte Hand, dem biete auch die andre dar.“ (Mattäus 5,39b)

    Zum Glück ist das Wahlvolk besonnener als die deutsche Presse, die aufgrund des Skandals ein „Debakel“ (BILD) oder gar „Desaster“ (Spiegel) der CDU bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg prognostizierte und nachher dann natürlich auch so in ihre Schlagzeilen schrieb. Tatsächlich aber waren es gerade mal 2,9 und 4,1 Prozent, die die CDU abgeben musste. Und die gingen auch noch hauptsächlich an unsere Schmusepartei der Herzen, die so aufreizend gutgelaunt und von politischen Sachfragen nahezu untangiert durch den Wahl-Lenz hupft, dass ihr die Wählerstimmen ohnehin von ganz alleine zufliegen. Ja, die Grünen, so scheint es, sind zu einer Vorabendutopie ihrer selbst geworden – kontrovers wie die Rama-Familie, innovativ wie der Bergdoktor und seriös wie das Traumschiff. Kein Wunder, dass sich alle 11 Minuten ein Wähler in diese meistgekaufte Matratze Deutschlands verliebt. Chapeau!

    Was die Wahlen indes wirklich gezeigt haben: Nicht nur Besonnenheit, auch der Wunsch nach Diversität treibt die deutschen Wähler um. Anders ist es nicht zu erklären, dass die notdürftig als Partei getarnte Lobbyistenkontaktstelle FDP nicht für immer und ewig unter der 5-Prozent-Hürde weggesperrt wird, ja, in Baden-Württemberg sogar mit satten 10,5 Prozent ins Ziel gegangen ist. Ähnlich aufschlussreich sind auch die Ergebnisse der AfD in beiden Ländern: Nachdem es dieser Partei ein ganzes Jahr lang nicht gelungen ist, irgendeine konsistente Haltung zur allgegenwärtigen Coronakrise zu entwickeln, und sie es nur noch mit ihren diversen Nazi-Vernetzungen in die Schlagzeilen schaffte, können wir davon ausgehen, dass die 5,4 bzw. 4,3 Prozent, die sie bei den Wahlen verloren haben, die vielbeschworenen „Protestwähler“ waren, um die die anderen Parteien seit Jahren buhlen. Und damit ist zumindest für diese beiden Bundesländer endlich klar, wie hoch der Prozentsatz an Rechtsextremen in unserer Gesellschaft ist: 9,7 bzw. 8,4 Prozent. Für ganz Deutschland wird dieser Wert natürlich aufgrund gewisser regionaler Gemengelagen noch etwas nach oben korrigiert werden müssen, sodass als Faustregel künftig gelten kann: Nur jeder zehnte Mitmensch, der uns auf der Straße begegnet, ist rechtsextrem. Wenn das nicht beruhigend ist …

    Weniger beruhigend ist das aktuelle Infektionsgeschehen. Wie von allen halbwegs satisfaktionsfähigen Virologen und Epidemiologen in den letzten Monaten prognostiziert, steigen sowohl Fallzahlen als auch Inzidenzwert seit einiger Zeit wieder kontinuierlich an. Die dritte Welle ist da. Aber seien wir nicht undankbar. Ganz umsonst waren sie nicht, die „Öffnungsdiskussionsorgien“ der letzten Wochen. Wenigstens wissen wir jetzt, was theoretisch bei einem Inzidenzwert von 50 oder gar 35 alles wieder möglich sein könnte. Da aber unsere Regierung den von der Initiative #ZeroCovid und vielen Wissenschaftlern geforderten „solidarischen Shutdown“ der Wirtschaft unbedingt vermeiden wollte, gehen wir nun halt doch nicht über Los, sondern direkt wieder ins Lockdown-Gefängnis.

    Obwohl … ganz so direkt auch wieder nicht. Denn lustigerweise haben unsere Regionalpolitiker nach all der Zeit immer noch nicht realisiert, wie so eine Pandemie funktioniert, hoffen infolgedessen offenbar, dass die Zahlen schon irgendwann von selbst wieder sinken, und halten an ihren diversen Lockerungsschritten fest. Das Land Brandenburg zum Beispiel öffnet ab Montag unverdrossen auch die weiterführenden Schulen, und nahezu überall beleben Termin-Shopping-Bummler auf bezaubernde Weise das Straßenbild ihrer Städte. Sollen doch die Intensivmediziner nach einer Rückkehr zum „harten“ Lockdown schreien – was wissen die schon! Immerhin impfen wir ja jetzt wie die Weltmeister. Stolze 7,5 Prozent der Bevölkerung haben den ersten Piks bekommen, rund 3,5 Prozent sogar schon den zweiten. Teilt man die absolute Zahl der vollständig Geimpften einfach mal durch die Gesamtzahl aller Städte in Deutschland (2054), bedeutet das, dass in den zweieinhalb Monaten seit Impfbeginn in jeder deutschen Stadt ganze 19 Menschen pro Tag geschützt wurden. Nimm das, Virus!

