WORT & TON im Oktober/November 2020

    Posted by on Okt 2, 2020

    Liebe Freunde von WORT & TON,

    ein Oktober großer Jubiläen steht an! Sensationelle 30 Jahre zum Beispiel ist es nun schon her, dass Kasachstan und Turkmenistan ihren Austritt aus der Sowjetunion erklärten und die DDR ihren Austritt aus sich selbst. Briten und US-Amerikaner stellten daraufhin den feiernden Turkmenen, Kasachen und Einheitsdeutschen in Aussicht, ihnen zu Ehren baldmöglichst ein größeres Feuerwerk im Irak zu entzünden. Die Ruandische Patriotische Front, die heute Ruanda regiert, begann ihren folgenschweren Guerillakrieg gegen den damaligen Machthaber Milton Obote, und eine deutsche Wodkamarke wurde mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

    Aber das wichtigste Ereignis war natürlich dieses deutsche Einheitsding – Hammer! So weltbewegend war das, dass man den grundlegenden Einigungsvertrag zuvor von zwei echten Lichtgestalten der deutschen Nachkriegsgeschichte hatte unterschreiben lassen: Wolfgang Schäuble und Günther Krause. Der Ossi von beiden wurde später wegen eines Betrugs rechtskräftig verurteilt, der Wessi wegen eines anderen Betruges … nicht. Der entschuldigte sich einfach beim Bundestag und gut war’s. Okay, mit dem Vertragswerk von 1990 hatten beide Fälle zwar nichts zu tun, aber dafür wohnt den weiteren Karrierewegen der beiden Herrn eine treffliche Symbolik inne: Der nicht verurteilte West-Betrüger (dessen 100.000 Märker verschwunden blieben) war zwischenzeitlich Finanzminister und ist heute als Bundestagspräsident der zweitwichtigste Mann im Staat. Der verurteilte Ost-Betrüger musste ins RTL-Dschungelcamp.

    Was die beiden auf den Weg gebracht haben indes, das dauert an und ist eine faszinierende Erfolgsgeschichte: In jedem Frühling blühen im Osten die deindustrialisierten Landschaften, Lamas und Strauße äsen friedlich auf den Landsitzen der zurückgekehrt Hohenzollern und von Arnims, sämtliche Innenstädte wurden pastellfarben angestrichen, und trotz all dem wählt gerade mal ein Viertel der dort lebenden Menschen kontinuierlich rechtsextreme Parteien. Das ist insofern bemerkenswert, als damit die Naziquote im Beitrittsgebiet wahrscheinlich geringer ist als unter den gesamtdeutschen Polizisten, Soldaten und Verfassungsschützern. Jedenfalls lässt das der morgendliche Blick in die Zeitung vermuten.

    Kaum ein Tag vergeht mehr, an dem nicht irgendein Reichsbürgernetzwerk oder eine Nazi-Chatgruppe in den Sicherheitsorganen enttarnt wird und Datensätze von Polizeicomputern in braune Sümpfen versickern: Hannibal, Nordkreuz, NSU 2.0 – man kommt kaum noch hinterher, selbst wenn man sich Mühe gibt. Kein Wunder, dass der Bundesinnen- und Heimatminister gar nicht erst den Versuch unternimmt Aufklärung zu schaffen und eine unabhängige wissenschaftliche Studie zum Thema weiterhin ablehnt. Er hat schließlich noch andere wichtige Dinge zu tun, die sonst zweifellos zu kurz kämen. Mit seiner Modelleisenbahn spielen zum Beispiel. „Vertuschen“ will er aber nichts, wie er gerade noch mal erklärte, und das, obwohl er doch tagtäglich Wolfgang Schäuble sieht und mithin wissen sollte, wie weit man Vertuschungen kommen kann. Ist halt eher der altruisitische Typ, unser Horst. Und um sicherzustellen, dass unter seiner Ägide auch wirklich nichts vertuscht wird, hat er nun den Verfassungsschutz damit beauftragt, sich selbst einfach zu untersuchen und einen entsprechenden Lagebericht zusammenzustellen. Schon pfiffig.