    Geht es in diesem Tempo weiter, wartet eine glorreiche Zukunft auf uns – also im Jahr 2023 oder so. Und wer könnte diese Zukunft besser gestalten als unsere junge, frische Hoffnungspartei, die SPD. Passenderweise hat die sich gerade ein innovatives „Zukunftsprogramm“ gegeben, so originell und ideensprühend, dass einem ganz schwindelig davon werden könnte. Markus Liske hat sich die Mühe gemacht, die wesentlichen Eckpunkte dieses begeisternden Papiers unter dem Titel „Mit Sternchen in die Zukunft“ für die Jungle World zusammenzufassen. Kleiner Spoiler: Olaf Scholz wird wohl eher nicht Kanzlerin werden. Damit nun aber genug von der strahlenden Zukunft und zurück in die trübe Gegenwart. Zu dieser hat Liske nämlich dem Wiener Literaturfreund Walter Pobaschnig für sein Blog Literaturoutdoors fünf Fragen zum  Schriftstelleralltag in der Pandemie beantwortet – nachzulesen hier.

    Manja Präkels‚ Pandemiealltag findet dieweil weiterhin im beschaulichen Rheinsberg statt. In ihrer dortigen Stadtschreiberwohnung entsteht allerdings nicht nur ihr neuer Roman, sondern auch Musik und Liedtexte für DER SINGENDE TRESEN. Und so fügte es sich ganz zauberhaft, dass die Band ein kleines Stipendium erhielt, mit dem sie die neuen Songs ausgerechnet wo proben durfte? Genau, im Schlosstheater von Rheinsberg! Aber nicht nur dieser ungewöhnliche Probenort für die neue CD ist eine Meldung wert, sondern auch das Label auf dem sie erscheinen wird. Nach jahrzentelangem Ärger über Abrechnungen von Plattenfirmen, die entweder überhaupt nicht erstellt wurden oder so umfangreich und allgemeinverständlich wie Doktorarbeiten über Quantenphysik daherkamen, hatten wir endlich die Faxen dicke und haben unser eigenes Label gegründet. Es heißt Fropsrecords, und die Geschäftsführung haben wir dem wahrscheinlich vertrauenswürdigsten Plattenmogul aller Zeiten übertragen – unserem Feelgoodmanager Frodo. Allerdings wird die neue TRESEN-CD nicht die erste Veröffentlichung auf Fropsrecords sein. Voraussichtlich im Mai erscheint dort schon mal das Hörbuch zu „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“.

    Ihr seht, wir lassen die Köpfe nicht hängen. Also tut ihr das bitte auch nicht! Eventuelle Schlappheitsgefühle müssen nicht zwangsläufig „Long Covid“ sein. Manchmal ist es auch nur Politikverdrossenheit. Oder Frühjahrsmüdigkeit. Beides geht vorbei – einfach nur den Fernseher ausmachen und auf den Sommer warten.

    Zum Schluss noch eine kleine Anmerkung zu unserer Impfstatistik oben: Natürlich wissen wir, dass in Städten wie Berlin, Hamburg, Köln etc. hochgerechnet auf die Tage seit Impfbeginn weitaus mehr als 19 Menschen täglich geimpft wurden. Deshalb haben wir uns auch den naheliegenden Scherz „Telefonzellen zu Impfzentren!“ geschenkt. Leider heißt das jedoch im Umkehrschluss, das in einem Großteil der 2054 deutschen Städte bislang keine einzige Impfung stattfand, was dann natürlich wieder gut zur Anzahl dort vorhandener Telefonzellen passen würde, so wir denn diesen Scherz gemacht und uns damit auf das Wagnis eingelassen hätte, dass die Jüngeren von euch vielleicht gar nicht mehr wissen, was eine Tele… ach, lassen wir das.

    Eure unbestechlichen Hobbystatistiker in der

    Gedankenmanufaktur WORT & TON

     

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