    Schade, dass der Horst kein Amerikaner ist. Drüben in den USA werden solche politischen Talente nicht auf der Ministerbank vergeudet – dort hätte er locker Präsident werden können. Aber der derzeitige Amtsinhaber ist natürlich auch nicht schlecht. Im ersten großen TV-Duell vor der Präsidentschaftswahl eine rechtsextreme Gruppierung öffentlich dazu aufzufordern, sich für den Fall der Fälle (also seine eventuelle Abwahl) bereit zu halten, das hat schon was. Was kommt als nächstes? Nowitschok-Attentat auf Joe Biden? Verbot der Demokratischen Partei als linksradikale Vereinigung?

    Wie auch immer, der Herbst wird zweifellos spannend – jedenfalls, sobald das Einheitsgedöns hinter uns liegt: Wird der deutsche Verfassungsschutz Nazis in seinen Reihen entdecken können? Wenn ja, wie hoch ist der R-Wert? Und: Ist es nur ein PR-Coup oder hat Trump wirklich Corona? Wenn ja, hat er dann beim TV-Duell weit genug gespuckt, um Joe Biden anzustecken? Kommt sie also doch noch, die Doppelweltherrschaft von Angela Merkel und Bill Gates? Fragen über Fragen. Besonders spannend für uns persönlich wird allerdings sein, welche der kommenden Lesungs- und Konzerttermine wir tatsächlich werden wahrnehmen können, bevor uns das Virus wieder in die eigenen vier Wände verbannt. Aber bleiben wir hoffnungsfroh und schreiben wie üblich an dieser Stelle: Hier unsere …

    TERMINE

     

    Fr. 02. Oktober, 20:00 Uhr

    Manja Präkels: „Kirschen mit Musik“ – szenische Lesung, begleitet von: Benjamin Hiesinger (Bass) und Thorsten Müller (Klarinette)

    Nationaltheater

    Weimar

     

    Sa. 03. Oktober, 20:00 Uhr

    Manja Präkels: „Kirschen mit Musik“ – szenische Lesung, begleitet von: Benjamin Hiesinger (Bass) und Thorsten Müller (Klarinette)

    Anschließend: Konzert mit DER SINGENDE TRESEN

    E-Werk

    Erlangen

     

    Do. 08.Oktober, 19 Uhr

    DER SINGENDE TRESEN (kleine Besetzung): Eröffnung der Ausstellung „Erika Mann. Kabarettistin – Kriegsreporterin – politische Rednerin“

    Deutsche Nationalbibliothek

    Frankfurt/Main

     

    Mo. 12. Oktober, 18 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Zitadelle

    Berlin-Spandau

     

    Mi. 14. Oktober, 19:30 Uhr

    Markus Liske liest: „Sechs Tage im April – Erich Mühsams Räterepublik“

    Jaz (Veranstalter Sequential Art)

    Rostock

     

    Mi. 14. Oktober, 19:00 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Parkclub

    Fürstenwalde

     

    Sa. 24. Oktober, 20:00 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Komplex

    Chemnitz

     

    Do. 29. Oktober, 19:30 Uhr

    Manja Präkels liest: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

    Literaturhaus

    Dortmund

     

    Zum Abschluss möchten wir hier noch mal auf einen Strauß sehr lesenswerter Texte zu den historischen Ereignissen 89/90 verweisen, der bereits im letzten Herbst auf Luxemburg Online erschien. Neben Manja Präkels haben sich auch so großartige Kollegen wie Anke Stelling, Annett Gröschner, Steffen Mensching oder Enno Stahl daran beteiligt. Hier zu lesen.

    Euch und uns, liebe Freunde, wünschen wir, dass wir alle gut durch den Winter kommen. Haltet euch fern von amrikanischen Präsidenten, deutschen Sicherheitsorganen und Maskenverweigerern – besser ist das.

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